Zwei merowingische Königinnen in Blutfehde. Guiraud/Saint-Saëns/Dukas‘ „Frédégonde“ mit großartiger Stummfilm-Regie!

Das Finale fährt dermaßen unter die Haut, dass die Haare zu Berge stehen! Das hat man in Brüssel letztlich ja so vermisst. Das Publikum sitzt in der Dortmunder Oper in den Logen hinten und starrt gebannt auf die Filmleinwand, wo sich auf einem gigantischen Schachbrett das Drama final zuspitzt! Kronprinz Merowig hat sich in die besiegte Gegenkönigin Brunichild, die er bewachen sollte, verliebt, sie auch noch geheiratet. Die amtierende Königin Frédégonde rast und schickt den ihr hörigen König Hilperic vor, ihn vorzuführen. Der Prinz liefert sich aus Sohnesliebe  dem Vater aus. In diesen merowingischen Zeiten keine gute Idee. Und da liegt er schon gedemütigt und verurteilt auf dem Boden. Die Ex-Gegenkönigin schreit um Gnade, die Hofleute schreien um Gnade. Der Chor, der bisher immer zum Publikum hin gesungen hat, hat sich umgedreht und schreit um Gnade. Das Orchester dreht auf. Da rammt sich der hilflose Prinz selbst ins Messer von Frédégonde. Schockstarre. Was hat dieses „merwongische Damengambit“ nur so dermaßen zugespitzt, das einem Hören und Sehen vergeht? (Von Sabine Weber)

Brunichild (Anna Sohn) in Haft. Dortmunder Philharmoniker. Foto: Björn Hickmann

(20. November 2021, Oper Dortmund) Es ist natürlich die Musik! In den ersten drei Akten stammt sie von Ernest Guiraud, einem typisch französisch-romantischen Komponisten, sehr lyrisch mit einem betörenden Liebesduett zwischen Merowig und Brunichild (Brunhilda zu deutsch), nach der die Oper zuerst benannt, aber dann wegen der Nähe zu einer nicht verwandten aber weit berühmteren Brunhild posthum umgetauft wurde. Die Gesangspartien sind über weite Strecken melodisch, dazu klangvolle eingearbeiteten Chornummern und Tanzeinlagen. Im 19. Jahrhundert ist Guiraud auch ein veritabler Musiker in Paris, unterrichtet am Conservatoire de Paris und geht in die Legende als Vervollständiger von Bizets Carmen oder Offenbachs Conte d‘Hoffmann ein, hat auch selbst Opern komponiert, von denen wir nur noch nichts wussten. Seine Brunichild/ Frédégonde ist jetzt vom Palazzo Bru Zane wiederentdeckt worden, die den Prozess auch dokumentiert und wissenschaftlich begleitet hat.

Die Dortmunder Oper hat sich von Frédégonde die dritte Weltproduktion und Deutsche Erstaufführung gesichert.

Vor der Vollendung von Frédégonde ist Guiraud verstorben. Freund Camille Saint-Saëns vollendet die Partitur. Paul Dukas, Schüler von Ernest Guiraud, hilft mit seiner Instrumentationskunst bei der Vollendung. Und Saint-Saëns, Urheber von gewaltigen Chormassenszenen in Samson et Dalila, versteht sich wohl wie kein anderer Franzose dieser Zeit auf das Bühnendrama. Er schreibt ein Finale mit Wucht, wie es Guiraud vielleicht nicht hinbekommen hätte. Übrigens während einer Reise von Marseille nach Kairo, über den Suez-Kanal bis Singapur und Saigon. Saint-Saëns kümmert sich um die Uraufführung 1895 an der Pariser Oper, für die der Titel dann wie erwähnt geändert wird. Nach dieser Uraufführung und einer Aufführung in Saigon 2017 hat die Dortmunder Oper sich jetzt die dritte Weltproduktion und deutsche Erstaufführung gesichert.

Großartige Stummfilm-Regie von Marie-Eve Signeyrole

Und das in keinen leichten Zeiten. Wegen des ersten Lockdowns abgesagt, sollte am 21. Januar dieses Jahr Premiere sein, die dann konzertant geplant, aber wieder verschoben werden musste und für den dritten Anlauf ein neues Konzept bekommen hat. Und das schafft wirklich einen Sprung in neue Sphären. Regisseurin Marie-Eve Signeyroles dreht im und ums Wasserschloss Bodelschwingh bei Dortmund einen Stummfilm und schaut den Charakteren tief in die Seele und gibt der Handlung eine menschliche Tiefendimension bei. Die Musik, auch die vielen Instrumentalteile oder Ballettmusiken scheinen für einen Stummfilm wie gemacht. Und zählt Saint-Saëns nicht auch zu den ersten Stummfilmmusik-Komponisten? Im Inneren und im Park des Renaissance-Schlosses wird auch eine perfekte Kulisse gefunden, die sogar ein bisschen an Saint-Saëns‘ vertonten Stummfilm L‘Assasinat du Duc de Guise (1908) erinnert.

