„Die tote Stadt“ von Korngold eröffnet die Opern-Saison 21/22 in Köln

Und die Hoffnungen sind groß, diese Saison ohne Unterbrechungen live durchspielen zu können. Das Gürzenich-Orchester sitzt in gigantischer Großbesetzung in der Ausweichspielstätte im Staatenhaus rechts sichtbar aufgebaut aber noch auf Coronadistanz mit dem ein oder anderen Plexiglas zwischen den Musikern. Die zwei Harfen schallen neben der Sitztribüne aus einem schwarzen Kasten heraus. Die gewaltigen Choreinlagen nebst Kinderchor kommen aus dem off von hinten oder der Seite oder die Sänger*innen stellen sich in Distanz links zur Bühne auf. (Von Sabine Weber)

(4. September 2021, Kölner Oper im Staatenhaus) Ein Opernhaus muss an die Tradition anknüpfen, aber auch Oper fortschreiben. In der kommenden Saison hat die Kölner Oper diesbezüglich ehrgeizige Pläne, mit L‘amour de Loin (uraufgeführt 2000) von Kaija Saariaho, in einer Neuproduktion ab dem 24. Oktober in Köln zu erleben. Noch ambitionierter ist das Projekt Schnittstellen II. In Koproduktion mit der Künstler-Akademie Gorgonza Arts zur Förderung junger Literat*innen, Komponist*innen, Architekt*innen und Bildenden Künstler*innen wird die Kölner Oper zum Experimentallabor und erarbeitet die Uraufführung dreier Kurzopern der Gorgonza-Stipendiaten in Wort, Ton und Bild. Am 18. September findet die Uraufführung statt.
Mit Die tote Stadt von Wolfgang Korngold erinnert die Kölner Oper an Ihre eigene Tradition und Geschichte. Im prächtigen neobarocken Kölner Opernhaus am Rudolfplatz (nach dem Krieg leider abgerissen) ist sie am 4. Dezember 1920 uraufgeführt worden. Und zeitgleich in Hamburg. Die geplante Premiere auf den Tag am 4. Dezember 2020 musste leider zum nicht ganz störungsfreien digitalen Stream werden (siehe Favori-Kritik).

Das Gürzenich-Orchester. Foto: Sabine Weber

Wie narkotisierend und überwältigend die Partitur wirkt, ist erst jetzt – wirklich im Raum – körperlich erlebbar gewesen. Sie erinnert an Richard Wagner und vor allem Richard Strauss, ist aber auch durchzogen vom süßlich bis virulenten immer wieder umswitchenden Korngoldklang. Vier Hörner gleich zu Beginn in der Ouvertüre im Thema. Vier Trompeten und drei Posaunen nebst Tuba ergänzen das Blech. Es klingeln Celesta, Klavier und Harmonium. Glocken läuten, die Handlung entführt in die durch alte Gemäuer und neblige Wasserstraßen geprägte Stadt Brügge, wo, wie in anderen flämischen Städten, seit dem Mittelalter Moralkodex und Religiosität eine eigenartige Mischung ausmachen und Bewegungen wie die Beginen hervorgebracht haben. Beginen sind bürgerliche Frauen, die in weltlichen Klöstern wie Nonnen zusammen gelebt haben.

In den durchkomponierten drei Bildern ziehen immer wieder Nonnen und Prozessionen wie Visionen auf. Am zentralen Bühnenbild von Stefan Heyne vorbei, das wohltuend nüchtern im Zentrum steht. Es besteht aus einer runden Bar im Stile von Edward Hoppers Nighthawks. Es stieren schon vor Beginn die einsamen Nachschwärmer auf Barhockern vor sich hin. In der Mitte der Bar ein Vorhang in Form eines Zylinders, auf dem das „Kaiserpanorama im Praterkino“ abgebildet ist, eine Art Guckkasten, wo sich Publikum im 19. Jahrhundert davor setzte, um hineinzuschauen und sich beispielsweise über berühmte Städte im Bild zu informieren.

Marietta burschikos (Aušrinė Stundytė). Foto: Paul Leclaire

Der Witwer Paul (Stefan Vinke) steht in Tatjanas Gürbacas Inszenierung unter Beobachtung und sogar unter Verdacht. (Lesenswert das Gespräch, das Dramaturg Georg Kehren mit Tatjana Gürbaca auch darüber geführt und das im Programmheft abgedruckt ist. Diese Infos hat man im Pauseninterview des Live-Streams vermisst, wo Gürbaca am Rand nur abnicken durfte.) Wie Pauls Frau Marie umgekommen ist, macht sie am Ende unmissverständlich deutlich. So wie die Tänzerin Marietta (Aušrinė Stundytė), die wie Marie und weitere Frauen nicht heilig genug, ermordet werden müssen. Denn erst tot sind Frauen rein und können als Heilige verehrt werden. Das Libretto von Paul Schott frei nach Georges Rodenbachs Roman Bruges-la-morte spricht zwar davon, dass Paul nach diesem Mord einfach ein neues Leben beginnen wird. Kaum vorstellbar aber, dass ein Mörder einfach neu anfängt. Gürbaca lässt den Triebtäter Paul sich am Ende selbst die Kehle durchschneiden, damit das Grauen ein Ende findet.

Dalia Schaechter als Pauls Haushälterin. Foto: Paul Leclaire

Zweieinhalb Stunden steigert sich das Drama der Begegnung von Marietta und Paul. Aušrinė Stundytė stemmt darstellerisch und auch stimmlich die gewaltige Partie der Marietta, mit unglaublicher Elektra-Kraft – diese Rolle hat sie gerade in Salzburg gesungen – und vielen Nuancen verkörpert sie diese Rollen, singt Operette (mit der Arie Glück allein, das mir verblieb). Und wirbt mit Körpereinsatz um die Gunst von Paul. Kurz vor ihrem Tod gibt sie ungemein berührend auch eigene Lebenserfahrungen preis. Stefan Vinke erinnert an eine zwielichtige Wallace-Hitchcock Figur und ist ebenso hilflos wie durchtrieben Opfer seines religiösen Wahns von Frauenheiligkeit. Mühelos, aber fast zu stimmgewaltig stemmt er sich gegen das Orchester. Gern hätte man aber mehr feinere Farben gehört, über die er im Kopfregister verfügt, wie er hören lässt. Großartig, wie Dalia Schaechter am Rande mimisch und gestisch zu dessen Spießgesellin wird, den Vorhang aufzieht und wieder zuzieht und kurz vor dem Mord wissend den Teppich vorsorglich ausrollt, in dem das Opfer entsorgt wird. Das Putzzeug wird im Eimer daneben gestellt. Am Ende ist man erschlagen von der Gewalt dieser Entwicklung, von der Gewalt und Vielfalt an Klängen. Gabriel Feltz entlockt sie dem Gürzenich-Orchester konzentriert und unglaublicherweise fast entspannt, ist bei den Sängern und bei den Chören, darunter auch der Knaben- und Mädchenchor der Kölner Dommusik. Großer Jubel expliziet für ihn, für das Gürzenich-Orchester, die Chöre und alle Darsteller. Viele Vorhänge, aber keine Regisseurin. Zur Saisonpremiere wollte oder konnte sie nicht mehr anreisen. Dafür gab es erstmals wieder eine Premierenfeier mit Publikum.

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