Die Frankfurter Oper entdeckt Gabriel Faurés „Pénélope“. Ein Wunder an Klängen – in einer hilflosen Regie

Die Entdeckung französischer Opern schreitet fort! Nach César Francks „Hulda“ in Freiburg erwirbt sich jetzt Frankfurt Meriten mit Gabriel Faurés „Pénélope“. Faurés Opernwerk ist das Unikat eines geschätzten Lied- und Kammermusikkomponisten. Das Prélude zum ersten Akt zählt, neben seiner Schauspielmusik zu „Pelléas et Mélisande“, zu seinen sinfonischen chef-d‘œuvres. Aber die dreiaktige Oper findet nach ihrer Uraufführung in Monte Carlo 1913, als Eröffnungspremiere im neuen Champs-Elysées Theater in Paris im selben Jahr und noch einmal aufgeführt 1919 an der Opéra-comique keine Gnade im Repertoire. Die Musik ist soghaft berauschend, dennoch der französischen Clairté verhaftet und bietet kammermusikalisch durchleuchtete lyrische Momente der ganz besonderen Art. Und auch die Gesangspartien legen sich dankbar geformt darüber und darein. Interpretinnen wie Régine Crespin oder Jessye Norman haben die Partie der Pénélope nie verschmäht und aufgenommen. An der Oper in Frankfurt hat man sich an eine Gesamtaufführung gewagt. In der aktuellen Produktion ist die Irin Paula Murrihy als Pénélope zu erleben und kehrt das noble und edle dieser Partie heraus. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Joanna Malwitz lässt die Partitur glänzen und glitzern. (Sabine Weber)

(1. Dezember 2019, Oper Frankfurt) „Wer bist Du?“ fragt Penelope den alten Bettler, der im Palast aufgelaufen ist, und um Speisung bittet. Und er erzählt eine Geschichte von Kreta, wo er herkäme und wo auch Odysseus zu Gast gewesen wäre. Penelope horcht auf, wird unruhig. Ist er doch nicht tot? Lebt er? Sofort wieder misstrauisch, was man nach 20 Jahren des Wartens verstehen kann, fragt sie: „Was hat er denn getragen?“ Und der Bettler weiß es haargenau anzugeben, denn er selbst ist Odysseus!

Die homerische Odyssee ist in den Final-Gesängen voll von faszinierenden dialogischen Begegnungen zwischen Penelope und ihrem Odysseus, den sie nicht erkennt, weil er sich nicht zu erkennen gibt. Und Penelope kann laut Homer Odysseus nicht erkennen, weil Pallas Athene ihn mit göttlichem Zauber hässlich verunstaltet hat. Zwischen den Zeilen aber Stimmungsbilder des verzweifelten Wartens, aber auch des ungeduldigen Ankommens. Was für ein gefundenes Sujet für einen fin-du-siècle-Komponisten! Sehnen, Warten, Nicht-Sehen-Können, Nicht-Ankommen-Können. Genau das hat der junge Librettist René Fauchois, obwohl Anfänger im Geschäft, aus der Odyssee auch herausgefiltert. Die Götter hat er weggestrichen, weil sie für sein Konzept gar nicht nötig sind. Es gibt dafür wie bei Wagner viele Erzählungen, die im Nachhinein aufklären. Das wäre auch das einzig Wagnerische. Die Leitmotive sind bei Fauré keine Hab-acht-Beschilderung. Den Franzosen geht es um l‘atmosphère, l‘ambiance, wie Claude Debussy das genannt hat. Fauré war Debussys Lehrer. Ein atmosphärischer Lehrmeister, wie diese Opéra jetzt hören lässt. Gleich zu Beginn der Ouvertüre, des Préludes, hebt es verträumt wie mit einem Streichquartett an. Die verzagte Seele pendelt in einem Quartsprung-Intervall hin und her, setzt ein und verstummt wieder, bis sich Holzbläser darüber legen und beruhigen. Aber schon blendet das Blech kurze und bedrohliche Fanfaren ein. Wieder Verstummen. Und wieder Sehnen in unendlichen Melodien mit dem Penelope-Motiv, den Quarten. Gestopfte Hörner klingen wieder bedrohlich oder gequält?Joanna Malwitz entlockt jedem Motiv und jeder Phrase aus dem Graben heraus eine Bedeutung gen Bühne, schenkt jedem Ausbruch ihre Aufmerksamkeit und lässt es beim Beckenschlag aufschreien und wieder zusammensacken.

