Lyrisch, dramatisch, bezaubernd! Solen Mainguené wird als Manon in Freiburg bejubelt!

Elsa Dreisig war zuletzt die Manon-Entdeckung in Hamburg. Solen Mainguené dürfte ihr in der Manon-Oper Jules Massenets in Freiburg jetzt den Rang ablaufen. (Im Titelbild mit Joshua Kohl – Des Grieux – in Feierlaune. Foto: Paul Leclaire) Nicht nur ist sie äußerst attraktiv und erfüllt von unschuldig bis charmant-verführerisch bis zuletzt den aus Männersicht unwiderstehlichen französischen Frauentyp, wie eine Mischung Emmanuelle Seigneur, Sophie Morceau, Catherin Deneuve. Schauspielerisch umwerfend, aber auch stimmlich, als Französin perfekt im Sprech-Timbre liefert sie berührende Momente. Joshua Kohl als Des Grieux, vom Vater aus der wilden Beziehung in Paris entführt, kann ihr selbst im Schutz der Kirche und in Priestersoutane nur kurz Widerstand leisten. Mainguenés subtil gestaltete pianissimo-Passagen in ihrer Verführungsarie „Ist’s nicht meine Hand“, 3. Akt, lassen es sogar im Zuschauerraum knistern. Das Philharmonische Orchester des Theaters Freiburg unter der Stabführung des ersten Kapellmeisters am Haus, Ektoras Tartanis, geht mit dem französischen Klang exquisit um. (Von Sabine Weber)

(5.12.2021 Theater Freiburg) Es ist ein ganz großer Opernabend! Auch wenn der Regen depressiv-stimmend hinter der Einheitsbühne wie der aktuelle Starkregen auf Freiburg niederprasselt. Kaspar Zwimpfers Einheitsbühne ist eine nüchterne Bahnhofswartehalle mit seltsam schräger Ebene als Dach, die von kaltem Neonlicht umrahmt, sogar über den Orchestergraben hinaus kragt. Im Vorspiel noch vom Gazevorhang verdeckt, werden neblig-leere Straßenzüge mit Menschen als Schattenriss in der Optik französischer Film-Noir-Filme gezeigt. Boulevard Solitude, Hans Werner Henze hat den Manon-Stoff unter diesem Titel ebenfalls zu Musiktheater gemacht! Die schwarz-weißen Bilder bilden zunächst einen seltsamen Kontrast zu der mediterran jubelnd-quirligen Musik des Orchesters, die fast an Bizets Carmen erinnert. Bis Violoncelli Kantilenen übernehmen und Schicksalsmotive anklopfen, die sich akustisch dräuend um den Laternenpfahl wickeln. Da verrät Massenet, dass es bei aller Spielfreude und Ausgelassenheit tragisch und verzweifelt werden wird.

Eingrenzung, Brechen, Kasernieren

Mit Baskenmütze, knallrot engem Pullover und Etuirock eine vergängliche Farbe im schwarz-weißen Film. Manon (Solen Mainguené) und die Spottdrosseln (Inga Schäfer, Katharina Ruckgaber und Samantha Gaul). Foto: Paul Leclaire

Bald fallen auch schon misstrauisch stimmende Worte wie „Ehre“ und „Familienwürde“. Der Chor, als Zugreisende in die Szene integriert, stürmt durch die Halle, hält inne und singt zum Publikum, dass hier alles gesehen und genauestens beobachtet wird! Das ist nett verpackte Drohung und gilt jungen Frauen. Auf die Realität werden sie gar nicht erst vorbereitet, sondern immer an der Kandare geführt. Sie müssen irritiert sein, wenn sie wie Manon nur mal an einem Bahnhof stehen. Von Irritierung singt Manon auch bei Ihrer Auftrittsarie. Sie ist abkommandiert ins Kloster. Weil sie angeblich zu lebensfreudig sei. Eingrenzung, Brechen, Kasernieren, das sind die Antworten der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert auf Frauen mit eigenem Kopf. Wenn sie aus der Unterschicht kamen, waren sie als Geliebte eine Zeitlang vielleicht gut genug, bald aber austauschbar wie Taschentücher. Heiraten? Niemals, wobei der junge Chevalier Des Grieux Manon ehrlich heiraten will, wie in der Briefszene deutlich wird. Denn beide glauben an ihre Amour fou. Bis die Familienräson in der Person des Vaters eingreift. In der Spielhölle im Abgrund der Halbkriminalität angekommen, geht Manon unter, während der Sohn vom Vater ein zweites Mal gerettet wird. Gerettet? Joshua Kohl ist ein stimmlich souveräner Partner der Mainguené, der allenfalls zweimal minimale Stimmbrüche hören lässt, die er sofort wieder im Griff hat und bestens disponiert seine große Arie in der Kirche präsentiert, er löst sich im letzten Akt in einem Film-Noir-Bild auf, das wie zu Anfang vorne jetzt den Hintergrund füllt. Er setzt den Hut auf und wird zu einem der vielen dunklen Schatten, die enttäuscht und heimatlos durch die Straßen geistern. Sein Traum von einer Idylle im Grünen mit Häuschen und Gärtchen, den er in einer romantischen Erzählung Manon preisgibt, ist leider nicht in Erfüllung gegangen.

