Es ist genug – Konrad Junghänel – Lautenist, Dirigent und Ensembleleiter – löst sein Ensemble Cantus Cölln auf!

Mit 20 Jahren war Konrad Junghänel eine Koryphäe auf der Laute. Dann gründete er mit Anfang 30 das Vokal-Ensemble Cantus Cölln. Vor ungefähr 20 Jahren, mit Anfang 50, hat er begonnen, in den Orchestergraben zu steigen und für den Alte-Musik-Schliff bei Monteverdi und Mozartopern zu sorgen. Und damit ist er ziemlich erfolgreich. Unmittelbar vor diesem Interviewtermin hat er sieben Mozart-Opern am Wiesbadener Staatstheater geleitet. Ob das mit ein Grund ist, warum Cantus Cölln, 1987 zusammen mit der Sängerin Johanna Koslowsky gegründet, jetzt auf Abschiedstournee ist? (Ein Gespräch mit Konrad Junghänel und Johanna Koslowsky. Die Fragen stellt Sabine Weber)

KJ Ja … Das war damals eine Idee von uns mit offenem Ausgang. Und es hat sich herausgestellt, dass etwas Tolles daraus geworden ist. Was für uns sehr wichtig und prägend gewesen ist.

Haben Sie sich in den 35 Jahren denn all die musikalischen Wünsche verwirklicht, die Sie mit Ihrem solistisch-vokalen Ensemble verwirklichen wollten? Gibt es nichts mehr zu tun?

KJ Wir haben uns sehr, sehr viele Wünsche erfüllt. Es gäbe das ein oder andere hier natürlich noch zu tun. Aber nach 35 Jahren ist auch ein Punkt gekommen, wo man ans Aufhören denken kann. Jetzt ist es der genau richtige Zeitpunkt, bevor es zu spät ist. Das muss man ja auch sagen. Es wäre nicht so schön, wenn andere Leute denken, wäre gut, wenn die mal aufhören, sondern besser, wenn sie denken, „Schade, dass sie jetzt aufhören!“

Wenn Sie zurück blicken, wie haben Sie die damaligen Zeiten empfunden? Gab es Mitte der 80er so etwas wie Aufbruchsstimmung?

Auf jeden Fall. Das kann man daran sehen, welche anderen Ensembles damals gegründet wurden. Sämtliche heute berühmten deutschen Barockorchester entstanden in den 80ern. Das Freiburger Barock, Concerto Köln, die Akademie für Alte Musik Berlin. Das lag in der Luft. Die Festschreibung oder Etablierung der 1960er war das.

Und paradiesische Zustände. Die Alte Musik wurde mit offenen Armen aufgenommen. Wie ist heute, wenn Sie das mit damals vergleichen?

Tatsächlich war das ein sehr guter Nährboden. In den 1960er Jahren, als das Denken um die Historische Aufführungspraxis angefangen hat, war es ein Kampf gegen das Etablierte. Auch noch in den 70er Jahren, auch den 80er Jahren, aber es gab schon eine Akzeptanz. Vor allem, was wir gemacht haben, Vokalmusik solistisch zu besetzen, das ist damals noch mit Naserümpfen aufgenommen worden.

JK Ich bin ja im Rheinland aufgewachsen. Und ich habe damals bei Hermann Max in der Jugendkantorei gesungen, ich war 13 Jahre alt. Hermann Max hatte damals schon die Idee, klein besetzt zu singen. Ich war sehr glücklich, dass ich da sehr lang mit singen konnte. Daher hat sich dann die Konstellation mit Cantus Cölln gut ergeben. Die Rheinische Kantorei unter Hermann Max war da früh dran, wie auch hier im Rheinland Peter Neumann …

oder Joshua Rifkin. Er war einer der ersten, der Bach solistisch besetzt gemacht hat. War das auch in dieser Zeit?

