Saisoneröffnung 19/20 in Bonn mit dem Rosenkavalier. Josef Ernst Köpplinger gibt sein Regiedebüt!

Der Rosenkavalier ist im Repertoirebetrieb DAS Vorzeigestück für festliche Anlässe! Ein Fest der Stimmen! Und für eine Saisonpremiere eine repräsentative Wahl. Das Theater Bonn eröffnet seine Saison 19/20 mit dieser Richard-Strauss-Oper noch aus einem anderen Grund. Josef Ernst Köpplinger, gebürtiger Österreicher, hat für die Regie zugesagt. Das war für den Bonner Generalintendanten Bernhard Helmich Bedingung, um das Stück als Saisonpremiere zu setzen. Köpplinger gilt als ein Regisseur, der sowohl im Sprech- wie Musiktheater zuhause und zudem ein erklärter Operetten-Regisseur ist. Seit 2013 ist er Intendant am Münchner Gärtnerplatztheater und setzt in seinen Spielplänen immer wieder Musicals oder Operetten gleichberechtigt neben die große Opernliteratur. Köpplinger schwört auf die leichte Muse, so sie Unterhaltung mit Haltung bietet! Der Rosenkavalier ist aber natürlich keine Operette! (Von Sabine Weber)
(4. Oktober, Theater Bonn) Nein, natürlich nicht! Hugo von Hofmannsthal hat das Szenario „Spieloper“ genannt, als er es Richard Strauss vorschlug. Und eigentlich gilt der Rosenkavalier heute als die erste Literaturoper, in der Komponist und Dichter auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Die Rolle der Marschallin bringt zudem philosophische Tiefe mit dem Nachsinnen über Zeit und Vergänglichkeit von Schönheit hinein. Aber es gibt dennoch drastische Komik, sogar Travestie, wie es für die Operette typisch ist. Der Rosenkavalier ist eine Hosenrolle, eine von einer Frau gesungene Männerrolle, die sich im Verlauf des Stücks mehrmals auch noch als Frau zurück verkleidet, als Kammerzofe Mariandl. Da wären ein Doktor und ein Notar, die Nebenrollen spielen, und natürlich der komische Baron Ochs auf Lerchenau, ein dicker anmaßender Freier, der die junge Sophie nur wegen des Geldes heiraten will, polternd auftritt und vom Rosenkavalier schlussendlich ausgestochen, sogar in einer Kneipenszene im Beissl der Lächerlichkeit Preis gegeben wird. Es braucht im Rosenkavalier also gute Singschauspieler, Darsteller, die Singen-Sprechen und vor allem spielen können. Das Ensemble in Bonn war in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Wucht. Martina Welschenbach als Marschallin edel zurückhaltend, hat umso ausdrucksstärker gesungen und mit ihren erst 32 Jahren ein fantastisches Rollen-Debüt gegeben. Im Stück soll die Marschallin 36 Jahre alt sein. Erstaunlich, dass damals in diesem Alter schon eine Midlifecrisis Thema ist. Emma Sventelius als Octavian, Rosenkavalier und ihr Geliebter, im Stück 17 Jahre jung, ist gerade neu im Ensemble – und was für einen überzeugend stürmisch-jugendlichen Liebhaber sie darstellen konnte! Dazu Louis Kemény, ebenfalls aus dem Ensemble, als zarte Sophie und Heiratsobjekt bezaubert mit atemberaubenden Tönen. Die drei Frauenrollen sind in Bonn ganz jung besetzt, waren alle hell gekleidet und haben sich vor den Männern wie eine Opernhollywood-Besetzung abgesetzt.

