Das Theater Dortmund eröffnet seinen Wagner-Kosmos mit Lohengrin! Und Elsa wandelt mit Freud durch einen Alptraum!

Mit himmlisch ätherischen Klängen geht es im Vorspiel in „die Geschichte eines sagenhaften Mannes, der das Weib sucht, das ihn unbedingt liebe…“ So Richard Wagner in der Mitteilung an seine Freunde 1851 über seine neue Oper „Lohengrin“. Wagner will, dass sein sagenhafter Schwanenritter  „nach dem einzigen sucht, das ihn aus seiner Einsamkeit erlösen, seine Sehnsucht stillen könnte – nach Liebe, nach Geliebtsein, nach Verstandensein durch die Liebe.“ Ein Scheitern ist unausweichlich – denn die perfekt Liebende, die nie zweifeln und nie fragen würde „woher, warum, weshalb…?“ gibt es nicht. Und darf es auch nach Regisseur Ingo Kerkhof nicht geben! Er dreht die Geschichte um und fokussiert die Frau, die gegen das Reglement eines Mannes, nicht in Frage gestellt zu werden, aufbegehrt. (Sabine Weber)
(30. November 2019, Theater Dortmund) Und das wird einigen Dortmunder Wagner-Fans nicht gefallen haben. Regisseur Kerkhof wirft auch noch allen historischen Ballast über Bord. König Heinrich I als erster Sachsenkönig aus einem nichtfränkischen Geschlecht, der tatsächlich das Lotharingische Mittelreich, wozu das spätere Brabant gehört, an das Ostfränkische Reich angegliedert hat, interessiert ihn nicht. Das zur Zeit Wagner virulente romantisch deutschnationale Geschichtsdenken klammert Kerkhof damit aus. Kein Heer nirgends. Und auch kein Gummischwan! Kerkhof inszeniert ein konzentriertes personenbezogenes psychologisierendes Kammerspiel. Der Chor singt im ersten und dritten Aufzug hinten vom 4. Rang aus und ist seismographischer Kommentator, durch das Publikum hindurch. Das Heer tönt allenfalls in den Ferntrompeten von außen ins Parkett hinein, ein weiterer toller Raumeffekt. Der Heerrufer (Morgan Moody) ruft kein Heer, sondern ist Conférencier im Frack, der auf der weitgehend düsteren Bühne mit seinem strohgelben Haar wie ein verirrter Sandmann wirkt. Auf der Bühne (Dirk Becker) steht eine Kammer, ein Schlafzimmer wie ein Puppenhaus hingestellt. Das ist der Traumort, an dem sich Christina Nilsson als Typ Mädchen-mit-den-Perlenohrringen in Dortmund mit ihrem Rollendebüt empfiehlt. Die junge Schwedin verfügt über einen jugendlich-dramatischen traumsicheren Sopran. Vor gemusterter Tapete zwischen Fenster, Bett und weißer Chippendale-Kommode durchlebt Elsa die Geschichte wie in Trance. In ein protestantisch schwarzes bis oben geschlossenes Kleid geschnürt. Alle Frauen sind von Kostümbildnerin Jessica Rockstroh farblich düster wie in flämischen Porträtbildern gekleidet. Die Männer tragen zeitlose graue oder schwarze Anzüge oder Gehrock. Die Anklage Graf Telramunds, Elsa habe ihren Bruder und Thronfolger Gottfried ermordet, wiegt schwer. Seine Gattin Ortrud ist die dämonisch treibende Kraft hinter den Vorwürfen. Sie will die Herrschaft von Brabant an sich reißen. Und hat, wie Lohengrin-Kenner wissen, Gottfried auch verzaubert und verschwinden lassen. Stéphanie Müther im schwarzen und eng taillierten knöchellangen Kostüm mit Tournüre nimmt man das durchtrieben Hexenhafte absolut ab. Schon im ersten Aufzug lehnt sie lauernd mit schwarzen Handschuhen gegen die Wand von Elsas Kammer und beobachtet. Ihre auch stimmlich bedrohliche Kraft – Turandot gehört zu Müthers Rollenrepertoire – nimmt den von Joachim Goltz darstellerisch zwischen aufbrausend und gebrochen chargierenden Charakter Telramunds, der ihr sexuell hörig ist, vor allem im zweiten Aufzug, an die Kandare. Dessen baritonale Verzweiflungsausbrüche wirken so noch dämonischer. Shavleg Armasi präsentiert dagegen einen königlich gemäßigten, aber klar bestimmten König Heinrich. Wie der große Bellheim stürmt er auf die Bühne. Er will sein Business machen, muss aber erst einmal für Ordnung im Laden sorgen, leiht allen sein Ohr, besucht sogar die in Trance befangene Elsa in ihrer Kammer, ordnet das Gottesurteil an, und zieht sich fragend auf einen Stuhl zurück und raucht. Was ist das für ein Drama, mag er denken! Retter Lohengrin eilt in weißem Hemd und barfuß zur Hilfe. Das ist ein Jürgen-Drews-Lichtblick, an den man denkt, weil Kornstoppeln aus dem Boden herausragen. Oder ist es das Schilf