KJ Nein, das war sogar etwas früher. Ich weiß nicht genau wann. In England gab es das sowieso. Dort gibt es eine ununterbrochene Tradition, in kleinen Chören zu singen. Überhaupt gab es in England eine andere Tradition als in Deutschland. Und dann hat es mit Vokalensemblen auch in Frankreich angefangen. Frankreich ist überhaupt viel früher und vor Deutschland in die Alte Musik eingestiegen. Frankreich ist ein Wahnsinn gewesen. Die haben die Alte Musik in den 70ern entdeckt und dann ist das ein Boom geworden, der noch heute viel stärker anhält, als das bei uns der Fall ist.

William Christie?

zum Beispiel…

der Amerikaner, der die Franzosen auf ihr Patrimoine gebracht hat.

KJ … einer von denen, genau!

Und dann mussten Sie kommen und die Deutschen mal auf ihr Erbe einschwören. Hat ihre Lautenkarriere denn etwas mit der Ensembleentwicklung zu tun? Wer waren Ihr Lautenlehrer damals im Studium an der Kölner Musikhochschule?

KJ Mein Lautenlehrer war Michael Schäfer, bei dem ich sogar schon Unterricht hatte bevor ich als richtiger Student an der Kölner Musikhochschule angefangen und noch in Gütersloh gewohnt habe. Er hat mich meine ganze Ausbildungszeit betreut. Ja, die Laute hat indirekt mit dazu geführt. Ich habe ja viel mit René Jacobs gearbeitet, der mit Vokalensembles gearbeitet hat. Ein bisschen, muss man das einschränken, denn er ist ja dann in eine andere Richtung gegangen. Oper! Ich habe auch die ersten fünf Jahre bei William Christie eigentlich alles ab der Gründung mitgemacht, 1979 glaube ich war die. Das hat mich sicherlich beeinflusst zu denken, warum nicht in Deutschland mit deutscher Musik? Wir haben ja auch allerhand zu bieten.

Allerhand haben wir zu bieten! Wie kam es dann zum Ensemble-Startschuss 1987? Gabe es einen Anlass?

KJ Einen Spaziergang am Rhein mit meiner Frau Johanna. Das war der Anfang. Das war der Startschuss… (Lachen)

..der Rhein inspiriert zu manchen Dingen!

KJ Ganz genau!

Der Fluss der Dinge… Was war der Konzeptanfang? Was Ihr Klangideal, bzw. Vorbild? Sie sprachen es eben schon an, Hermann Max, der mit klein besetzten Chören gearbeitet hat, England, kleine Studentenchöre an Edeluniversitäten. Da hat ja auch Emma Kirkby angefangen, die ursprünglich Altphilologie studiert hat.

Die Engländer haben eigentlich nicht so sehr Pate gestanden. Eher die Erfahrungen mit René Jacobs, mit dem ich viel und lange zusammengearbeitet habe. Er hat damals auch mal versucht, Madrigale zu machen. Das war der Anlass zu denken, das sollte ich vielleicht auch mal machen. Das kann ich vielleicht sogar sehr gut, das Arbeiten daran. Das kann man nämlich nicht eben so mal gerade machen. Einfach die fünf besten Sänger, mit denen man Kontakt hat, zusammensuchen, und dann macht man mal am Wochenende eine CD-Aufnahme. Das klappt so nicht. In diesem Punkt waren dann die Engländer mit ihrer perfekten Ensemblekultur doch wieder Vorbild. Wir haben es auch anders gemacht. Wir haben uns ein Jahr lang, nicht jeden Tag natürlich, aber in regelmäßigen Abständen zu Probenwochenenden getroffen, um zusammen zu wachsen. Wir waren also nicht wie so ein Telefonorchester, von denen es damals viele gab. Wir haben lange gearbeitet, bevor wir an die Öffentlichkeit getreten sind.

War es damals eigentlich schwer, die singenden Mitstreiter in Köln zu finden? Da ist ja da auch eine bestimmte Gesangskultur gefragt.