Das Intrigantenpaar Annina (Anjara l. Bartz) undValzacchi (Johannes Mertes) hinter Ochs (Franz Hawlata);
Das Intrigantenpaar Annina (Anjara l. Bartz) undValzacchi (Johannes Mertes) hinter Ochs (Franz Hawlata). Foto: Thilo Beu

Eine Wucht ist natürlich Franz Hawlata, der in den USA an der Met auch mit dieser Rolle debütiert hat. Die Rolle des Ochs hat er über 600 Mal gesungen und zelebriert genüsslich den ältlichen Schürzenjäger, der alle derb rumkommandiert und grandios und mit Haltung untergeht! „Wir gehen!“ Problemlos changiert er zwischen Sprechen und Singen und kann als gebürtiger Bayer auch noch herrlich wienern.
Der Rosenkavalier spielt in Wien zur Zeit Maria Theresias. Nicht von ungefähr heißt die Marschallin auch Marie Theres. Nach seiner fulminant dissonanten und die Bürger verschreckenden Salome wollte Strauss erklärtermaßen eine Mozart-Oper schreiben. Strauss hat Mozart bewundert. Die Rokoko-Kunstfigur Octavian, ein Wiedergänger des Mozartschen Cherubini, ist eine nostalgische Fantasiefigur und trägt beim Überreichen der Silberose auch silbergraue Bundhose mit Gehrock. Ansonsten gibt es kein Rokoko. Strauss hat die Rosenkavalier-Partitur ja auch mit zuckrigen Walzern übergossen, die es im Rokoko ja noch gar nicht gab, dafür aber im Wien seiner Zeit en vogue waren. Und angeblich hat Strauss auch gern mal in Wien Operette dirigiert und sich im Rosenkavalier auch bei den Wiener Walzerkönigen bedient. Für den Lerchenau-Walzer hat er sich unüberhörbar vom Dynamidenwalzer Joseph Strauss‘ inspirieren lassen.
Rokoko spielt dann auch szenisch in Bonn keine Rolle. Bühnenbildner Johannes Leiacker hat zwei in der Perspektive spitz zulaufende, riesige Wandreihen konzipiert, die auf der einen Seite mit halbblind angelaufene Spiegelelemente – der Spiegel als ein Symbol für die Vergänglichkeit – bestehen und auf der anderen Seite das Stilleben einer Rose im Blumenbild überdimensional zeigt. Sibylla Merian könnte es gezeichnet haben. Wer genau hinschaut, sieht auch die Insekten im Bild, die ja auch ein typisches Vanitas-Symbol in den Stillleben der flämischen Meister sind. Im zweiten Akt sind die Spiegel dann rechts und links ein Stillleben mit einer Schale und Austern, ein Sinnbild für Verderblichkeit. Im letzten Akt dann ein Memento Mori mit Totenkopf. Diese Wände bestehen aus Dreieckspyramiden, die sich bewegen, öffnen, verschieben oder drehen, womit immer wieder neue Perspektiven im Spiel entstehen.

Ansonsten sind die Requisiten spärlich. Ein Bett im ersten, eine Bücherwand und Stühle im zweiten. Im letzten dann die Kneipe, wo Baron Ochs auf Lärchenau mittels einer kleinen Farce als unseriöser Schürzenjäger entlarvt wird. Regisseur Josef Ernst Köpplinger lässt vor allem spielen. Sehr körperlich, sehr sinnlich, sehr echt. Die Liebesnacht muss stürmisch gewesen sein, nach dem Nachspiel zu urteilen, das Marschallin und Octavian mit viel Hautkontakt gleich zu Anfang der Oper zelebrieren.
Viel Text ist durchweg zu sprechen, was aber nie zu einem gestischen unbeholfenen Stillstand führt. Mimik, Gesten, Haltung wirken immer echt und aus dem Moment heraus. Ganz wunderbar gelingt das Finale im ersten Akt mit der Reflexionsarie Die Zeit ist ein sonderbar Ding. Die Marschallin sitzt alleine auf einem Stuhl. Und die komischen Momente werden zu keinem Zeitpunkt überzogen. Es gibt keinen oberflächlichen Klamauk oder Running Gags. Auch keine Lustig-Fallen werden gestellt und hineingetappt. Allenfalls der saufende Lerchenau-Haufen, der mit dem Baron zur Stelle ist, kaspert in der zweiten Reihe. Karrikaturenhaft wie man sie von dem berühmten Berliner Karrikaturisten Georg Grosz kennt.
Wunderbar, wie im zweiten Akt Octavian Sophie begegnet, der ihre eine Silberrose als Brautwerber für Ochs überreicht und sofort knistert es zwischen den Beiden. Aber die Annäherung ist zaghaft, unbeholfen. Stühle werden zu einander und wieder weg von einander geschoben, während dahinter ein grotesker Heiratshandel der Alten stattfindet.

