20 Shots of Opera. Junge irische Komponisten zeigen, was digitale Oper kann!

Was soll, was kann Oper in diesen Zeiten? Die Irish National Opera in Dublin hat ein bemerkenswertes Experiment durchgezogen. 20 junge irische Komponistinnen und Komponisten haben in ihrem Auftrag jeweils einen bis zu 8 minütigen Opernspot komponiert. Und sie zeigen nicht nur, was Oper für sie interessant macht und welche Themen sie umtreiben.  Die „20 Shots of Opera“, aufzurufen auf der Seite der INO, liefern ein bemerkenswertes Bild digitaler Kreativität. Für die Realisierung wurde Operngeschehen auf der Bühne nämlich nicht nur einfach abgefilmt. Designer, Trickfilmer, Ton- und Bildtechniker, über 160 Professionelle aus dem Theater-off, so verrät die INO auf ihrer Seite, haben mitgeholfen, ungewöhnlich vielfältige Ideen zu entwickeln und innerhalb von sechs Monaten fertig zu stellen. (Von Sabine Weber)
Die Komponistennamen sagen uns nichts. Noch nichts! Immerhin neun junge Irinnen sind darunter, so ich mich mit dem Geschlecht der irischen Vornamen nicht vertue. Also machen die Komponistinnen annähernd die Hälfte aus! Nach Komponistennamen ist die mit bunten Streife hinterlegte Folge der 20 Shots of Opera geordnet. Pro Projekt sind ein bis drei Solisten involviert, zumeist erfrischend jungen Sängerinnen und Sänger, inklusive des beteiligten Schauspielpersonals. Corona-konfrom ist auch die Beschränkung auf maximal 10 Orchestermusiker, die sich aus dem RTÉ (steht für Radio Television Éireann) Konzertorchester oder dem Opernorchester rekrutieren. Nicht nur auf dem Podium des Gaiety Theatre in Dublin wurde gefilmt. Gesangssolisten wandern über Straßen, oder wüten in privaten Badezimmern und Dielen, kommen Selfielike ins Bild. Und es wird auf die klassische Szene auch ganz verzichtet und filmisch experimentiert, Bilder überlagert, colagiert.  Zeichentrickanimation gehört mit dazu. Am technischen Support wurde nicht gespart. An dieser Oper in Dublin ist die Digitalität angekommen und als Chance genutzt worden!

Faszinierend etwa die Umsetzung in Rutpure von Èna Brennan für Damenduo. Zunächst meint man tatsächlich, eine Person singe. Ihr naives positives Ich, das Regentropfen in Champagner ummünzt und ihr pejoratives, das alle Träume und Wünsche schlecht redet. Begleitet von minimalistischen Patterns und flirrend zarten Tönen, überlagern sich die Gesichter unter schwarzer Ponyperrücke, während geschwärmt, genörgelt und gekämpft wird. Die Mimik der Gesichter ist großartig. Zum Schluss ist das böse Gesicht nur mehr ein skeptischer Schatten. „You cannot silence me“ , ruft das gute Ich, und träumt in fast beklemmender Weise weiter vom harmlosen Picknick im Park.
Komponistin Irène Buckles (Text: Jessica Traynor) lässt in Ghost Apples – gemünzt auf das Symbol eines eisig unfruchtbaren Apfels, der Computerfortschritt ziert – eine Forscherin über eine Umweltkatastrophe dozieren. 1.26 Millionen qm2 Plastik im Pazifik! Sopranistin Kelli-Ann Masterson wandert zu gezupften und gestrichenen Patterns von acht Streichern zwischen Schreibtisch und Pazifikplastik als Ausstellungsobjekten auf Sockeln.

Die Sorge um die Umwelt treibt einige der Komponisten um. Auch in Dust mit Musik und Text von Benedict Schlepper-Connolly. Er verarbeitet eine alte irische Ballade zu einem Lamento und einer dystopischen Vision. Die Stimme von Michelle O‘Rourke passt mit ihrem kehligen und dennoch klangvollen Timbre  perfekt zu den Folk-musikalischen Anklängen. Sie wird von zwei Schutzanzug-bemantelten Gestalten aus einem Hochzeitsschleier heraus geschält und in einen ebensolchen Schutzanzug gepackt. Und zählt unentwegt auf, was sie auf der Erde nicht mehr sehen konnte: singende Vögel die fliegen, Fische die schwimmen, …
In Erth upon Earth beschwört Komponist Andrew Hamilton die Corona-Pandemie herauf. Mittels eines Textes aus dem 15. Jahrhundert, den er von einem Kappellenfresko kopiert hat. in den Vokalisen ist der zu Silben gedehnte Text nicht zu verstehen. Sopranistin Sinéad Campbell-Wallace fordert im Bild die ganze Aufmerksamkeit, reduziert auf Augen, Mund oder Kehle. Und singt, nein schreit derart angst- und schmerz-verzerrt, verstärkt durch hämmernde, pfeifende, blasende, schlagende und stechende Töne und Klänge, dass einem das Hören sogar fast vergeht. Als die Corona-Leiche in Schutzumhüllung auf einer Bahre liegt, kommt eine Art Trauerzugsmusik ziemlich zahm daher…
Um Verlustverarbeitung geht es in At a loss von Michael Gallen oder in Her name von Alex Dowling. In letzterem kann ein Chorjunge (Knabensopran Seán Hayden) am Wochenende aus dem Internat nicht zu den Großeltern fahren und betrauert singend den Verlust der Mutter, die wohl verstorben ist.
Witzig, ja das gibt es auch, ist Robert Colemanns The Coulour of green auf einen Text von Mark Boyle. Beeindruckend, wie mit Redundanz gespielt wird. Eine Sprechstimme wiederholt immer wieder ein und denselben Satz: „make a copy of a book, write the whole book again“, während eine Bassstimme leise dazu summt. Alles zu animierten Bildern eines Mannes im Schaukelstuhl draußen im Grünen. Mit Kopfhörer und laufendem Kasettenrecorder neben sich. „Mmmm: make a copy of the book!“ Der Comic-Boy sitzt jetzt am Tisch und schreibt immer denselben Satz. Das Mmmm schmiert ab. „Sleep goes light. Come and goe with the light, sleep. Write the whole book again, interesting process…“ Geht es hier um Schreibhemmung? „Wenn ich außer Balance gerate, dann empfiehlt mir meine Freundin Kräuter. Horsetail, Silver weed, Selfheel, Calendula, Chamomille“, in den Wintermonaten jedenfalls.
Jeder Opernspot ist ein kleines und inspirierendes Abenteuer, dazu hervorragend produziert. Einiges ist auch hemmungslos kitschig wie das farbenprächtige Close von Hannah Peel. Da geht auch richtig ein Vorhang auf und zu Harfenklängen wollen sich zwei Frauen auf der mit Herbstblättern dekorierten Bühne näher kommen. Links Raphaela Mangan, die an Joan Cusack in dem Film Arlington Road erinnert. Vielleicht muss man sich den ein oder anderen Spot zweimal zu Gemüte führen, um die hohe Kunst dieser Produktionen in jedem Detail zu verstehen. Das Englische, ein Spot ist sogar auf Irisch, ist natürlich ein Problem. Immerhin gibt es immer englische Untertitel.

Ob neue Opernformate entstanden sind, die als digitale Oper Schule machen, wird sich zeigen. Jedenfalls ist hier eine junge Generation aufgefordert worden, frischen Wind ins altehrwürdige Operngeschehen zu bringen. Das Digitale ergreift sie beim Schopf und nutzt deren künstlerische Mittel.

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