Da haben wir uns alle wunderbar ergänzt. Der eine kannte den, der andere den Sänger, bei dem man sich vorstellen konnte, das passt zusammen. Wir haben dann auch das Glück von nur wenigen Wechseln gehabt. Einen Wechsel hatten wir ziemlich am Anfang, mit jemandem, der heute ein weltberühmter Opernsänger ist. Franz-Josef Selig, der die ersten zwei Jahre mitgesungen hat. Das war wunderbar, aber der musste sich entscheiden. Will ich in die Opernsängerkarriere einsteigen oder mache ich weiter Ensemble? Das hat zeitlich nicht mehr zusammen gepasst. Er war eigentlich ausgebildeter Kirchenmusiker.

JK Die Sänger sind immer sehr lange geblieben. Es ist beim Ensemblesingen auch so, dass manche sagen, ich möchte das nur fünf Jahre machen, wie beispielsweise David Cordier, mit dem ich schon vor Cantus viel zusammengesungen habe. Er ist nach fünf Jahren in seine Opernkarriere eingestiegen. Gerd Türk war 10 Jahre bei Cantus Cölln…

KJ Mindestens!

JK Ich erinnere mich, dass er deutlich gesagt hat, jetzt nach 10 Jahren möchte ich auch noch einmal etwas anderes machen. Wilfried Jochen hat es solange gemacht wie ich, 25 Jahre. Stefan Schreckenberger bestimmt auch 10 Jahre.

KJ Wolf Matthias Friedrich, der jetzt auch im Opernbereich arbeitet, ist seit 20 Jahren dabei…

JK Hans Jörg Mammel auch. Wir haben auch immer geguckt, dass die Sänger, die mit uns arbeiten, auch menschlich reingepasst haben. Wir wollten ein gutes Miteinander in der Probenzeit

KJ Und auf den Reisen

Und gern nach einer Probe zusammen essen gehen!

KJ Das ist so wichtig wie die Probe selbst! (Lacht)

und dass man in Flugzeugen nicht auf verschiedenen Sitzen und bloss nicht nebeneinander sitzt. Hört man von Streichquartetten.

JK Wir waren ja auch nicht hauptberuflich Cantus Cölln.

KJ Jeder hat noch seine eigene Karriere weiter verfolgt, das war organisatorisch manchmal schwierig, aber für den Zusammenhalt des Ensembles war das eine sehr, sehr erfolgversprechende Form.

Und dass das Ensemble Erfolg hatte, zeigen die 40 CD-Aufnahmen

Die meisten sind bei Harmonia Mundi France und der Deutschen Harmonia Mundi erschienen. Große Labels. Die erste CD kam 1989, zwei Jahre nach Ensemble-Gründung, mit Schein-Motetten heraus.

KJ Das stimmt, Heinrich Albert haben wir zuerst aufgenommen. Aber Schein ist zuerst rausgekommen.

Können Sie sich eigentlich noch an das erste Konzert erinnern?

JK Das erste Konzert war hier in der Musikhochschule. Sehr aufregend…

Warum?

KJ Natürlich. Für mich war es ein Heimspiel, das ist nicht unbedingt ein Vorteil.

JK Ich habe auch hier studiert und David auch. Wir waren so enthusiastisch, aber wollten, dass es schön wird. Mit soviel Herzblut waren wir dabei. Es war uns so wichtig.

KJ War der WDR nicht auch schon dabei? Der WDR ist ja von Anfang an mit aufgesprungen und ins Boot gekommen. Das war für uns ganz wichtig. Das war ein Teil dessen, warum das von Anfang an so toll geklappt hat und wir bei Harmonia Mundi, eine der wichtigsten Adresse damals, Aufnahmen machen konnten. Mit Harmonia Mundi, WDR, Goethe-Institut hatten wir drei Standbeine, bevor es richtig los ging.

JK Das war auch Deiner Prominenz als Lautenspieler zu verdanken. Die kannten Dich alle und haben Dir vertraut. Und wir konnten loslegen.

Sie haben dann auf der Renaissancelaute gespielt oder schon auf der Theorbe?