In Freiburg zeigt sich die Nähe zu Frankreich

Viel ist in dieser gelungenen Produktion zum Aufhorchen, beispielsweise die kurzen gesprochenen Passagen, die von der Pariser Opéra comique ja verlangt wurden, in Abgrenzung zur großen Oper, wo nur gesungen werden durfte. In Freiburg zeigt sich die Nähe zu Frankreich. Hervorragendes Französisch bei fast allen! Das Sprechen ist sogar teilweise mit Musik melodramatisch unterlegt, was besondere Momente kreiert und überhaupt nicht maniriert klingt, sondern sich dem Filmgenre annähert, auf das ja angespielt wird. Natürlich ist die erste Chor- und Ensemblenummer dem in der Comique obligatorisch geforderten Trinklied geschuldet. Manons Cousin Lescaut, der sie ins Kloster begleiten soll (stimmgewaltig Juan Orosco mit einem charmanten Latino-gefärbten Französisch), die Lebemänner Guillot und Brétigny (Roberto Gionfriddo und John Carpenter), alle aus dem Freiburger Ensemble, rufen energisch nach dem Wirt. Die drei Spottdrosseln Poussette, Javotte und Rosette (Samantha Gaul, Katharina Ruckgaber und Inga Schäfer) kichern und keckern dazu herrlich.

Ein geschlossenes rundes Opernerlebnis

Die Ballettmusik ist auch eine Forderung im französischen Opernrepertoire und fällt bei Massenet erstaunlich barock aus, als hätte er sich bei Jean Philippe Rameau umgehört. Im höfischen Menuettstil läuft sogar eine Begegnung zwischen Des Grieux Vater und Sohn im dritten Akt ab, wohl eine Anspielung auf steife Hofetikette. Flöten zwitschern dann aber auch wieder Farandole-mäßig mediterran oder provenzalisch, wozu auch die Triangelbegleitung gehört. Nicht von ungefähr gilt Massenet als der große Nachfolger Bizets in Frankreich. Massenets Klangfarbenpalette ist erstaunlich breit gefächert. Das Orchester ist vom scheidenden GMD Fabrice Bollon, der zur nächsten Spielzeit das Haus verlässt, auch perfekt auf die französischen Feinheiten und Subtilitäten eingeschworen worden. Er hat hier unbekanntes französisches Repertoire gefördert, mit dem Orchester sämtliche Sinfonien von Albert Roussel aufgenommen oder Francks Oper Hulda aufgeführt – alles vom Label Naxos herausgebracht. Auch wenn das Schicksal Puccini-mäßig anklopft, Puccini hat diesen Stoff sogar auch vertont, so gibt es im nächsten Moment schon wieder leichtbeschwingte südfranzösischen Klang. Die Farben changieren unter Kapellmeister Ektoras Tartanis perfekt ineinander. In der Regie von Peter Carp mit den Aktionen auf der Bühne perfekt synchronisiert oder umgekehrt, die Aktionen sind auf die Musik gesetzt worden. Das Freiburger Theater wartet vor Weihnachten mit einem geschlossenen und runden Opernerlebnis auf, das, wie die Dramaturgin des Hauses in der Einführung erzählt, fast zwei Jahre nicht sein durfte. Große Oper. Vollbesetzter Opernchor. Mit dieser in Freiburg das erste Mal gespielten Manon ist die große Oper endlich mal wieder voll aufgegangen. Das Publikum trampelt mit den Füßen, fordert Vorhang nach Vorhang. Kann mich nicht erinnern, wann zuletzt das Saallicht angemacht wurde, damit das Publikum zu Jubeln aufhört. Laute Rufe und Beglückwünschungen gehen dann hinter dem geschlossenen Vorhang weiter…!

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