Anna Bolena – ein Politthriller mit Belcanto-Musik und exzellenten Protagonisten am Münchner Gärtnerplatztheater – halbszenisch als Premieren-Stream

Eigentlich hätte diese Produktion an vier Abenden konzertant gespielt werden sollen. Alle Vorstellungen für November, Dezember und Januar wurden abgesagt. Aber der Proben-Betrieb durfte weitergeführt werden. Und da war sogar mehr Zeit für die Proben. Das kam der Produktion zugute. Gaetano Donizettis Königinnen-Drama „Anna Bolena“ kam halbszenisch auf die Bühne; in einer geschickt reduzierten Orchesterfassung, ohne Publikum aber für alle als Premieren-Stream verfügbar gemacht! (Von Klaus Kalchschmid)

Anna-Katharina Tonauer, Sava Vemić, Juan Carlos Falcón, Jennifer O’Loughlin. Foto: Marie-Laure Briane

(4. Dezember 2020, Premierenstream aus dem Gärtnerplatztheater, München) Eine prächtige, güldene Krone – die des britischen Königshauses – schwebt über dem ganzen Abend als ewige Verlockung, aber auch wie das berüchtigte Damokles-Schwert. Das hing einst an einem Pferdehaar über dem Thron des Königs von Syrakus, der seinen Platz dem Höfling Damokles probeweise überlassen hatte. Mal senkt sich diese Krone, mal fährt sie nach oben, immer vor düster dräuenden Projektion von Wolken, Bäumen ohne Blätter oder Architekturdetails im Hintergrund (Video: Meike Ebert, Raphael Kurig). Am Ende tötet dieses Zeichen der Macht symbolisch, denn Heinrich VIII. (Sava Vemic) hat seine Geliebte Giovanna Seymour (Margarita Gritskova) hoffähig gemacht, die Ehe mit Anna Bolena (Jennifer O’Loughlin) aber aufgelöst. Sie schickt er ebenso aufs Schafott, wie deren Geliebten Lord Percy (Lucian Krasznec), ihren Bruder Lord Rochefort (Timos Sirlantzis) und ihren Pagen Smeton (Anna-Katharina Tonauer).

Das Halbszenische funktioniert hervorragend in diesem bösen Kammerspiel

Dass in Maske und Kostüm (von Inge Schäffner frei der Tudor-Zeit entlehnt) aber an Notenpulten frei und auswendig gesungen und agiert wird (Regie: Maximilian Berling), funktioniert hervorragend mit diesem bösen Kammerspiel. Gaetano Donizetti hat es mit so feiner, traumhaft schöner Musik ausgestattet!

Anna-Katharina Tonauer, Jennifer O’Loughlin. Foto: Marie-Laure Briane

Der Chor des Gärtnerplatztheaters steht malerisch mit Abstand nach allen Seiten im Hintergrund. Davor ereignet sich die Tragödie. Dabei wären O’Loughlin als verstoßene Königin und Krasznec ein so schönes Paar – optisch wie akustisch.

Lucian Krasznec. Foto: Marie-Laure Briane
Selbst eine moderne Brille – in einer semikonzertanten Aufführung kein wirklicher Fremdkörper – schmälert seine Attraktivität und die seines immer freier und geschmeidiger klingenden lyrischen Tenors nicht, im Gegenteil. O’Loughlin aber singt und spielt wahrlich wie eine Königin: Mühelos die Koloraturen, rein und rund Phrasierung und die Spitzentöne, fein sinnlich der Ausdruck.

Unter den mittleren und kleineren Partien stechen die junge Mezzosopranistin Anna-Katharina Tonauer in der Hosenrolle des Pagen Smeton und der junge griechische Bassbariton Timos Sirlantzis als Bruder Annas heraus. Sein Minenspiel ist ebenso charakteristisch präzise wie sein Singen. Dass Tony Burke eine reduzierte Fassung erstellen musste, damit das Orchester mit den gebührenden Abständen in den Graben passt, wird nie als „halbakustisches“ Manko wahrgenommen. Howard Arman, auch höchst kompetenter Leiter des Chors des Bayerischen Rundfunks, holt ein Höchstmaß an Italianità aus der kleinen Besetzung heraus.

Klassikfavori empfiehlt weitere kostenlose Livestreams aus dem Gärtnerplatztheater:
Der Vetter aus Dingsda, Premiere am Donnerstag, 17. Dezember (19.00 Uhr)
Drei Männer im Schnee, Donnerstag, 31. Dezember (18.00 Uhr)

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