Konrad Junghänel mit Theorbe. Foto: Thilo Beu

KJ Theorbe als Begleitinstrument. Wir hatten am Anfang nur die kleine Formation, die fünf Sänger und ich an der Theorbe, und haben Madrigale gemacht.

Mazzochi, Carissimi, Marazzoli und Monteverdi – oder Lassus, Schein, Schütz, Biber, Buxtehude, Rosenmüller, Bruhns, und Bach. Die deutsche Reihe ist deutlich länger. Das Cantus-Cölln-Repertoire umfasst Werke der italienischen Renaissance beziehungsweise dem Frühbarock, vor allem aber Mitteldeutsche und Norddeutsche Vokalmusik des 17. Jahrhunderts.

Welcher rote Faden führte Sie zu den Repertoire-Entdeckungen? Das Deutsche sollte ja im Vordergrund stehen, weil es nicht viel angepacktes Repertoire damals war.

KJ Das ist der wichtigste Aspekt. Wir wollten die deutsche Vokalmusik wiederentdecken, weil es von anderen nicht gemacht wurde. Frankreich hat sich auf die französische Musik gestürzt, die Engländer haben englische Musik gemacht. Und das hat auch einen Grund. Die Sprache ist sehr wichtig. Und das hat nichts mit nationalem Denken zu tun. Die Sprache wird vom Komponisten so direkt umgesetzt, das braucht ein tiefer gehendes Sprachverständnis. Wir haben gesagt, wir werden nie französische Musik machen, weil das für uns sprachlich zu weit entfernt ist. Wir haben auch nur wenige italienischsprachige Musik gemacht. Wir haben italienische Musik mit lateinischen Texten gemacht. Geistliche Musik.

Gab es deutsche Weltersteinspielungen, die bemerkt werden müssen?

KJ Rosenmüller!

der schlimme Finger!

KJ Ja, der schlimme Finger. Es gibt keine Entschuldigung für den bösen Finger. Es hatte aber ein Gutes. Wegen des bösen Fingers musste er aus Deutschland fliehen…

aus Leipzig, glaube ich sogar…

KJ Ja, er war schon designierter Thomaskantor, hat sich dann mit kleinen Jungen beschäftigt, war quasi zum Tode verurteilt, konnte aber nach Venedig fliehen, was für uns ein großer Vorteil war. Rosenmüller war nämlich ein großer Kontrapunktiker, was die Deutschen sowieso eher immer waren. Sie waren aber nicht so begabt im Erfinden von Melodien. Das Melodische stand nicht im Vordergrund, das sieht man beispielsweise bei Schütz. Das Kontrapunktische war bei Rosenmüller ausgeprägt. Und das Melodische hat er sich dann in Venedig angeeignet. Und in dieser Kombination sind seine Spätwerke grandios. Für mich das Tollste, was das 17. Jahrhundert an deutscher Musik hervorgebracht hat. Und Peter Wollny vom Bachinstitut Leipzig, mit dem ich eng zusammen gearbeitet habe, der hat uns auf den Pfad Rosenmüller geführt und hat uns sogar die Noten spartiert (mit Taktstrichen edierte Aufführungsausgabe. Anm Redaktion)

Gibt es unter den Rosenmüller-Werken einen Favoriten?

Die Marienvesper mit vierchörigen Psalmvertonungen, die es so gar nicht gibt, die haben wir zusammengestellt, aber ein Psalm ist großartiger als der andere. Das ist eine Klangpracht wie von Gabrieli, aber 50 Jahre später mit Doppelfugen, da kommt der Kontrapunktiker zum Tragen. Das einzige, was man unserer Zusammenstellung vorwerfen dürfte, und das ist nicht nur meine Schuld, sondern auch Rosenmüllers, es ist etwas zu lang.

hat aber auf eine CD gepasst!

KJ Nein! Gerade auf zwei! Es ist zwei Stunden Musik und für einen unbekannten Komponisten doch eine Herausforderung. Wir haben es dennoch öfters auch im Konzert aufführen können.

