Compositrices. Juliette Hurel und Hélène Couvert entdecken französische Komponistinnen

Unter den französischen Komponistinnen, die auf der CD “Compositrices” (ALPHA 573) zu hören sind, ist die jüngste Lili Boulanger sicherlich die bekannteste. Die beiden ältesten, Clémence de Grandval , 1828 geboren, und Augusta Holmés, 1847, sind eine Entdeckung! Alle fünf Komponistinnen sind im 19. Jahrhundert geboren und haben Werke für Flöte und Klavier komponiert. So sind die französische Flötistin Juliette Hurel und ihre Mitstreiterin Hélène Couvert, Klavier, auf diese Komponistinnen aufmerksam geworden. Wie Sie auf diese Frauen gestoßen sind, was sie an den Werken fasziniert, und warum es noch viel mehr zu entdecken gibt, erzählen sie im folgenden Klassikfavori Gespräch. (Mit Sabine Weber)

Juliette Hurel und H´lène Courvert entdecken Werke für Flöte und Klavier von fünf Komponistinnen (ALPHA 573)

Eine französische Flötistin hat mir mal erzählt, die Flöte sei ein französisches Instrument. Ihre „Persönlichkeit“ sei in Frankreich entwickelt worden. Beispielsweise durch Paul Taffanel, der eine der ersten Flötenschulen der Moderne geschrieben hat.
Würden Sie dem zustimmen?

Juliette Huriel: Wir haben die Tradition einer französischen Flötenschule, das stimmt. Und Paul Taffanel ist ihr Vater. Aber er ist nicht der erste! Vor ihm haben viele andere „erste“ französische Flötenlehrwerke geschrieben. François Devienne, Jean-Louis Tulou. Aber Paul Taffanel und sein Schüler Philippe Gaubert, nach ihm noch Marcel Moyse, die haben natürlich viele Bücher mit Etüden und technischen Übungen in die ganze Welt gebracht. Von daher könnte man das so sehen. Natürlich sind auch viele Stücke in der Zeit komponiert worden. Und ein Werk auf unserer neuen CD von Clémence de Grandval ist ihm gewidmet. Und Taffanel hat das Stück sogar uraufgeführt, zusammen mit Camille Saint-Saëns am Klavier! Aber mir gefällt es nicht zu behaupten, dass die Flöte französisch sei. Sie gehört der Welt! Wie Brahms die Flöte in seinen Sinfonien einsetzt, das ist doch nicht französisch! Das ist deutsch! Und dann Strawinsky, er setzt doch die Flöte auch nicht „französisch“ ein. In der Orchesterliteratur kommt die Flöte in jedem Land anders als in Frankreich zum Einsatz. Zum Glück!

Glücklicherweise! Dennoch Sie sind jetzt als Advokatinnen für die Flöte in Frankreich unterwegs, eingesetzt von französischen Komponistinnen. Der Titel Ihrer neuen CD lautet Compositrices. Wie sind sie auf sie gestoßen?

JH Es fing vor vier oder fünf Jahren an. Wir haben Mel Bonis entdeckt. Ich sagte zu meiner Begleiterin Hélène, ihre Sonate kenne ich gar nicht, die wird ja gar nicht gespielt. Die scheint mir schön, sollen wir sie mal aufs Programm setzen. Und wir fingen an sie zu proben und fanden sie sofort sehr schön. Dann haben wir sie oft im Konzert gespielt. Und haben uns gefragt, ob es mehr Komponistinnen gäbe, die für Flöte komponiert haben und könnten wir damit eine CD füllen? Auf den vorherigen CDs habe ich mit Hélène Bachwerke auf Holzflöte aufgenommen, davor Mozart, ebenfalls auf Holzflöte. Und jetzt wollte ich auf meiner Goldenen (Flûte Pearl Maesta, 18 Karat) etwas aufnehmen. Schubert oder Haydn, Poulenc? Haben wir viel gespielt…

Hélène Couvert: … wir spielen ja nie Bearbeitungen. Von Mel Bonis ausgehend kam die Idee, weitere Komponistinnen aufzunehmen …

JH: … nach Mel Bonis kamen wir auf Lili Boulanger und Cécile Chaminade. Das waren schon einmal drei Komponistinnen. Und dann traf ich Claire Bodin. Sie leitet ein Festival das Présence feminine heißt und das nur Komponistinnen aufführt.