Ochs (Franz Hawlata); Chor; Statisterie
Ochs (Franz Hawlata); Chor; Statisterie. Foto: Thilo Beu

Das Beethovenorchester Bonn unter seinem Generalmusikdirektor Dirk Kaftan wirft sich mit Verve in die große Partitur und kitzelt vor allem die dissonanten Momente der Komödie heraus. Strauss hat ja keine komische Musik geschrieben. Couplets wie Jacques Offenbach. Das Komische quillt als Ereignis aus dem Orchester heraus. Den Walzern wollte Kaftan auch keine Zuckerkruste geben. Sie kommen mit wenig Elastizität eher zackig und schwingen ganz und gar nicht wienerisch unbeschwert. Die Sängerbegleitung ist akkurat, präzis, stützend, nicht zu laut. Die kammermusikalischen Momente gelingen hervorragend, beispielsweise im Finale des ersten Satzes, wenn die Marschallin allein auf ihrem Stuhl sitzt und darüber nach denkt, dass die Zeit ein sonderbar Ding ist. Schönheit ist vergänglich – um sie herum ist in diesem Moment alles Spiegel, ihr junger Liebhaber wird sie für eine jüngere verlassen. Das Licht dimmt auf Abenddämmerung. Keinen, den dieser Moment nicht berührt. Das Damenfinale, das berühmte Rosenkavalier-Trio treibt einem dann wirklich die Tränen in die Augen. Im letzten Akt fahren die beiden Wände auseinander und geben den Blick frei in die Unendlichkeit, wo es schneit oder Sternschnuppen fallen. Die Marschallin gibt ab. Und alle Gefühle sind bei ihr als sie nach links abtritt. Und

Octavian (Emma Sventelius) und Sophie (Louise Kemeny). Foto: Thilo Beu
Octavian (Emma Sventelius) und Sophie (Louise Kemeny). Foto: Thilo Beu

Octavian und Sophie finden sich in einem wunderbar gesungenen Liebesduett, garniert mit einigen heftigen Humphrey Bogart Küssen wie in Casablanca. Die Gräfin kommt nochmals mit Faninal, auch hier hat sie die Fäden in der Hand und sorgt dafür, dass Octavian seine Sophie bekommt. „Wie gut sie ist!“ singt Octavian sichtlich berührt. Es gibt einen versöhnlichen Abschied – mit dem Brautvater zusammen, Herrn von Faninal, der erst heftig den Zeigefinger zückt, dann aber dem jungen Bräutigam die Hand reicht. Faninal und Marschallin gehen gemeinsam ab. Und Octavian und Sophie jubeln hinterher. Diese Komödie über die Vergänglichkeit (Köpplinger) ist gelungen. Aus dem Publikum brandet ein unglaublicher Jubel nach vorne. Für die Sänger, die Regie, Josef Ernst Köpplinger hat hier sein Debüt gegeben. Eine prächtig gelungene Saisoneröffnung, nach der das Theater Bonn getrost dem Beethovenjahr 2020 entgegen sehen kann. Mit Fidelio soll das Jahr eröffnet werden. Und Martina Welschenbach als Leonore ein weiteres Rollen-Debüt hier geben. Bonn ist eine Oper, die jungen Sängern Chancen gibt!

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