Gab es Pressestimmen, die sich dazu geäußert haben? Jetzt kommt Cantus Cölln und macht so lange Programme, das halten wir nicht aus!

KJ (Lacht) Nein, nein, für die CD haben wir glaube ich sogar meine Lieblingskritik bekommen. In England: „Cantus Cölln könne das Telefonbuch singen, und es wäre immer noch ergreifend!“

Das Telefonbuch könnten aber mehr als zwei Stunden werden! Sie haben ihn eben erwähnt, Peter Wollny. Da gehört noch ein Projekt dazu, das die weitverzweigte Bach-Familie in den Fokus gerückt hat. Stichwort Altbachisches Archiv. Wie kam denn das? Alle Wege führen zu Bach und zum Bach-Clan?

Das ganze Bachvorfeld war schon, als es mit Cantus Cölln anfing, in unseren Köpfen. Unsere erste CD, Sie haben sie erwähnt, Johann Hermann Schein, ist Leipzig. Alle Thomaskantoren vor Bach haben wir gemacht. Auch designierte Thomaskantoren, die leider fliehen mussten, und der große Thomaskantor kommt sowieso in mehreren Aufnahmen vor.

Das Altbachische Archiv kam dann wieder sehr ins Bewusstsein. Dieses kleine Büchlein, das wir das Altbachische Archiv nennen und das lange verschollen war, ist wieder aufgetaucht. In einer Stadt, die leider gerade traurige Berühmtheit erlangt, nämlich in Kiew.

Christoph Wolff ist sozusagen der offizielle Wiederfinder, er hat die Lorbeeren jedenfalls dafür bekommen. Es wurde Ende des letzten Jahrtausends wiedergefunden. Und ich hatte die Ehre, es liegt ja jetzt in der Sammlung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, ich war einer der wenigen, der reingelassen worden ist.

Mit weißen Handschuhen blättern durfte?

Eher mit Handschellen… Ich durfte das wirklich schön, bunt, farbig gestaltete Unikat anschauen. Zwischen den beiden Weltkriegen ist einiges in verschiedenen Ausgaben gedruckt worden. Man wusste aber nicht, inwieweit das bearbeitet war. Wir haben eines unsere Lieblingsstücke in der Sammlung entdeckt…

JK Nun ist alles überwunden!

Von Johann Christoph Bach?

KJ Nein, man weiß noch nicht einmal, von wem es ist. Von einem Herrn Drese möglicherweise. Es ist ein unglaublich schlichter, aber so zu Herzen gehender Satz! Wir haben den unglaublich gern immer wieder gesungen.

JK Und ich konnte die CD nicht mitsingen, weil ich leider drei Monate vor der Aufnahme eine Kehlkopfentzündung bekommen habe. Ich hätte das so gern aufgenommen, das ärgert mich bis heute, weil es einer unserer tollsten CDs geworden ist. Auch das Meine Freundin, du bist schön.

KJ Aber Du hast es viele Male im Konzert gesungen!

Im Altbachischen Archiv gibt es ja vor allem Musik von Vorgängern von Bach. Was war denn das Erstaunliche, brachte das Archiv eine Erkenntnis?

Auf jeden Fall. Johann Sebastian Bach war ein Komponist, und das war nicht üblich in der Zeit, der sich für die Musik seiner Vorfahren interessiert hat. Und viel alte Musik studiert hat, und er hat diese Stücke auch noch aufgeführt. Das hat man nie mehr gemacht bis Mendelssohn-Bartholdy. Das ist eine moderne Idee, alte Musik zu machen. Man hat nur zeitgenössische Musik aufgeführt. Im Idealfall hat der Komponist seine eigene Musik aufgeführt. Bach hat einige Stücke, die ihm am Herzen lagen, aufgeführt und wohl auch bearbeitet.

Die meisten und besten Stücke sind von Johann Christoph Bach.

Wer hat denn die schönen Illustrationen gemacht?

