“Tristan und Isolde” mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros in München

Musikalisch ein Traum: Die Münchner Opernfestspiele werden bei voller Orchesterbesetzung im Graben des Nationaltheaters mit „Tristan und Isolde“ unter Kirill Petrenko eröffnet. Jonas Kaufmann und Anja Harteros geben in den Titelpartien ihre Rollendebüts. Allerdings gibt Krzysztof Warlikowskis Regie einmal mehr Rätsel auf. (Von Klaus Kalchschmid)

Anja Harteros und Jonas Kaufmann. Foto: Wilfried Hösl

Ein Hotelbett dominiert fast den gesamten zweiten Aufzug. Im Hintergrund eine Überwachungskamera. Vorne zwei schwere schwarze Leder-Sessel. Dort spielt sich alles ab. Es ist ein Hotelbett, auf dem sich (fast) nichts tut, selbst als sich Tristan endlich die Schuhe auszieht, breitbeinig zu Isolde legt und ihre Hände sich (fast) berühren. Mit der Ekstase zur Musik des späteren Liebestods füllt sich  – auf dem Unterdeck des Schiffs wie weiland auf der Titanic? – das Zimmer mit Wasser bis mit Auftritt König Marke die Zwischenwand verschwindet, die sich immer mal wieder senkte und auf die das Video (Kamil Polak) projiziert wurde.
Am Ende beinahe das gleiche Bild: Nur sind beide Körper auf dem Bett in Weiß erstarrt und wie einbalsamiert für die Ewigkeit konserviert, da wird plötzlich das Bild bunt: Wir sehen Sopran und Tenor in ihren privaten Kleider scheinbar schlafend oder tot, die entsprechende Suizid-Tinktur zwischen sich, die sie schon vor der Entdeckung im zweiten Aufzug sich injizieren wollten. Kurz vor dem Schlussakkord öffnen beide die Augen und lächeln sich verhalten an, während die „reale“ Isolde sich neben den toten, blutüberströmten Tristan legt.

Das war wohl die Krönung für das Traumpaar der Münchner Oper: Harteros und Kaufmann

Dieser durchaus bestechend vieldeutige (Erlösungs-)Schluss konnte freilich das Premierenpublikum am Uraufführungs-Ort von Richard Wagners „Handlung in drei Aufzügen“ nicht mehr beschwichtigen. Massives Buh gab es für das Regieteam, die Austatterin Małgorzata Szczęśniak eingeschlossen, aber dafür umso frenetischeren Beifall für Harteros, Kaufmann und Petrenko. Und das zu Recht, denn der denkwürdige Abend war wohl die Krönung für das Traumpaar der Münchner Oper seit der ersten gemeinsamen Premiere mit Lohengrin und Elsa im Jahr 2009 und leider auch das vorläufige Ende, denn in der nächsten Spielzeit werden beide unter der neuen Intendanz unter Serge Dorny weder zusammen noch für sich auftreten. Auf Lohengrin folgten 2013 Leonora und Manrico (Il Trovatore) sowie Donna Leonora und Don Alvaro (La forza del destino), vier Jahre später Andrea Chénier sowie 2018 Otello. Nach viel Verdi nun also der zweite Wagner, zufällig in chronologischer Folge, aber mit gewaltig gewachsenen Aufgaben. Die beide meisterten sie zumeist fulminant, auch darstellerisch: Sie als stolze Frau, die bewältigen muss, dass sie sich in den Mann verliebt hat, der einst ihren Verlobten getötet hat, und den sie gesund pflegte. Er als Waise, dessen Vater bei seiner Zeugung und seine Mutter bei der Geburt starb, er also seit Kindesbeinen an „nachtgeweiht“ ist.

Sie berühren sich nicht

Dem Regisseur gelingt der nachts in einem Garten spielende zweite Aufzug am besten. Hier ereignet er sich ebenfalls im Einheitsbühnenbild eines massiv holzvertäfelten Art-Deco-Foyers, dessen Wände sich links und rechts nach vorne wölben. Tristan und Isolde reden, respektive singen bekanntlich hauptsächlich philosophisch aneinander vorbei, obwohl sie so sehr ihre Vereinigung verbal bekräftigen. Hier berühren sie sich nicht, ja nähern sich kaum – wie schon in Heiner Müllers Tristan einst in Bayreuth. Doch dann kommt der Moment, in dem Tristan nach dem langen, anklagenden und doch so freundschaftlich zugewandten und um Verstehen ringenden Monolog Markes (Mika Kares) Isolde küsst – auf die Stirn! Und sich sogleich in das Schwert Melots stürzt.

