Der Pianist Lars Vogt ist tot…

Am 8. September 2022, morgen, wäre er 52 geworden. Vorgestern ist er seiner Krankheit erlegen. Tröstlich einzig, dass er das Leben trotz Krankheit bis zuletzt umarmt hat. Und viel hinterlässt. (Von Sabine Weber)

Lars Vogt in seinem letzten Konzert. Foto: Cavi-music

Ausschweifend habe er gelebt, immer mit Leuten und Freunden zusammen gesessen. Eine Person, die offen bleiben wollte, scheinbar simpel gestrickt, stets interessiert am Gegenüber, an der anderen menschlichen Art. Und so hat er auch gespielt. „Er hat Musik gelesen, als wenn er ein Buch läse“, so Andreas von Imhoff von CAVI-music, der ihn schon aus EMI-Zeiten kennt. „Ein beglückend natürlicher und authentischer Interpret, der Komponisten wie Mozart, Beethoven, Chopin, Janacek, Brahms so verinnerliche…“ Seit Lars Vogt 1998 sein Kammermusikfestival in Heimbach, in der Eifel, gegründet hat, schneidet von Imhoff die Konzerte dort mit. Beglückende Aufnahmen, wie sämtliche Duo-Sonaten von Brahms mit Boris Pergamentschikow, Christian Tetzlaff oder Sabine Meyer als Duo-Partner. Im positiven Sinne war Vogt besessen, Musik mit anderen aufs Podium zu bringen. Und das war auch ein wesentlicher Teil dieser Besessenheit: er ist sich nicht zu fein, in grünkariertem Hemd und Jeanshose eine Schulmensa zum Podium zu machen und auf Tuchfühlung mit Jugendlichen zu gehen. 2005 gründet Lars Vogt das Projekt „Rhapsody in School“, um Schülern, die möglicherweise gar nicht mehr mit klassischer Musik in Berührung kommen, vorzuspielen, und ihnen als Profimusiker Rede und Antwort zu stehen. Und dann ist er erstaunt, wie die Schüler auf sein Spiel reagieren. In Köln-Müngersdorf, wo vor 17 Jahren der Startschuss zu einem einzigartigen Projekt fällt, das bis auf den heutigen Tag Schule macht. Zu diesem Zeitpunkt wohnt er mit seiner damaligen Frau, Komponistin Tamara Komorova, bei Düren, wo er auch geboren ist. Und spielt natürlich den Schülern auch ein Stück von ihr vor.

„Wenn wir wollen, dass unsere Musik überlebt, nicht nur deswegen, weil wir weiter in Lohn und Brot stehen wollen, sondern weil wir es wichtig finden, für die Gesellschaft, diese Dinge, die keinen Zweck erfüllen im ökonomischen Sinn, aber all die Dinge, die für unsere Seele so wichtig sind, für unser Menschsein, fortbestehen, dann müssen wir es eben zu den Leuten bringen und nicht warten bis die Leute zu uns kommen!“

Besser hätte Lars Vogt sein persönliches Credo doch nicht formulieren können, wie damals zu diesem Projekt. Kunst und gerade Musik hinge, so Vogt „wahnsinnig von der Persönlichkeit ab!“. Und die interessanten Persönlichkeiten, so Lars Vogt, müssten eben auch vermitteln. Dann bliebe es spannend! Und er war eine spannende Künstlerpersönlichkeit. Im doppelten Sinne also bedeutsam, dass sein Festival „Spannungen“ heißt, von dem er sich wünscht, dass die musikalischen Weggefährten, die er dort jedes Jahr getroffen hat, es fortführen.
In diesem Jahr hatte er alle Konzerte absagen müssen. Die Erkrankung an Speiseröhrenkrebs, seit März 2021 öffentlich gemacht, zeichnete ihn. Doch dann passiert die totale Überraschung. Er taucht am 26. Juni in Heimbach beim Festival auf! Das Publikum johlt! Und es passiert das Wunder. Lars Vogt betritt das Podium und die Krankheit fällt noch einmal ab. Da spielt der Vogt, der bis zuletzt im Grunde seines Herzens Kammermusiker geblieben ist. Brahms Innerlichkeit in der Musik faszinierte ihn zuletzt. „Schlaf sanft und schön“ schreibt Brahms als Zeile über eines seiner Intermezzi (op. 117 Nr. 1), das Vogt wie ein letztes Adieu seinem Publikum als Zugabe zuwirft. Von Cavi-music mitgeschnitten und Dankenswerter Weise klassikfavori hier zur Verfügung gestellt.


Das letzte und einzige Konzert aus diesem Jahr mit Lars Vogt aus Heimbach wird am Sonntag, den 11. September im Deutschlandfunk um 20.05 Uhr ausgestrahlt. Zu hören unter anderem Johannes Brahms Klavierquartett c-moll mit Christian und Tanja Tetzlaff, Violine, Violoncello, Barbara Buntrock, Viola und Lars Vogt, Klavier.

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