Eötvos dirigiert erstmals das Gürzenich-Orchester. Isabelle Faust ist die Solistin in seinem Violinkonzert „Alhambra“

(Titelfoto: Holger Talinski. Peter Eötvös vor dem Gürzenich-Orchester. ) Ein dirigierender Komponist und eine Star-Solistin locken ins erste Philharmoniekonzert nach dem dritten Lockdown. François-Xavier Roth, GMD des Gürzenich Orchesters, ist eigentlich in der Interimsoper im Staatenhaus mit Gounods „Faust“, diesen Samstag ist Premiere, vollauf beschäftigt. Doch da fliegt der Chef léger in Jeans und T-Shirt auch schon aufs Podium vor die Musiker, hebt begeisternd die Arme, juvénile bauchfrei, und ruft in den Saal: „Sehr Herzlich Willkommen!“ Dieser Mensch bebt vor Begeisterung für Eötvös, den er als Jugendlicher in Paris vor dem Ensemble Contemporain erlebt hat, wie er erzählt. Applaus vom Abstandspublikum, das sich in der ganzen Philharmonie streut. Die Freude ist allseits zu verspüren. Hier sein zu dürfen, und Peter Eötvös und Isabelle Faust zu erleben, die zuerst Eötvös‘ drittes Violinkonzert  spielen wird. (Von Sabine Weber)

Peter Eötvös. Foto: Gáspár Stekovics

(1. Juni 2021, Kölner Philharmonie) Peter Eötvös hat dieses Violinkonzert auch für Isabelle Faust  komponiert. Béla Bartòks berühmte Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta kommt danach. Eine glückliche Zusammenstellung, denn Bartòk ist ein erklärtes Vorbild nicht nur für den Dirigenten, sondern auch den Komponisten Eötvös. Vielleicht liegt es daran, dass Bartòk wie Eötvös aus Transsilvanien stammt, wie übrigens auch György Ligeti und György Kurtàg. Wer genau hinhört, konnte auch ein kurzes Zitat des Streicherfugenthemas aus dem 1. Satz der Musik für Saiteninstrumente Schlagzeug und Celesta im Violinkonzert hören. 2015 hat Eötvös übrigens einen Operneinakter für dieselbe Orchesterbesetzung wie Bartoks Einakter Herzog Blaubarts Burg komponiert. Und Senza Sangue, Titel dieser 10. Oper von Eötvös, beginnt mit einem kurzen Zitat aus Bartòks Einakter. Übrigens ist Senza Sangue in Anwesenheit von Eötvös vom New York Philharmonic hier in der Kölner Philharmonie konzertant aus der Taufe gehoben worden – im Rahmen des Achtbrückenfestvals. Für Eötvös ist Köln eine musikalische Heimat. Der einstige Stockhausen-Schüler hat hier in den 1960ern die Neue Musikszene um Stockhausen mitgeprägt. Er war auch im Elektronischen Studio des WDR aktiv. Vor dem WDR-Sinfonieorchester hat er Meistertaten vollbracht. Unvergessen, wie er als Dirigent in der Kölner Philharmonie den aufgeteilten Rundfunkchor, eine Sopranistin und einen Schlagzeuger sowie das WDR-Sinfonieorchester für den Wahnsinn von Dieter Schnebels Ekstase bei der Uraufführung zusammengehalten hat.

Peter Eötvös steht zum ersten Mal vor dem Gürzenich-Orchester

Bisher abboniert beim WDR-Sinfonieorchester, steht er jetzt vor dem anderen Kölner Orchester. Dem gelichteten Gürzenich-Orchester, und das entfesselt feine arabeske Klangmomente, die sich im Violinkonzert unter dem Titel Alhambra auf die maurische Festung im Süden Andalusiens beziehen. Dort, in Granada, ist es auch mit Isabelle Faust als Solistin uraufgeführt worden.