Warlikowski inszeniert stets auch die Vorgeschichte und psychische Versehrung der Protagonisten

Foto: Wilfried Hösl

Im dritten Aufzug sitzt Tristan an einer langen Tafel wie Christus beim letzten Abendmahl mit jeder Menge männlicher Puppen, als wär’s der Speisesaal im Waisenhaus. Rechts auf der Chaiselongue liegt mal Tristan, mal seine virtuelle Kopie, die aussieht wie die Jungs am Tisch und die man schon im Vorspiel zu sehen bekam, samt Isolde-Double. Leider wird das nicht wirklich theatralisch eingelöst, sondern bleibt bloße Behauptung. Wie auch im ersten Aufzug sich immer mal mehr, mal weniger Rätselhaftes ereignet. Denn Warlikowski inszeniert stets die Vorgeschichte und psychische Versehrung der Protagonisten mit: So ist der junge Seemann, der Isolde gleich nach dem Vorspiel ironisch verspottet, ein ebenfalls versehrter, an den Augen verletzter junger Mann, den Brangäne verarztet, während Isolde erzählt, wie sie einst Tantris alias Tristan pflegte.

Leerlauf bei einigen SängerInnen, die von der Regie sich selbst überlassen bleiben

Okka von Damerau (Brangäne), Anja Harteros (Isolde) . Foto. Wilfried Hösl

Gelungen dann freilich die optisch vergegenwärtigte Wirkung des Liebestranks, den beide als Todestrank trinken. Da explodieren die Blumen auf der Zwischenwand psychedelisch, ergreifen Besitz von der ganzen Bühne und verwandeln sich in ein irisierendes, alles überspülendes Feuermeer. Schön auch der Moment zuvor, wenn Isolde Tristan zwingt, ihr in den edel bestickten Mantel zu helfen, sie seine Hände berühren will, er zurückweicht und auch noch widerwillig die Perlenkette anlegen muss. Leider sind solche Momente rar und müssen entschädigen für manchen Leerlauf, den die SängerInnen unterschiedlich gut füllen können. Denn auch Brangäne (fast mit dramatischem Sopranglanz und doch gewichtigem Mezzo: Okka von der Damerau) und der etwas angestrengt wirkende Wolfgang Koch als Kurwenal sind mehr oder minder sich selber überlassen.

Glühende Emnphase und Souveränität in den Titelpartien

Anja Harteros singt mit glühender Emphase, leuchtenden Höhen, aber nicht immer ganz fokussiert, sondern immer ein wenig außer sich eine mit Einschränkung überzeugende Isolde. Klanglich ganz anders Jonas Kaufmann: souverän, aber immer mit baritonal gedeckelter, wenig obertonreicher Stimme, die es manchmal schwer hat, durchs Orchester zu kommen, zumindest auf einem Platz in Reihe 11. Aber er teilt sich die übermenschlich anstrengenden Fiebervisionen des dritten Akts gut ein und kann auch ganz am Ende noch singen und nicht nur singsprechen. Beide werden wachsen an ihren Partien wie auch Mika Kares als Marke, der seinen Monolog schon bemerkenswert prägnant und differenziert bietet, aber noch Facetten des Ausdrucks dazu gewinnen wird.
Anfangs wirkte das Bayerische Staatsorchester noch etwas gebremst und gehemmt, was aber auch an der Irritation des Zuschauers und –hörers mit eminent störender FFP2-Maske gelegen haben mag, obwohl doch alle geimpft, getestet oder genesen sein mussten, um überhaupt ins Haus zu dürfen. Ab dem zweiten Aufzug musiziert das Orchester unter Petrenko zunehmend befreit. Die Klangmischungen und feinen Instrumentalsoli werden immer exquisiter, aber auch die expressiven Ausbrüche immer gewaltiger, bis hin zum sich immer höher schraubenden Liebestod, dessen Wirkung eigentlich nie verpufft.
Auch die verbleibenden drei Vorstellungen von Tristan und Isolde sind ausverkauft. Deren letzte und zugleich das Finale der diesjährigen Opernfestspiele und der Ära Bachler wird am 31. Juli 2021 als „Oper für alle“ auf den Münchner Marstallplatz übertragen. Im Juni nächsten Jahres gibt es unter dem neuen Intendant Serge Dorny vier weitere Vorstellungen, allerdings mit Stuart Skelton und Nina Stemme in den Titelpartien.

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