„Sehet den Träumer! Elam Rotem und sein Ensemble Profeti della Quinta kreieren Joseph und seine Brüder als frühbarockes Oratorium!

„Kopieren ist Kreieren“ steht oben auf dem Programmzettel. Der israelische Barockmusiker Elam Rotem, der in Basel studiert hat und auch lebt, hat die biblische Erzählung “Joseph und seine Brüder” als frühbarockes Oratorium neu kreiert. Er hat Stile und Genres des 16. und frühen 17. Jahrhunderts kopiert, so, als wäre er ein posthumer Komponistenkollege Claudio Monteverdis oder Emilio Cavalieris. Stile kopieren, um zu kreieren! Das ist eigentlich nichts neues. In diesem Falle aber doch spektakulär, weil die Kopien auf Stile verweisen, die vor über 400 Jahren mal angesagt waren. Die Aufführung dieser neuen Alten Musik hätte auch im März im Rahmen des Kölner Zentrum-für-Alte-Musik-Festivals stattfinden sollen. Das – abgekürzt ZAMUS – Festival wollte sich unter der Führung des künstlerischen Leiters Ira Givol neu präsentieren. Unter anderem auch Grenzgänge der historischen Aufführungspraxis – wie diese „Nach- oder Neukomposition“ zur Diskussion stellen und Fragen der historischen Aufführungspraxis wissenschaftlich in einem Symposium aufwerfen. Alles wurde abgesagt. Jetzt konnte Elam Rotems Josephslegende in der Lutherkirche in Köln aber endlich aufgeführt werden. Rechtzeitig vor dem neuen Lockdown, der schon an die Tür klopft. Auf 14 Musiker des Ensembles Profeti della Quinta kamen mal gerade 24 Zuhörer. Ein besonderes Erlebnis für die, die dabei sein konnten! (Von Sabine Weber)

Joseph und seine Brüder im Rahmen von ZAMUS-Festival in der ausgeleuchteten Lutherkirche in Köln. Foto: Sabine Weber

(15. Oktober 2020, Lutherkirche, Köln) Mit der italienischen Musik des Frühbarocks hat sich Elam Rotem kompositorisch bereits auseinandergesetzt. Vielleicht ist die erste Auseinandersetzung auch die Initialzündung oder der Test für das aktuelle Großprojekt Joseph gewesen. Der im Norden Israels in Galiläa geborene Barockmusiker Rotem hat zunächst Psalmen im Stil von Salomone Rossis Psalmvertonungen neu vertont und mit dem von ihm gegründeten Ensemble Profeti della Quinta vor drei Jahren aufgeführt.

Biblische Texte mittels Affekt-geladenen Madrigalstil Ausdruck zu verleihen reizt Elam Rotem

Salomone Rossi war seinerzeit ein berühmter Komponist, Jude, und Kollege Claudio Monteverdis in Mantua. Dort hat Rossi versucht, „Synagogenmusik“ im „italienischen Stil“ zu modernisieren. Er hat biblische Psalmtexte auf Hebräisch wie christliche Vokal- und Instrumentalmusik vertont. Biblischen Texten mittels Affekt-geladenem Madrigalstil Ausdruck zu verleihen hat wohl Elam Rotem gereizt und zum Nachschöpfer werden lassen. Hebräische Psalmen hat er also à la Rossi und wie Claudio Monteverdi zu kleinen, hochexpressiven Opernhaften Szenen geformt. Durch die Zuspitzung des Madrigalsstils auf eine führende Singstimme über Generalbass ist die Oper als Genre schließlich auch entstanden.

Joseph und seine Brüder als biblisches Musiktheater für fünf Stimmen und Ensemble als Grenzgang zwischen Madrigal und monodischem Stil

Zwischen madrigalesker Polyphonie und affektgeladenem monodischen Stil hat Elam Rotem sein großes biblisches Musiktheater angelegt. Fünf Stimmen galten zu Monteverdis Zeiten als die perfekte Madrigalbesetzung. Die Sänger treten natürlich auch solistisch hervor. Zwei Violinen führen das Instrumentalensemble an. In Italien und Süddeutschland entwickelt sich gerade die Triosonate, mit der sich Instrumentalmusik, meist für zwei Violinen und Basso continuo von der Vokalmusik endgültig emanzipiert. Zwei Viole da gamba plus Violone bringen noch den dunklen Klang eines Gambenkonsorts ins Spiel. Dazu sorgen Lirone, Erzlaute, Theorbe, Cembalo und ein Orgelpositiv für ein klangfarbenreiches Continuo, das noch Renaissance-Zeiten beschwört.