Daniel Behle und Christiana Nilsson als Lohengrin und Elsa. Foto: Thomas Jauk

von der Schelde? Dann aber stellt er sofort seine Bedingungen „nie darfst Du mich befragen!“ Elsa willigt ein. Es gibt in Dortmund sogar ein kurzes Klingenkreuzen – bevor der siegreiche Held erstmal wieder verschwindet. Tenor Daniel Behle stellt sich für Dortmund der anspruchsvollen Partie des Lohengrins, die seine erste große Wagner-Partie überhaupt ist. In den ersten beiden Aufzügen scheint er sich zurück zu halten. Das mag auch daran liegen, dass sein Charakter der Träumerin am nächsten und eher unbestimmt ihr subsumiert ist. Da agiert kein strahlender romantischer Held in Rüstung oder mit Schwanenflügeln. Und in Dortmund trägt er bald auch die dunkle Anzugjacke über dem Hemd. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Behle das ewige Wagner-Lied vom „noch lauter“ ignoriert und lieber die originalen Piano-Vorschriften in Wagners Partitur ernst nimmt. Er gestaltet seine Partie fast liedhaft, mit einer Stimme, die viel Schmelz hat. Tenoral ist sie eher hell gefärbt, bleibt aber in allen Registern gleich tonschön. Keine Stimmbrüche sind zu hören. Dazu artikuliert er mit großer Textverständlichkeit, sodass jedes Wort zu verstehen ist. Was übrigens alle im Ensemble machen. Spätestens nach der Gralserzählung im dritten Aufzug hat Behle das Dortmunder Publikum restlos von sich eingenommen. Zauberhaft lyrisch gestaltet er diesen Moment, und sackt in Elsas Kammer wie tot zusammen, kündigt nur noch das Kommen von Gottfried von Brabant an, der durch ihn erlöst wird. Das Traum-Setting hält Kerkhof konsequent durch. Und Elsa arbeitet sich aus der Trance hinaus. Sie ist auch durchaus eine starke Persönlichkeit, bietet nicht nur Ortrud die Stirn, sondern fordert, dass der Held sich outet, womit – eine mögliche Lesart – ihr Heldenbild zusammenfällt. Nachdem auch die beiden anderen Widersacher erledigt vor der Kammer liegen, schließt Elsa das Fenster, nimmt ihre Jacke und geht durch die Tür ab. Ein Alptraum bleibt zurück. Sie geht in ein neues hoffentlich selbstbestimmteres Leben. Die großartigen Sängerdarsteller und das detailliert ausgearbeitete Personenspiel konterkarieren zwar dieses Traum-Konzept und machen es sogar zum Nebeneffekt. Denn die miteinander agierenden Personen sind so real, dass man den Traum glatt vergisst. Daher werden die Videoinstallationen auch nicht klar. Kerkhof zieht mit ihnen eine Freudianische Ebene über Grimms Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen  ein. Im Märchen wird das Brüderchen ja wie Gottfried verzaubert und muss durch die Schwester erlöst werden. Da sieht man im Film also, wie Klein-Elsa mit Klein-Gottfried am Tisch sitzt und Suppe löffelt. Oder ist es doch eher Klein-Lohengrin, auf den Elsa ihren Gottfried projiziert? Geht es also um Inzest, der verhindert werden muss? … Man muss nicht alles verstehen. Da wäre ja auch noch ein Federball, den die Kinder sich gegenseitig in den Suppenteller schmeißen, und den Lohengrin seiner Elsa als Brautgeschenk auf der Bühne überreicht. Und Ortrud, die auf der Bühne mit einem Bambi unterm Arm gesichtet wird. Alle Bilder mischen sich aber unter, weil man eigentlich – auch durch eine fokussierende Lichtregie – immer an den Menschen dran bleibt. Was will Regie denn mehr ? Das Sängerensemble ist wirklich fantastisch und wird durch die Dortmunder Philharmoniker unter Gabriel Feltz von einem fein und transparent begleitenden Orchesterton unterstützt, der vor allem die kammermusikalischen Momente auskostet. Am Ende gibt es zurecht stehenden Applaus, einige zaghafte Buhs für die Regie. Aber keiner kann bestreiten, dass dieser Lohengrin Nachwirkungen hat. Der Wagner-Kosmos ist in Dortmund damit nämlich eröffnet worden. Nächstes Jahr im Mai 2020 findet das erste Dortmunder Wagnerfestival statt, mit dieser Lohengrin-Produktion, flankiert von Gaspare Spontinis Grand Opéra Hernando Cortez und Daniel Esprit Aubers Die Stumme von Portici!

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