Wo findet dieses Festival statt?

JH In der Nähe von Toulon. Und sie sagte, es gibt viele andere Komponistinnen, die für Flöte geschrieben haben. Sie hat mir eine Liste versprochen und sofort Grandval genannt und Holmès. Aber wer ist das denn? Wir haben sofort die Noten gesucht und haben etwas gefunden, was nie gespielt wird.

Noten, die schon gedruckt waren?

JH Ja, herausgegeben, aber nie gespielt! Warum? Grandval ist sogar beim Schott-Verlag erschienen. Nicht in Frankreich. Und Mel Bonis ist auch in einem deutschen Verlag  gedruckt worden. Das ist doch komisch.

HC Man ist nie der Prophet im eigenen Land!

JC Also es war nicht schwer, Noten zu finden. Es gibt sogar eine Aufnahme von Grandval.

HC Ihre Suite hat fünf Sätze und dauert 20 Minuten, es ist ein großes Werk.

Und ist eine Entdeckung!

Juliette Hurel mit ihrer 18 karätigen Querflöte entdeckt auf ihrer neuesten CD Compositrice fünf französische Komponistinnen
Juliette Hurel. Foto: Juliette Hurel

JH Grandval hat ja unglaublich viel geschrieben. Viel Kammermusik. Sie selbst war Sängerin. Sie hat melodiös geschrieben und geistliche Werke komponiert. Da könnte es noch viel zu entdecken geben. Sie kommt übrigens aus einem aristokratischen Milieu. Dank dieses CD-Projekts habe ich eine junge Dame kennen gelernt, die über Frauen-Komponistinnen arbeitet. Und sie hat auch sofort gesagt, macht etwas von Grandval. Um uns zu motivieren hat sie uns sogar Fotos von dem Schloss geschickt, wo sie gelebt hat. Diese Dame hat Musik für Violoncello und Klavier von Grandval übertragen, großartige Stücke. Es ist unglaublich, dass Clémence de Grandval unbekannt ist, ihre Musik ist exzellente Musik!

HC Auch diese Suite für Flöte und Klavier. Der Klavierpart ist sehr pianistisch. Natürlich gibt es Oktaven, es klingt auch nach Liszt, ist virtuos und klingt ganz anders als Lili Boulanger oder Mel Bonis. Grandval ist auf der Grenze von Romantisch zu Impressionismus. Die anderen Komponistinnen sind mehr nach der französischen Seite hin ausgerichtet, Fauré vor allem. Grandval geht in eine eigene Richtung und ist doch französisch!

Clémence de Grandval

Hat denn Grandval damals in der Szene mit anderen Komponisten Kontakt gehabt?

HC Sie war sehr bekannt. Alle Frauen waren bekannt. Und wenn Clémence de Grandval Camille Saint-Saëns gekannt hat, kannte sie auch die anderen.

Sie stand also im Austausch mit den männlichen Kollegen.

HC Natürlich. Es gab damals in Paris einen Musikverein der Künstler. Da haben alle verkehrt.

Hélène Courvert ist die Pianistin an der Seite von Juliette Huriel. Und maßgeblich an der Auswahl des Repertoires der neuen CD Compositrice beteiligt. Es werden nur Stücke im Original gespielt. Und Flöte und Klavier müssen gleichberechtigt sein
Hélène Couvert. Foto: Juliette Hurel

Saint-Saëns war ein großer Bewunderer der Grandval. Augusta Holmès wurde beispielsweise von Wagner und Liszt bewundert. Sie müssen sie also gekannt haben. Auch zwischen den Ländern gab es mehr Verbindungen als wir heute denken. Chaminade ist viel durch Europa gereist und in die USA, um ihre Musik vorzustellen. Alma Mahler notierte in ihr Tagebuch, dass sie Cécile Chaminade mit ihrem Klavierkonzert gehört hat, und es sei schrecklich gewesen!