Isabelle Faust im Hintergrund Bonian Tian. Foto: Holger Talinski

Isabelle Faust ist in ihren melodiösen Momenten fein zeichnend, subtil, und gestaltet wie eine orientalische Erzählerin. Das Konzert beginnt sie mit einer solistischen Rhapsodie. Und sie bannt in ihrem regenbogenfarbenen Überwurf wie eine Magierin den Saal. Das Werk sprüht vor ornamentalen Einwürfen und sinnlichen Momenten, ein Saxophon verbindet sich unisono mit der Violine, vier Klarinetten sorgen für exotisch anmutende Flächen, das Schlagzeug lässt hören, über welche Klangvielfalt es verfügt. Allein, manchmal fehlt einem doch der Bogen im Orchester, der die Einzelaktionen in einen größeren Zusammenhang fasste. Isabelle Faust liefert einzig einen roten Faden, und das souverän in diesem Spaziergang durch die assoziative Klangarchitektur, für die sich Eötvös, wie er im Pausengespräch mit Roth verrät, erstmal über Bilder von der echten Alhambra im Netz vertraut gemacht hätte. Wie es beginnt, so endet es auch, mit einer gehauchten solistischen Melodie-Reminiszenz vom rhapsodischen Anfang, was den Eingang und den Ausgang eines Wegs durch die Alhambra symbolisiere.

Eötvös berichtet von Bartòks Experimentierlabor

Drei Mal müssen Solistin und Dirigent auftreten, immer wieder vom Applaus gerufen. Den folgenden Umbau überbrückt François-Xavier Roth als Moderator und befragt Peter Eötvös, der in bedächtig hervorragendem Deutsch unter anderem aus dem Experimentierlabor von Bartòk erzählt. Skizzen seien von Bartòk nicht überliefert, es gäbe nur die fertigen Partituren. Aber ein Musikwissenschaftler habe herausgefunden und nachgewiesen, dass Bartòk hier mit der Fibonacci-Reihe gearbeitet hat. Dabei wird die nächste Zahl der Reihe jeweils durch die Addition der zwei vorausgehenden Zahlen gebildet (0+1 = 1; 1+1 = 2; 2+1 = 3; 3+2 = 5; 5+3 = 8; 8+5 = 13; 13+8 = 21; 21+13 = 34 …). Die Zahlenverhältnisse nähern sich dem Goldenen Schnitt. „Du hast die Musik für Saiteninstrumente viele Male dirigiert, was würdest Du denjenigen ans Herz legen, die hier zuhören und das Stück noch nicht gut kennen“, fragt Roth. „Der Einsatz des Xylophons im Goldenen Schnitt der Partitur!“ Takt 34?

Mit dieser Raumaufstellung ein besonderes Erlebnis

Für Bela Bartòks Musik teilen sich die Streicher des Gürzenich-Orchesters, wie von Bartòk verlangt, rechts und links und umrahmen Schlagzeug, Klavier, Harfe und die Celesta in der Mitte. Selten ist diese Musik noch so durchhörbar gestaltet zu erleben gewesen wie an diesem Abend. Die Fuge am Anfang, nur von den Streichern gespielt, wogt über das Podium und entwickelt einen eigenartigen Sog. Einmal muss man doch an den Film Shining denken, der diese Musik als Filmmusik benutzt hat. Immer woanders quillt das Thema, später Fragmente des Themas aus dem Streichersound unheimlich hervor. Im Raum ist das ein ganz anderes Erlebnis als auf CD. Dann die Klaviersoli mit Gast Paolo Alvares oder das wunderbare Violoncellosolo von Bonian Tian im letzten volksmusikalisch wild von Tanzrhythmen geprägtem Satz. Roth, der im Publikum sitzt, dürfte sich über diesen Einstieg seines Orchesters in die Öffnung gefreut haben. Peter Eötvös hat er coram publico gleich weitere Auftritte vor dem Gürzenich-Orchester versprochen. Wir sind gespannt!

Siehe auch das klassikfavori-Interview

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.