Diese Liebe lässt kalt! Die Uraufführung von Chaya Czernowins „Heart Chamber“ wirft Fragen auf!

Chaya Czernowin zählt zu den radikalen Avantgardekomponistinnen und zu den erfolgreichen, die aufgeführt werden. Ihre musikalische Sprache integriert elektronische Klänge ebenso wie Geräusche. Mit ihren Werken will die israelisch-amerikanische Komponistin zum Hinhören animieren, aber auch zum Nachdenken anregen. Seit 20 Jahren auch mit Musiktheater. In ihrer Erstlingsoper „Pnima… ins Innere“ hat sie, Tochter von Holocaust-Opfern, den Umgang mit Erinnerungen der Nachfolgegenerationen thematisiert. In „Adama“, als Einlegeoper für das Mozartopernfragment „Zaïde“ zum 250. Mozartjubiläum, die Unfähigkeit einer Israelin und eines Palästinensers, sich über kulturelle Gegensätze hinweg zu setzen. Infinite Now, ihr bisher größtes Opernwerk, ist in Koproduktion mit der Opera Vlaanderen und dem Nationaltheater in Mannheim entstanden. Es handelt von Kriegserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, überlagert von der surrealen Erzählung „Heimkehr“ einer chinesischen Autorin. Für ihr jüngstes Musiktheaterprojekt Heart Chamber hat sie sich einem abstrakten Sujet verpflichtet, nämlich der Erforschung der Liebe. Welche Ängste und Vorbehalte lösen reale Berührungsmomente aus, welche Reaktionsmuster rufen sie hervor? Doch die 90 Minuten lassen einen ratlos zurück. Denn wenn diese Beziehungsunfähigkeit Liebe sein soll, müsste die Menschheit bald aussterben! (Sabine Weber)

Foto: Michael Trippel
Foto: Michael Trippel

(15. November 2019, Deutsche Oper Berlin) Vor und zurück, immer wieder aneinander vorbei, ein Hintereinander und Voreinander. Ist das Liebe? Die namenlosen beiden Hauptpersonen ER (Dietrich Henschel) und SIE (Patricia Ciofi) begegnen sich auf einer riesigen Treppe. Sie lässt was fallen, er hebt es auf. Und dann beginnt es subkutan und hirnaktiv zu schnurren. „Schau mich nicht an… Dein Blick brennt…. Könnten wir …“ Mit Wortfetzen, die in englischer Sprache nicht ganz so banal wirken wie sie das in der Übersetzung tun würden, müht sich das Bühnenensemble ab, ein Innenleben spürbar werden zu lassen. ER und SIE haben sogar noch stimmliche Verdopplungen, Noa Frenkel als ihre dunkel satte „innere Stimme“. Countertenor Terry Weys ist die seine. Dazu liefert die Stimmakrobatin Frauke Aulbert wortlos-dadaistische Einwürfe rechts aus dem Parkett. Neben ihr Ulrich Fussenegger am Kontrabass, der mit einem großartigen Solo eröffnet und die Saiten reibt, schmirgelt und den Korpus dazu eindrucksvoll perkussiv traktiert. Links aus dem Parkett hinter schwarzer Gaze steigt später das Ensemble Nikel mit Perkussion, E-Gitarre, Saxophon und Klavier ein. Jeweils darüber sitzen 16 Vokalsolisten des SWR Vokalensemble und natürlich im Graben das Orchester der Deutschen Oper, sowie hinten im Parkett vier Klangdesigner des SWR Experimentalstudios an Mischpulten für die Live-Elektronischen Zuspielungen. Das ganz ist komplex entworfen. Die Raumakustik über Dolby-Surround Lautsprecher höchst enerviert. Und die Klangdichte – gerade auch wegen der geräuschhaften Klangideen subtil und fein bis groß und brutal von Johannes Kalitzke wie zu erwarten souverän zusammengeführt. So, wie man eben Chaya Czernwins Klanglichkeit kennt. Und Chaya Czernowin weiß, wie sie ihre Klänge inszeniert. Nur Leidenschaftlichkeit, Rührung oder Emotion stellen sich auf der Bühne nicht ein. Man wird irgendwann unglaublich müde, immer wieder diese Treppe neben einem Bauhausähnlichen-Neureichenhaus zu sehen. Teilweise großartige Projektionen beleben die weiße Häuserwand, ein Bienenschwarm oder SIE oder ER durch Straßen unterwegs. Oder sie auf der Flucht durch die Wohnung. Er hinterher. Dann dreht sich das Bühnenbild auch. Eine Riesentafel hinter zwei Podesten erscheint, auf der nebeneinander hingesetzt ER und SIE sitzen. Und immer wieder dasselbe! Sie kommen nicht zusammen, sie weichen sich aus. „Ich versage!“ – „I failed, failed, failed…“ Sie krümmt sich unten auf einem

Foto: Michael Trippel
Foto: Michael Trippel

krumpeligen Rasenstück. Er verzweifelt oben am Architektentisch. Die Regie von Klaus Guth bedient dann auch noch Klischees. Sie ist unten für die Natur zuständig, er für die Planung oben. Irgendwann hofft man auf das gezückte Messer. Lass es bitte ein Drama werden, das dann eine wirkliche Geschichte offenbart. Nichts dergleichen. Dafür Traumsequenzen – er steht am Modell eines Hauses – Sie ist im Bad und sitzt dann auch in der Projektion in einer Wanne. Ein Kuss! O nein, der auch noch. Und am Schluss „Ich liebe Dich!“. Das glaubt doch kein Mensch. Chaya Czernowins selbst gebastelte Libretto scheint der größte Hemmschuh. Und die banalen Aussagen auch noch real verbildlicht sind fast peinlich. Das ganze funktioniert nicht. Alles bleibt von der ersten bis zur letzten Minute unerotisch verklemmt, von ein paar Hautnahaufnahmen mal abgesehen, und fürchterlich verdruckst, so dass einem die realen Protagonisten fast leid tun. Auch, dass sie sehr deutlich hörbar mit Mikroports verstärkt werden und ihr Stimmpotenzial derart verfremdet nicht zum vollen Ausdruck kommen kann. Die Herzkammer flimmert nicht, sie ist tot. Auch wenn sich alle abmühen und abarbeiten und zusammenarbeiten. Die Berliner applaudieren jedenfalls begeistert. Die Deutsche Oper ist auch bis zum letzten Platz ausverkauft. Was für eine verschenkte Chance!

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