KJ Das weiß man nicht! Das Altbachische Archiv ist ja dann in die Hände von Carl Philipp übergegangen. Der hat dann diesen Begriff von Johann Christoph Bach dem „Ausdrückenden“, dem „Exprimierenden“ geprägt. Johann Christoph Bach war der Romantiker unter den Bachs!

Also Bach hat einen Illustrator dazu genommen. Das wäre sensationell! Das hat ja schon was Bibliophiles! Du hast also die Ahnengalerie der Bachfamilie akustisch aufgenommen.

KJ Wir wollten unseren Fokus immer auf das Ensemble legen. Wir haben auch ganz frühe Bachkantaten aufgenommen, wo der vokale Ensemblegedanke noch im Vordergrund stand. Das ist etwas, das uns sehr gut liegt. Ich hatte dann tatsächlich die grandiose Idee, im Bachjahr 2000 eine Bach-CD zu machen. Es gab in diesem Jahr wahrscheinlich 5000 neue Bachkantaten-Aufnahmen. Zum 250. Todestag wollte jeder Bachkantaten machen, das ist also überhaupt nicht originell. Unsere französische Plattenfirma Harmonia Mundi hat gesagt, ok, dann mach mal. Und wir haben Actus Tragicus, Christ lag in Todesbanden, Der Herr denket an uns. Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen aufgenommen. Und meines Wissens ist das die meist verkaufteste Bach-Kantatenplatte überhaupt! Zur richtigen Zeit das richtige gemacht! Da haben wir Glück gehabt. Und deshalb machen wir auch in unserem Abschiedskonzert alle sechs Bachmotteten, plus einer siebenten. Ich lasse Dich nicht, du segnest mich denn wurde lange Johann Christoph Bach zugeschrieben. Die haben wir auch unter diesem Komponistennamen aufgenommen. Und später nochmals unter Johann Sebastian Bach.

Wir sind gespannt. Ihrem Abschiedskonzert am 18. August 2022 in der Kölner Philharmonie sind aber schon Abschiedskonzerte vorausgegangen?

KJ In Wiesbaden und in Berlin im neuen Boulez-Saal haben wir gesungen, und einmal in der Schweiz. Und jetzt noch einmal in unserer Heimatstadt.

JK Da haben wir unsere ersten Konzerte gemacht und jetzt unser Abschiedskonzert.

Mit der Auflösung des Ensembles: gibt es etwas, das Sie bedauern oder vermissen werden? Das Essen nach den Generalproben? Das war doch ein kleines Cantus-Cölln-Ritual!

KJ (Lacht) Nicht nur nach Generalproben! Auch nach den Proben und den Konzerten. Da wir uns nicht täglich gesehen haben, war das eine der wichtigsten Organisationen vorab. In einem guten Restaurant für uns zu reservieren.

JK Ich bin ja jetzt schon seit 11 Jahren nicht mehr dabei, und das war für mich ein sehr schwerer Abschied. Erstens, weil es ein Riesenglück war, diese tolle Musik zu machen. Das kann mir keiner mehr nehmen. Aber die haben wir auch mit Freunden gemacht. Freunde, die wir regelmäßig getroffen haben und jetzt nicht mehr treffen werden. Das ist schon ein Verlust, finde ich.

KJ Und das haben auch die Gastmusiker, die wir ja viel dabei gehabt haben, gesagt, dass bei uns immer eine freundschaftliche Atmosphäre geherrscht hat …

JK Und das hat auch viel mit dem künstlerischen Leiter zu tun. Das sage ich jetzt ganz ernsthaft, weil Konrad keinen Stress macht. Er lässt jeden so singen und musizieren wie er ist, und mit dem, was er kann, mit allen Stärken und auch Schwächen und schafft trotzdem einen tollen Ensembleklang. Dadurch war die Stimmung gut. Die Leute brauchten keine Angst zu haben, mit ihm zu musizieren, wie das unter anderen Dirigenten oft der Fall ist. Das haben wir Dir zu verdanken, dass alles so schön war und soviel Spaß gemacht hat!
(Das Gespräch fand am 25. Juli 2022 statt)

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