Eric Laporte (Ulysse) und Paula Murrihy (Pénélope). Foto: Barbara Aumüller

Und dann sieht man auf der Bühne von Rifail Ajdarpasic eine Art Flachdachterassen-Schräge, wie man sie tatsächlich in Griechenland gesehen hat. Allerdings mit hiesigen Bauhaus-Fliesen belegt, die allzu auffällig Terracotta-Farbe imitieren, mit hässlichen Beton-umrandeten Aufgängen und (sic) einer verrosteten Satellitenschüssel! Fehlen eigentlich nur noch die Amierungsstäbe der aus Steuerspargründen nie vollendeten griechischen Häuser! Darauf tummeln sich zitronengelb gekleidete Hofdamen Penelopes (Kostüme: Raphaela Rose) und raufen sich mit rüden Anzugherren, die das gemeinhin bekannte Grabsch- und Vergewaltigungsrepertoire anwenden. Dort treffen der Bettler-Odysseus – mit schlank geführtem Tenor Eric Laporte, einziger Verkleidungseffekt ist das Hemd aus der Hose raushängen lassen – und Penelope aufeinander. Penelope trägt einen Anzug, hinter dem sie verständlicherweise ihre weiblichen Reize verdeckt, um sich die aufdringlichen Freier vom Leib zu halten. Eine Gaze-umrandete Außenkontur fährt runter, umschließt die Terrasse und lässt vorne einen Tor-Ausschnitt frei. Oder fährt wieder hoch. Man versteht nicht warum. Soll Außen- und Innenraum deutlich gemacht werden? Sollen Trennungswände für eine Da-parte-Szene her, damit die Freier Penelope, offensichtlich hinter der Gazewand versteckt, ausspionieren können? Eine Amorgestalt – der Hirte, von einem Kind gesungen – steckt weiße Rosen in Flaschenreihen, und ein paar Pfeile aus seinem Köcher dazu. Plötzlich stehen alle Hirten auf der Terrasse, angeführt von Odysseus, den Penelope, sie steht unten davor, trotz einer heftigen Umarmung zuvor nicht erfühlt haben soll. Und hört auch in diesem Männerchortableau nichts. Grotesk gerät die Szene, in der Odysseus für seine Rache an den Freiern vor einer sitzenden Penelope steht, ein Schwert verstecken will und einfach ein Minimesser fallen lässt. So versteckt man also ein Schwert, wobei Penelope sofort das Messerchen aufhebt und fragend anschaut. Soll heißen, sie macht mit beim Racheakt gegen die Freier. Sie ist eine selbstbestimmte Frau. Natürlich gibt es auch nicht den Bogen, der gespannt wird. Stattdessen spaltet sich die Dachterrasse. Ein Riss trennt Odysseus und Penelope von den Freiern. Zu den abgegriffenen Verlegenheitslösungen zählen leider auch Videoeinblendungen von vergangenen Liebeserinnerungen. Aber das ist doch alles in der Musik zu hören! Man wendet sich also von der Dachterrasse ab, blendet die trüben Pinien- oder Zypressenschatten drum herum aus. Und stellt sich vor, wie Paula Murrihy als Penelope hätte im Bild wirken können. Sie ist ja schon mit ihrem Profil und ihren rötlich schimmernden Haaren, ihrer zart schlanken Figur, eine sehnende Fin-du-siècle-Schönheit per se! Ihrer Riesen-Partie entlockt sie über die drei Akte in jedem Moment all den stimmlichen Zauber, den Fauré da hinein gelegt hat. Ihr zur Seite steht die Odysseus wiedererkennende Amme Eurykleia, Joanna Motulewicz, allerdings offenkundig zu jung für eine Amme, eine Mezzo- oder eher Altpartie. Sie geht sehr tief. Das Gesangsensemble ist insgesamt hervorragend. Ein bisschen laufen die Freier auf, weil, das muss zugegeben werden, wenn Fauré lustig-komisch komponieren wollte, bringt er es nicht so ganz auf den Punkt. Penelopes Arie mit Flötensolo über Harfe gelingt wunderbar. Beim Weberlied denken wir natürlich sofort an Faurés „La Fileuse“ aus der Pelléas-Schauspielmusik und erkennen in den Fagott-Einsätzen mit Richard Straussens Duett-Concertino die Stimme des Schweinehirten wieder und träumen mit der Musik, die mit ihrem unglaublichen Lyrismus wirklich Traumräume öffnet. Ja, da müsste in der Tat ein(e) MeisterIn-Regiehand anlegen, um diesen Lyrismus in einem szenischen Raum umzusetzen.

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