Abends am Fluss und Hochwasser. Zwei Uraufführungen in Heidelberg

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, in dem Fall die Oper Heidelberg. Das Opernhaus Leipzig bestellt eine Oper. Der Hausregisseur soll inszenieren. Kein geringerer als Peter Konwitschny, bekannt für polarisierende, politisch ambitionierte und für Diskussionsstoff sorgende Inszenierungen. Konwitschny wählt auch den Librettisten und den Komponisten aus. Doch dann steigt der Generalmusikdirektor des Hauses zum Intendanten auf. Es kommt zum Überwürfnis zwischen neuem Intendant und altem Regisseur. Der Regisseur kündigt. Und die vom Hamburger Komponisten Johannes Harneit inzwischen fertiggestellte Oper, eigentlich zwei Opern – liegen in der Schublade. Nicht lange. Denn das Theater und Orchester Heidelberg, beziehungsweise der umtriebige dortige Operndirektor Heribert Germeshausen erkennt die Chance in diesen unerhörten Entwicklungen. Die Uraufführung von Johannes Harneits beiden Opern mitsamt Regisseur holt er an den Neckar. Johannes Harneit wird zum Komponisten der Saison ausgerufen. Ein ambitioniertes Symposium über den Ist-Zustand und die Zukunft der politischen Zeitoper wird angezettelt, das mit der Uraufführung der beiden Opern Abends am Fluss und Hochwasser einen fulminanten Auftakt und reichlich Diskussionsstoff liefert. Aber zunächst für einen unvergesslichen Abend sorgt. (Von Sabine Weber)

(6. Februar, 2015, Theater Heidelberg) Wie aus einer anderen Welt steht Peter Konwitschny auf der großen Bühne. Der Mann mit grauem Pferdeschwanz in gelber Hose mit Hosenträgern. Neben ihm ein schmächtig wirkender Mitstreiter mit schütter abstehendem Grauhaar. Helmut Brade, Konwitschnys langjähriger Bühnen- und Kostümbildner und der noch schmächtigere Gero Troike mit Theologenbart. Freunde und Überlebenskünstler aus DDR Zeiten, wo das unbotmäßige Hinterfragen keine Tugend sein konnte. Aber jetzt, hier im Heidelberger Theater, kommen alle drei noch einmal so richtig zum Zug. Polit-Musik-Regietheater von Alt-86ern. Das Regieteam, verstärkt um den Komponisten Johannes Harneit, schöpft für diesen Uraufführungsakt aus dem Vollen. Ihr ganze widerständige Apologetik bringen sie auf die Bühne. Sie wollen politische Überzeugungstäter sein. Und das auf einer Opernbühne in einem städtischen Theater einer Kleinstadt. In Heidelberg! Ob das die angeblich so unpolitisch gewordene Jüngeren verstehen oder ein bildungsbürgerliches Publikum so etwas goutiert, interessiert nicht. Hier wird gewagt und versucht. Die redundanten und bedeutungschwangeren Wortfetzen und Sentenzen des Librettos zu Abend am Fluss, der ersten uraufgeführten Oper sind ja auch herrlich deutungsoffen. Gero Troike hat sie wie ein zufälliger Beobachter aufnotiert, dann aufgelistet. Er schreibe, was gesagt werden muss! Sagt Troike. Wann und zu welchem Zeitpunkt lässt er offen. „Wir reden mit einer Stimme“.- „Wir haben keinen Standpunkt!“ wird gefolgt von „geschlossene Augen. Geschlossener Mund. Zahngold.“ Der als Bühnenarbeiter im off vieler Theaterhäuser Beschäftigte scheint ein Publikum zu fokussieren. In dieser Art fährt der Text fort, den Peter Konwitschny unbedingt inszenieren wollte. Die zweite Textvorlage, die zu diesem Opernabend im Doppelpack gehört, handelt von zwei im Keller vergessenen Schicksalen. Unter der Überschrift Hochwasser geht es um einen schweren und einen leichten Koffer, die davon träumen zu reisen und im Hochwasser absaufen. DDR Schicksale möglicherweise. Aber auf jeden Fall Hoffnungslosigkeit als das menschliche Drama an sich – hier in Form einer schwarzen Komödie gegossen. Beide Stücke unterfüttert der Hamburger Komponist Johannes Harneit im gewissen Sinne mit klanglichen Utopien. Denn der konsumorientierten Tonalität erklärt er den Krieg. Tonalität sei pure Abmachung, eine Abmachung eigentlich wider die Natur! Sagt Harneit. Er leitet sein Tonmaterial aus natürlichen Obertonreihen bis in Extrembereiche hineingehend ab. Es haucht in der Höhe. Es wummert in der Tiefe. Und reine Töne können herrlich verstimmt sein. Aber vor allem löst seine Musik die dramaturgische Bedingung ein, Spannungsverläufe zu kreieren. Die Klangflächen vibrieren in Abends am Fluss und werden entsprechend des Dramas attakiert, aufgelöst und zersetzt. Auch von der Galerie schallt es in den Zuschauerraum des großen Marguerre-Saals der Heidelberger Oper. Und einige Male drängt sich der Gedanke an Bruckner, Wagner oder Bach auf. Ganz anders klingt und wirkt die Kammerkomödie nach der Pause. In Leipzig sollte Hochwasser im Opernkeller spielen. In Heidelberg sitzen die 10 Instrumentalisten inklusive zweier im Vierteltonabstand gestimmter Klaviere und einem von den Schlagzeugern selbst gebauten chromatischen Flaschenorgel auf Tuchfühlung, umringt vom Publikum auf der Bühne im kleinen cremeweiß-goldenen alten Saal. Die beiden Säle sind über die Bühne verbunden. Ein Teil des Publikums sitzt sogar auf der Bühne und darf auf der Hebebühne mit dem leichten weißen Koffer in den Keller fahren.