Ein absoluter ästhetischer Mehrwert zur Musik

16 Drehtage, zwei Außendrehtage, wo es angeblich nur gestürmt und gehagelt hat, und nur ein Kammermann hat  gedreht (Laurent La Rosa). Verblüffend wirklich, wie das gesamte Dortmunder Ensemble unter diesen Bdeingungen zu perfekten Schauspielern mutiert. Die Typen dieses Königinnen-Dramas sind auch stimmlich großartig besetzt. Sopran Anna Sohn (aus dem Ensemble) mit Strahlenkranzdiadem als liebreizend-zerbrechliche Schönheit Brunichild, die den Prinzensohn, Sergey Romanowsky, – nachträgliche glückliche Besetzung, weil der ursprüngliche geplante neuseeländische Tenor nicht ausreisen darf – nicht kalt lassen kann. Und mit welchen Bildern die Regisseurin Liebe aufkeimen lässt, ist ästhetisch ein absoluter Mehrwert zur Musik.

Frédégonde (Hyona Kim). Foto: Björn Hickmann

Auch das gegnerische Paar ist perfekt. Die dralle kampfeslustig wütige Frédégonde, Hyona Kim (ebenfalls aus dem Ensemble), mit hart-zackiger Krone, die sowohl im Wappenmieder ein Samurai-Schwert schwingt als auch mit zornig schwarzgefärbtem Gesicht mit bluttropfendem Schwert in der Hand aufmarschiert. Bariton Mandla Mndebele (aus dem Ensemble) ist ein autoritär auftretender, aber höriger und genusssüchtiger König, ißt und sext lieber, als nachzudenken und einzugreifen. Großartig auch Bass Denis Velev als Bischof, der vom Hauspoeten, Tenor Sungho Kim, der endlich sein Hausdebüt auf der Bühne im Ensemble geben durfte, dazu gebracht wird, die Hochzeit von Merowig und Brunichild zu vollziehen. Erst meditiert Prétextat aber im einsamen Verlies wie einst Hieronymus in der Wüste, ist Seelenqualen in der Musik ausgesetzt, fasst den Entschluss, die Ehe zu segnen, um dafür später von Frédégonde einem peinlichen Verhör unterzogen zu werden.

Zwei Königinnen am Schachbrett

Unglaublich wie minutiös die Filmsequenzen auf die Musik getaktet sind, wozu auf einem reduzierten Bühnenbild unter der Leinwand die Sänger szenisch an einer langgezogenen Tafel agieren. Die Musik ist ja live! Der Chor ist zum ersten Mal in Dortmund nicht hinter der Bühne versteckt, sondern vor dem Publikum im Parkett eine kostümierte Wucht. Auch sie spielen im Film mit. Das riesige Orchester ist hinter der Bühne aufgebaut und durch einen Schlitz wie in einem Aquarium unter der Leinwand zu sehen. Wie das alles so perfekt zusammengeht, erscheint nachträglich wie ein Wunder. Und auch die Rahmenhandlung, die beiden Königinnen an ein Schachbrett zu setzen und ihre Gegnerschaft im Spiel Revue passieren zu lassen, ist ein gelungener Kunstgriff. Die erste Eröffnung von Frédégonde ist allerdings sehr komisch, weißer Bauer am Rand zieht auf a4 vor. Gegnerische Könige werden schachmatt gesetzt und mit triumphierendem Blick begleitet, dann Situationen neu aufgestellt und der Gegnerin jeweils präsentiert. Brunichild tritt übrigens von vornherein als todgeweihte Verliererin wie eine Tote an, lange weiße Haare, blutleere Lippen … Ihr historisches Ende soll grausam gewesen sein. Zu Tode geschleift von einem wilden Pferd. Ob sie eine sanfte Königin im Gegensatz zu Frédégonde war, darf bezweifelt werden. Librettist Louis Gallet hat die erwiesener Maßen blutige mittelalterliche Fehde im merowingischen Familienclan operngerecht auf zwei gegensätzliche Charaktere fokussiert. Die sympathische Schöne verliert leider. Aber davon abgesehen ist Frédégonde eine großartige Wiederentdeckung. Um die Musik wirklich in allem zu würdigen, sehr einfühlsam und auf den Punkt von den Dortmunder Philharmonikern unter Motonori Kobayashi gebracht, würde ich glatt noch einmal hinein gehen. Es gibt aber auch das Angebot, die Oper auf takt1 kostenlos zu sehen. Ob der Stummfilm dann auch so großartig wirkt?


Dieser Beitrag ist gefördert durch ein Künstlerstipendium im Rahmen der NRW-Corona-Hilfen

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