„Peter Grimes“ mit Hindernissen – Ein Tag im Leben eines reisenden Musikjournalisten

Die Premiere von Brittens „Peter Grimes“ an der Bayerischen Staatsoper wird auf den 6. März verschoben und prasselt in ein pralles Wochenende. Was im Abstand von Tagen oder einer Woche stattfinden sollte, drängt sich plötzlich in ein Wochenende, was Reibungen und Pannen vorprogrammiert. Ein Protokoll rund um einen Sonntag, an dessen Ende die „Peter Grimes“-Premiere verpasst und doch nicht ganz verpasst wird! (Von Klaus Kalchschmid)

Daniela Köhler wird als Brünnhilde in Bayreuth auf der Bühne stehen.

Der Sonntag beginnt großartig! Nach einem wunderbar aufgekratzten, glanzvollen Finale 3. Aufzug Siegfried mit Daniela Köhler und Andreas Schager an der Leipziger Oper abends zuvor (beide werden ab dem 3. August in diesen Partien auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses stehen!) trifft man Brünnhilde zum zweistündigen Gespräch. Es ist die Fortsetzung eines Treffens vor exakt zwei Jahren unmittelbar vor Beginn der Pandemie. Weil im März 2020 die Bayreuther Festspiele dann abgesagt wurden, lag das Interview auf Eis und muss nun auf den neuesten Stand gebracht werden.

Das Gespräch ist lustig und ergiebig, sodass ich beglückt fast den Zug in Leipzig verpasse. Der Bahnsteig ist voll mit Menschen. Der Zug von Berlin nach München dann heillos überfüllt. Man hört viel Russisch oder Ukrainisch, traut sich aber nicht nachzufragen, obwohl viele auch gut Deutsch zu sprechen scheinen. Natürlich gibt es keinen Sitzplatz, und im Stehen checke ich Mails und telefoniere. Meinen Text über die erste Live-Aufführung der neuen Musik von Olav Lervik zu Friedrich Wilhelm Murnaus legendärem Stummfilm Nosferatu in der Münchner Muffathalle exakt zum 100. Jahrestag der Berliner Uraufführung, hatte ich zwar längst abgeschickt. Beim Auftraggeber ist er allerdings im Spam gelandet – was erst durch telefonische Nachfrage geklärt, worauf er aus demselben auch gefischt wurde. (hier zur Besprechung)

Plötzlich heilloses Umstiegschaos, ich hätte in Erfurt umsteigen müssen. In falscher Richtung unterwegs, verpasster Anschluss, Stunden Verspätung. Statt um 16 Uhr komme ich exakt um 19:25 Uhr am Münchner Hauptbahnhof an . Die für 18 Uhr angesetzte Peter Grimes-Premiere an der Bayerischen Staatsoper ist verpasst.

Diese Premiere war über eine Woche nach hinten verschoben worden, weil diverse Corona-Erkrankungen die Aufführung nicht fristgerecht fertig werden ließen. Übrigens habe ich noch im Zug aus Leipzig versucht, den Livestream der Premiere aus der Bayerischen Staatsoper zu starten. Erst einmal funktioniert es auf dem nagelneuem Laptop mit großem Bildschirm auch hervorragend; doch dann immer wieder schwarzes, bzw. weißes Bild. Einzig die Einführung im Gespräch von Moderator Maximilian Meier vom BR mit dem Dramaturgen der Produktion, Malte Krasting, läuft für ein paar Minuten. Dann heißt es immer wieder „Seite kann nicht aufgerufen werden“. Ich verpasse die eindringliche Rede Serge Dornys, dass anschließend das Bayerische Staatsorchester die Europa-Hymne spielt, der das Publikum bewegt im Stehen zuhört. Wegen permanenter Fehlermeldungen sehe ich auch vom ersten Akt der Oper nicht eine Sekunde. Nach 20 Minuten breche ich die Versuche in dem 200km/h dahin brausenden Zug mit dem nicht funktionierenden WLAN ab. Zuhause, erlebe ich störungsfrei und zunehmend fasziniert immerhin die Liveübertragung des 2. und 3. Akts in HD!

Und die hat es in sich, denn Stefan Herheims dichte, mal fantastisch irreale, mal packend realistische Inszenierung der ersten Oper des 31-jährigen Benjamin Britten in geschickter Bildregie vor dem heimischen PC mit hervorragenden Kopfhörern zu erleben, ist ein Genuss der besonderen Art. Der Wechsel von Totale, Halbtotale und Nahaufnahmen funktioniert ausgezeichnet. Nur muss man, anders als bei den Live-Streams unter Vorgänger-Intendant Nikolaus Bachler, unter Serge Dorny auf deutsche Untertitel verzichten. Selbst wer ganz gut Englisch kann, ist bei der gesungenen Originalsprache oft auf verlorenem Posten. Die Option wahlweise zuschaltbarer Untertitel sollte beim nächsten Stream unbedingt wieder möglich sein.

Stuart Skeleton (Peter Grimes). Foto: Wilfried Hösl

Trotzdem teilt sich unmittelbar mit, wie ausgeliefert der Fischer Peter Grimes (Stuart Skelton) sich selbst und der Dorfgemeinschaft ist, starrköpfig und grenzenlos naiv versessen darauf, mit großem Fang so viel Geld zu machen, dass er Ellen (ein sanfter Fels in der Brandung mit rundem, warmem Sopran: Rachel Willis-Sørensen) heiraten kann. Die verwitwete Lehrerin kümmert sich um den Jungen, dessen Verletzungen durch Peter Grimes grobe Behandlung sie aufdeckt, dessen Tod nicht verhindert und am Ende ebenfalls nicht verhindern kann, dass der ohnmächtige Freund Balstrode (Iain Paterson) Peter nötigt, auf See zu fahren und nicht mehr wiederzukommen.

Stuart Skelton ist eine Idealbesetzung für diesen empfindsamen, aber immer latent aggressiven Mann, der seine Emotionen nicht im Griff hat. Mächtig von Statur und Stimme, sieht und hört man ihm die Kinderseele an und wie sie im Körper eines Mannes rebelliert.

Die bigotte Dorfgemeinschaft wie im Theater. Foto: Wilfried Hösl

Denn die bigotte Dorfgemeinschaft beobachtet den Fischer fast den ganzen Abend in ihrem spießig gewölbten Gemeindesaal argwöhnisch (Einheitsbühne: Silke Bauer). Wie im Theater oder in einer Kirche schauen sie auf den Hafen oder aufs Meer und den Mond oder seine Verfinsterung, wenn sie sich denn nicht auf der Vorderbühne zusammenrotten. Der Junge, den Peter Grimes für seine Ausfahrten zum Fischen braucht und der – wie schon sein erster „Lehrjunge“ – unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt, heißt John und ist hier fast gespenstisch allgegenwärtig und noch sehr klein. Doch am Ende gibt es einen dritten toten Jungen: Peter selbst!

Edward Gardner peitscht weder die berühmten Sea Interludes, in denen Herheim die Geschichte weitererzählt, schäumend auf, noch deutet er die Partitur allzu süffig. Was ich am PC hören kann, ist dennoch suggestiv und atmosphärisch dicht. Gespannt bin ich also auf die dritte Vorstellung am 13. März, die nach altem Theatergesetz die beste sein soll. Dafür habe ich mir in weiser Voraussicht vor Wochen schon einen Stehplatz im 3. Rang für 14 Euro gesichert, der schöne Platz im Parkett 15. Und am Tag selbst ganz bestimmt keine Zugfahrt!

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