“Sehet den Träumer! Lasst ihn uns in eine Grube werfen”

Doron Schleifer , der Erzähler, unterstützt mit kleinen Gesten. Foto: Sabine Weber

Den wichtigsten Part hat der Erzähler. Und Countertenor Doron Schleifer unterstützt mit Gesten wie ein Cuntastorie seine Erzählung. Stimmen der Brüder werden vom zweiten Countertenor (David Feldmann), von den beiden Tenören (Lior Lebovici, Jacob Lawrence) oder von Elam Rotems Bassstimme übernommen. Mal spricht der Vater nur mit Orgelpositivbegleitung. Die neidischen Brüder Josephs reagieren mit Cembalo und Lautenbegleitung. „Sehet den Träumer, lasst ihn uns in eine Grube werfen“, kommt in homophoner Stimmführung hinterhältig langsam gesungen. Polyphoner Madrigalstil ist natürlich mit den damals typischen rhetorischen Mitteln aufbereitet. Dazu zählt vor allem die absteigende chromatische Melodielinie mit Dissonanzreibung. Ganz eindrücklich zu hören, wenn der alte Vater das blutgetränkte Kleidungsstück seines vermeintlich von Tieren zerrissenen Sohnes Joseph schmerzverzerrt in der Hand hält. Dazu zählen aber auch Akzentpausen, tiefe Stimmlagen gegen hohe, Echoeffekte, usw. Und immer wieder Instrumentalritornelle, Gagliarden, dunkel-samtene Gambenkonsortpassagen oder die zwei Geigen, die sich durch Nachahmung und Übertreibung voran bringen.

Die Sänger des Ensembles Profeti della Quinta reagieren hervorragend auf einander und klingen perfekt abgestimmt. Die Instrumentalisten musizieren großartig unter der Leitung von Elam Rotem

Joseph und seine Brüder. Lior Lebovici, Tenor im Ensemble Profeti della Quinta. Foto: Sabine Weber

Monteverdi, aber auch Gesualdo, Ludovico Viadana, Giovanni Antonio Pandolfi Mealli oder Heinrich Schmelzer, aber auch Hermann Schein oder Johann Rosenmüller könnten Pate gestanden haben. Elams Panoptikum ist ein perfekter Stilmix des ausgehenden 16. im Übergang zum 17. Jahrhundert, den er nutzt, um die Geschichte abwechslungsreich zu erzählen und dramatische Höhepunkte anzulegen.

Joseph und seine Brüder hat dramatisches Potential

Die Geschichte hat ja auch viel Potential. Die neidischen Brüder, die ihren Träumer-Bruder nach Ägypten verkaufen. Die Frau Potiphars, die Joseph verführen will und ihn dann ins Gefängnis bringt. Josephs Traumdeutungen, die ihn aus dem Kerker heraus zu einem angesehenen Mann machen, vor dem die Brüder, die ihn nicht mehr erkennen, auf die Knie fallen. Joseph gibt sich seinen Brüdern aber wieder zu erkennen. Diese Szene treibt einem die Tränen in die Augen. Joseph, sein Name, wird wie in der Szene Elektra-Orest bei Richard Strauss magisch beschworen. Fast zwei Stunden dauert das in drei Akte unterteilte biblische Musiktheater. Für Fans dieser Stile und dieser Zeit ein handwerklich exzellenter Genuss. Vor allem, weil die Sänger des Ensembles Profeti della Quinta einfach hervorragend auf einander reagieren und abgestimmt sind und die Instrumentalisten großartig unter der Leitung von Elam Rotem musizieren. Wer mit den Feinheiten dieser Stile und dieser Zeit allerdings nicht vertraut ist, dem könnten die zwei Stunden lang werden. Kaum eines der frühbarocken Werke der Gegenreformation, mit denen dieses neue aus der Hier-und-Jetzt-Zeit zu vergleichen wäre, hat solche Ausmaße. Ob das jetzt Alte Musik, Neue Musik oder neue Alte Musik sei, das müsste auch noch ausdiskutiert werden…

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