Hochwasser: schwerer und leichter Koffer Foto: Annemone Taake
Hochwasser: schwerer und leichter Koffer Foto: Annemone Taake

Die beiden Kofferdarsteller verfügen über je einen Zuschauerraum, wirbeln aber auch durch die Instrumentalisten, die in kleinen Aktionen auch mitbeteiligt sind. Putzstücke – ein Regiegag – krachen hautnah um die verstimmten ‘Kellerinstrumente’ von der Decke. Als Musikdirektor an verschiedenen deutschen Opernhäusern ist Johannes Harneit immer schon ein Sachwalter Neuer Musik und offen für Experimente gewesen. Selbstverständlich hat er in dieses Doppelopernprojekt Jahrelange Vorarbeit investiert. Das hat der erste kryptische Text von Troike auch nötig gehabt. Noch vor dem Komponieren hat der Hamburger Harneit mit dem Regieteam die Wortfetzen und Sätze aus Abends am Fluss durchforstet, bis eine szenischen Abfolge erkennbar wurde.

Abends am Fluss: Die Frau und der Greis Foto: Annemone Taake
Abends am Fluss: Die Frau und der Greis Foto: Annemone Taake

Vier Charaktere manifestierten sich in den Wortfluten Troikes und der Musik Harneits. Ein Greis, eine tote Frau, ein Wunderkind und ein Hund. Sie entsteigen einem Kanaldeckel oder werden tot angeschwemmt. Beobachtet von zwei Kommentatoren in zwei Schilderhäuschen rechts und links, die sich bewaffnet mit iPad und Tschenlampe immer wieder einmischen. Der Fluss ist ein wogender Menschenchor auf Hebebühnen, der in Riesenwellen auf und abfährt. Alle haben viele Leben, die Masse, die Individuen. In immer neuen Konstellationen reagieren sie aufeinander. Klischees, Alltags- und Schlüsselsituationen passieren vor geschichtsträchtiger Kulisse. In einem Meer von numerierten weißen Kreuzen liegen sie mit Gasmasken im Nebel. Unter trügerischem Sternenhimmel stürzt sich die von „Abendstille überall“ singende Chormasse – das deutsche Volk – auf ein Liebespaar und lyncht es. Vor dem Ährenkranz mit Hammer und Zirkel giert sie nach Dollarnoten, in einer Ramschmeile nach Billigangeboten. Sätze wie „das darf man nicht!“ fallen in einer spießigen Familienidylle und rufen sicherlich bei jedem im Publikum Erinnerungen wach. Und darum geht es hier: Reaktionen zuzulassen auf die sich oftmals widersprechenden Wort- und geschichtsträchtigen Bildfluten. Was als schön verkauft wird, ruft hässliche Auseinandersetzungen hervor. Geschichtsträchtige Momente kreieren Verlierer. Idyllen sind Höllen. Die Liste solcher Widersprüche sind lang, die hier ernst, aber auch mit Zynismus und Sarkasmus an der deutschen Geschichte andoggen. Unglaublich, mit welcher Dichtigkeit Musik und Szenenfolgen sich durchdringen. Wie das Heidelberger Ensemble sich einbringt. Irina Simmes als Frau mit einer weich temperierten, dennoch kraftvollen Sopranstimme, Angus Wood, ein Radames-Tenor als Wunderkind oder Namwon Huh, der mit seiner agilen Tenorstimme und asiatischer Behendigkeit den toten Hund wiederbelebt. Im Mittelpunkt aber steht Gastsänger Tomas Möwes als Greis. Er changiert vom militanten Alten mit schlechtem Gewissen zum Marktschreier, Dollargott, zum eiskalten deutschen Professor und endet nach anderthalb Stunden als Großvater im Rollstuhl. Mit beteiligt ist auch ein exzellenter Chor inklusive eines Kinderchores unter der Leitung von Anna Töller. Auch die beiden Kofferdarsteller Ipča Ramanović und der Bass Wilfried Staber leisten sängerisch und schauspielerisch hervorragende Leistungen. Und sie erhalten am Ende eines dreieinhalbstündigen wirklich fordernden Abend tosenden Beifall. Hier schreibt ein Stadttheater Musiktheatergeschichte. Das Wagnis einer politischen Oper ist aufgegangen. Ob sie zeitgemäß ist, findet das Heidelberger Symposioum noch heraus. Aber nocheinmal sind die Errungeschaften der 68er Jahre hautnah zu erleben gewesen. Nicht einfach Hinnehmen, sondern Hinterfragen und Widersprüche aufdecken! Das konnte die Oper schon immer und kann es immer noch!

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