Alma Mahler hat mehr die Männer bewundert!

HC … nur um zu sagen, dass Chaminade sehr bekannt war.

Bleibt also erstaunlich, dass die fünf Komponistinnen, die auf Ihrer neuen CD zu hören sind, so in Vergessenheit geraten konnten.

JH Das ändert sich. Lili Boulanger ist 1918 gestorben. Ihr zu Ehren werden Konzerte veranstaltet. Ihre Musik ist schon sehr bekannt in Frankreich.

Lili Boulanger ist sicherlich die bekannteste der fünf Komponistinnen. Das hat sie auch ihrer Schwester Nadia Boulanger zu verdanken, die ja die halbe Welt unterrichtet hat. Was ist denn jetzt das besondere an Clémence de Grandvals Werk?

JH Es ist lang, ein richtig langes Stück. Für unsere Besetzung Flöte und Klavier gibt es Werke von Schubert, dann viele Fantasien über Opernthemen. Dann gibt es ein Loch und dann Prokofjeff und Debussy. Grandval füllt die Lücke mit ihrer großen Suite aus. Ich hoffe, dass auch bald Studentinnen und Studenten ihre Suite anpacken. Die Flötisten müssen allerdings einen Pianisten finden, der das spielen will. Das ist alles andere als ein leichter Klavierpart. Übrigens hat Grandval noch einen wunderbaren Walzer für Flöte und Harfe komponiert. Sehr vokal. Ich muss jedenfalls noch mehr von dieser Frau entdecken. Sie hat ja auch nicht nur für Flöte geschrieben hat.

Augusta Holmès ist die andere Entdeckung und irischer Abstammung. Wie kam sie nach Paris?

JH Das weiß ich gar nicht. Ist sie nicht in Paris geboren?

HC Mm, sie ist in Frankreich geboren. Nur ihre Mutter oder ihr Vater war irischer Abstammung… Holmès hat jedenfalls einen Kompositionsauftrag für die Weltausstellung 1889 bekommen. Sie sollte ein Werk mit mehr als 1000 Musikern komponieren. Vor der Sinfonie der Tausend von Gustav Mahler. Und sie hat es geschrieben, und es wurde auch aufgeführt!

Komponistin der Nation! Sie war ja Schülerin von César Franck. Hat sie Maurice Ravel getroffen, der ja auch in der Klasse von Franck am Conservatoire studiert hat?

JH Oh, möglich. Als wir wussten, dass wir die CD aufnehmen können, das war im Januar letztes Jahr, haben wir uns schnell auf Repertoire-Suche gemacht. Und dann wollte ich vor dem Sommer aufnehmen. Denn im Sommer sind immer viele Konzerte. Und ich wollte nicht zwischen den Konzerten aufnehmen. Dann haben wir auch noch schnell ein paar Konzerte organisiert, damit wir unser Compositrices-Programm auch mal öffentlich spielen und ein bisschen Routine bekommen. Es ging alles sehr schnell. Wir müssen also noch Zeit finden, um über Holmès weiter zu recherchieren.

Vielleicht hat sie auch eher Claude Debussy getroffen, denn sie hat ein Claire de Lune komponiert, wie Debussy in seiner Suite bergamasque für Klavier.

HC Möglich! Sie haben sich damals doch alle gekannt.

JH Mel Bonis und Claude Debussy haben sich auf jeden Fall gekannt. Sie waren zur gleichen Zeit am Conservatoire. Das weiß ich. Holmès und Grandval kannten auf jeden Fall Saint-Saëns. Chaminade wurde von Georges Bizet protegiert. Das müssen wir noch alles genauer recherchieren.

Hört man denn in Chamindes Sérénade aux étoiles die Sterne funkeln?

JH Möglicherweise, diese Pièce ist eine Steilvorlage für Vorstellungen und Inspirationen.

Im Überblick betrachtet, könnte auf die leidige aber immer wieder gestellte Frage hier eine plausible Antwort gefunden werden. Komponieren Frauen anders?

