ZAMUS: early music festival. Graindelavoix expressiv – Ars Choralis Coeln weiblich-mystisch

Philippe de Monte aus Mechelen ist vergessen. Weil er stur an verworrener Polyphonie festhielt obwohl der Trend längst auf transparente Textausdeutung setzte? Polyphonie und Expressivität am Text sind kein Widerspruch, das haben Björn Schmelzer und sein in Brüssel beheimatetes Ensemble Graindelavoix in 8stimmiger Besetzung, plus zwei Lauteninstrumente und einem Zinkspieler hören lassen. Ars Choralis Coeln unter Maria Jonas bezaubert im Folgekonzert mit neomittelalterlicher Damenmystik und ehrt die Kirchenheilige am Platz. (Von Sabine Weber)

Ars Choralis Coeln in Sankt Ursula. Foto: Ira Givol

(29. Juni 2021, Sankt Ursula) Glöckchen, Schlagwerk, Monochordklänge und mittelalterliche Flöten (Lucia Mense), mittelalterliche Fidel (Susanne Ansorg), sowie Improvisationen auf einer irakische Stachelfidel (Bassem Hawar). Original-mittelalterlich und aufführungspraktisch historisch steht hier nicht zur Debatte. Maria Jonas lässt ihren Damenchor bei den zumeist einstimmigen Gesänge für die heilige Ursula umspielen und setzt ihn in Szene! Unsichtbar von hinten ertönen die ersten Psalmen. Flötensoli und Fidelimprovisationen begleiten sie. Dann plötzlich Gesang von hinten rechts. Der Einzug nach vorne passiert dann mit kollektiver Tamburin-Begleitung. Das hat vielleicht etwas von Jacques-Dalcroze-Ästhetik. Die Patronin der Kirche, Stadtpatronin von Köln und legendäre Märtyrerin, die mit 11.000 Jungfrauen in den Tod gegangen sein soll, wird in ihrem Haus dennoch geehrt. Maria Jonas schöpft für die ausgewählten Gesänge aus den verschiedensten Quellen, unter anderem den Codices aus der Kölner Dom- und Erzdiözesanbibliothek, dem Hachenberch Codex oder dem Riesencodex Hildegard von Bingens. Solistisch, im Tutti oder beides im Wechselspiel, der Ablauf gewährt herrliches Versinken im Frauenklang. Bassem Hawar, der einzige Mann im goldenen Rüschenhemd, als wäre er aus dem Reliquienschrein des Hochaltars entsprungen, lacht und ist glücklich, während er in der traditionellen Art und Weise virtuos auf der Djoze improvisiert. Und das fügt sich. Ein guter Abschluss des Abends.

Denn den vielstimmigen Kontrast gab es zuvor. Bis zu achtstimmig sind die weltlichen und geistlichen Madrigale Philippe de Montes. Der Geburt nach ist de Monte ein Franko-Flame. Über 1200 Vokalstücke hat er in lateinischer, französischer oder italienischer Sprache komponiert. Insgesamt 34 Madrigalbücher füllt er zumeist im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts. Das ist monströs viel! Er komponiert vor allem als Kapellmeister am Hofe Maximilians II. in Wien, wo er nach Lehrstationen in Neapel und Venedig eine feste Anstellung findet. Mit dem nachfolgenden habsburgischen Kaiser Rudolf II zieht er nach Prag. Zu Lebzeiten ist er berühmt, genießt Achtung und Wertschätzung. Wieso haben wir noch nie von ihm gehört, liegt während des Konzerts als Frage auf den Lippen.

Graindelavoix in Sankt Ursula. Foto: Ira Givol

Immer wieder anders formieren sich die Sänger im Halbrund, mal mit, mal ohne die beiden weiblichen Sopranstimmen (Florence Menconi mit sehr prägnantem Timbre). Einmal singen die beiden Damen auch unisono (Donnez au seigneur gloire). In der schwungvollen Vilanella Carlo ch‘in tenerella singen nur Männer. Zumeist geht es in den weltlichen Madrigalen um Liebesschmerz, Einsamkeit, Verlassenheit. Mit Hor ch‘el ciel hat de Monte ein Petrarca-Sonett vertont, das durch Monteverdis Vertonung mehrere Jahrzehnte später berühmt wird. Von wem die anderen Texte stammen steht leider nicht im Programm. De Monte scheint bei allen um intensiven Textausdruck bemüht.

Ensemblegründer und Leiter Björn Schmelzer steht zumeist mit erhobenen Händen vor seinem Ensemble, hochgekrempelte Hemdsärmel, und scheint unentwegt Klänge zu mischen, die seine Sänger ihm abnehmen. In Poi che‘l camin sind es dunkle, die sich mit hellen abwechseln. Es geht um Tränen. „Ich bin geboren, um zu weinen!“. Das folgende Lagrime triste endet abrupt, obwohl die letzten Worte lauten „Sola vista mia del cor non tace…“ Das Herz schweigt aber nicht! Wenn irgend eine Hoffnung den Tod liebenswert macht, vergrößern sich die Notenwerte. Die Sänger, belgischer, spanischer, estnischer, syrischer Herkunft, verstärken de Montes subtile Textausdeutungen noch auf ihre Art und Weise. Ausrufe werden kehlig expressiv hervor gepresst. Das „Deus“ wandert in einem Miserere geradezu schmerzverzerrt durch die fünf Männerstimmen. Ein „A“ klingt schon mal ordinär, aber ungemein expressiv im Zusammenklang. Das ist – wohl dosiert – anarchische Gesangskultur, in der jede Stimme sein darf, so sie sich zum Ausdruck fügt. Das macht die Vielstimmigkeit in Philipp de Montes Werk an diesem Abend jedenfalls ungemein lebendig. Fast ekstatisch. Im achtstimmigen Super flumina Babylonis gibt es waghalsige Koloraturen, oder sind es improvisierte Verzierungen? Dieses Werk hat de Monte dem berühmten Zeitgenossen William Byrd gewidmet. Der wiederum antwortet mit einer komponierten Widmung an de Monte. Mit dieser Widmung endet das Philipp de Monte Abenteuer. Mit Byrds Quomode cantibus. Natürlich auch achtstimmig. Großer Applaus. Begeisterung für de Monte, den wir jetzt wohl nicht mehr vergessen werden.

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