JH Ich bin mir sicher, dass es nicht so ist! Jede unserer fünf Komponistinnen setzt sich auf ihre persönliche Art und Weise ein. Die Musik von Holmès ist nicht die Musik von Chaminade und Chaminades Musik nicht wie die Musik von Mel Bonis. Sie setzen alle ihre eigenen Marken. Feminin oder nicht. Natürlich sind wir nicht objektiv, weil wir wissen, dass die Musik von Frauen ist. Das beeinflusst uns.

HC ich sehe das auch so. Psychologisch ist die Frage interessant. Denn man würde nie fragen, ist Brahms oder Schumann männlich?

Die Frage enthält schon das Vorurteil!

JH Gibt es weibliche, männliche Literatur?

HC Es gibt männliche Anteile in Frauen und weibliche bei Männern. Eric Satie? Würden Sie sagen, Satie schreibe männliche Musik? Es ist kompliziert, da einen Sinn auszumachen.

JH Ich glaube, es ist auch nicht interessant.

HC Es zählt musikalisch auch nicht, nur psychologisch oder soziologisch. Wir könnten sagen, sie sind nicht mehr bekannt, weil sie Frauen in einer Epoche waren und in einer Domaine gearbeitet haben, wo sie keine Chance hatten, bekannt zu bleiben.

Aber ist doch seltsam, dass sie in ihrer Zeit bekannt waren und dann vergessen wurden!

JH Ich habe mit einer Soziologin mal darüber gesprochen. Die hat gesagt, das Problem seien die Bücher, die immer von Männern geschrieben würden. Und Männer sprechen nie von Frauen. Damals jedenfalls.

HC Es gibt schon ein paar über die sie damals geredet haben. Alma Mahler oder Clara Schumann.

Alma Mahler hat ja nun nicht viel komponiert.

JH Aber dennoch Schönes.

HC Und vergessen Sie nicht, Gustav hat mit ihr einen Ehevertrag abgeschlossen, dass sie nicht komponieren dürfe.

So wie Schumann Clara verboten hat, als Pianistin auf Tournee zu gehen.

JH Es ist ein soziologisches Problem, kein musikalisches…

Kommen wir zurück auf die Frauen im hier und jetzt und vor mir. Wie haben Sie sich eigentlich kennen gelernt?

JH Wir haben 1995 zum ersten Mal im Duo zusammen gespielt. Und das war am Pariser Konservatorium. Ich habe Hélène Schumann spielen hören. Und sie spielte wie ein Engel. Danach habe ich sie gefragt, ob sie mit mir nicht nur spielen würde, sondern bereit wäre, Basisarbeit zu machen, ob sie unser ganzes Leben lang mir mir spielen würde… (Lachen)

Ein Duo-Paar fürs Leben!

HC Das ist wahr, darüberhinaus haben wir festgelegt, dass es nur Stücke sein dürften, die beiden Instrumenten gerecht werden.

JH Einmal habe ich sie gebeten, eine Carmenfantasie zu begleiten, wo sie nur plum-plum – Pause – plum-plum zu spielen hatte. Und dann hat sie mir gesagt, sie kann das nicht spielen. Ich bin keine Begleiterin.

HC Der Klavierpart muss gleichberechtigt sein.

Und das hört man sehr gut auf der CD. Geben Sie auch Solo-Recitals?

HC Ja, klar, aber wir haben unser Duo auch seit 25 Jahren gut entwickelt.

Gibt es – Abschlussfrage – ein Stück, dass Sie auf dieser CD besonders lieben?

HC Ahhhh! Das Nocturne von Lili Boulanger. Die Harmonien sind so sublim. Die Farben sind so prächtig. Es gibt Reibungen, und es ist so dicht und spannungsgeladen.

JH Und ich liebe Mel Bonis, haaa! Und zwar die Pièce, ich rede nicht von der Sonate. Wie konnte ich nur so alt werden und es nicht vorher gekannt haben. Die Melodie ist so flüssig, alles ist so organisch… Was für eine Chance, dass wir diese Werke entdecken konnten. Poulenc und Prokofjeff, ja gut. Aber jetzt diese Werke. Ich will noch mehr entdecken. Und es gibt Tonnen von unentdeckter Musik. Und es muss nicht nur von Frauen sein.

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