WSO – Saisonstart 25/26 mit Salome

Cristian Măcelaru hat gerade seinen Posten als Chefdirigent beim WDR Sinfonieorchester geräumt und ist schon wieder zurück! Und was für einen unerhörter Saisonauftakt lieferte er. „Salome“ von Richard Strauss. Das Orchester brodelte, vielleicht manches mal zu laut, aber immer eindrucksvoll. Die Solisten, Jennifer Holloway als Salome, Iain Paterson als Jochanaan, Tanja Ariane Baumgartner, Herodias, Gerhard Siegel, Herodes und Oleksiy Palchykov, Narraboth, waren eine Starbesetzung. Ein Rundfunkorchester lieferte Oper vom Feinsten. (Sabine Weber)

(6. September 2025, Kölner Philharmonie) Das Orchester beobachten zu dürfen, ist sowieso beste Oper!, und mit Klangmagier Richard Strauss immer ein Erlebnis! Umso mehr bei diesem Musikdrama, das seiner Orchesterdominanz wegen schon als „Orchesterstück mit erklärendem Theaterspiel von Opernsängern“ abgestempelt wurde. Das ist gegenüber dem, was das Sängerpersonal, allen voran Salome zu leisten hat, eine glatte Unverschämtheit. Für ihren permanent sinnlich aufgeladenen Zustand, ihre kranke Verstrickung zu allen Männern, dafür lässt sie Strauss heftigste Stimmregister ziehen. Jugendlich dramatischer Sopran, das ist sowieso ein Stimmfach, das es eigentlich nicht geben kann. Denn sind die Frauen jugendlich, können sie kein Orchester überschreien, was Strauss fordert. Bei dieser Aufführung sind auch schnell alle Überlegungen, wer und und was Oscar Wildes/ Richard Straussens Salome sein soll, ob pubertär verwöhnte Göre, vernachlässigtes Kind in grausamem Haushalt, eine Wahnsinnige, die endlich küssen will … beiseite geschoben.

Großes Theater

Die Aufmerksamkeit ist einfach bei Jennifer Holloway in einem schrecklich knallroten Kleid mit unkleidsamer Flatterrüsche, hohem Schlitz und eine-Schulter-frei. Das wird verziehen, denn wie sie mit ihren Fingern spielt, mit Mundmimik Regungen begleitet, wie sie zu einem Sprung ansetzt und sich krümmt, dann wieder vor Leid auf dem Stuhl zusammensinkt, ist Klasse. Ihre Stimme ist beweglich, stark, Orkanartig, dann wieder zurückgenommen, zögernd, weich, gefühlig, verletzt. Wie Holloway den weißen Körper Jochanaans euphorisiert, als sie ihn nicht berühren darf dann verflucht. Dasselbe wiederholt sie mit dessen schwarzem Haar, dann seinem Mund, den sie nicht küssen darf…, daraus macht sie großes Theater. Und er blickt sie noch nicht einmal an…

Blicke…

Von Anfang an geht es in der Salome von Richard Strauss um Blicke, ums Anschauen, meist in unanständigem Sinn. Narraboth, ganz vorzüglich Tenor Oleksiy Palchikov, ist ein in Salome verliebter Hauptmann, und beginnt mit dem Voyeurismus. Gleich in der ersten Szene zieht er Salome mit schwärmerischen Blicken und schönstem Ton sozusagen aus. Ein Page, sehr überzeugend Bianca Andrew, will ihn davon abhalten. „Wie schön sie ist!“, schwärmt er unbeirrt weiter. Obwohl selbst der Mond verstört scheint.

Schockmomente

Die Solisten stehen an diesem Abend zunächst auf der Chorempore hinter dem Podium. Unten wabert das Orchester, wirft irre Motive von rechts nach links – der Terzjuchzer mit anschließendem Quartsprung nach unten hat etwas Bedrohliches. Die kakophonischen Höhepunkte sind regelrechte Schockmomente. Auf dem Bukarestfestival hat das Orchester diese konzertante Salome gerade aufgeführt und scheint so eingespielt, dass es wie von selbst abgeht. Es walzert, man hört sogar Rosenkavaliersilber klingeln. Und im Schleiertanz tanzen dann noch alle voraus gegangenen Motive in dieses Eindreiviertelstündigen Einakter mit.

Schleiertanz

Der Schleiertanz ist musikalisch ein Höhepunkt. Den setzt Cristian Măcelaru wie gefordert langsam als Adagio an, will vielleicht sagen, Salome tanzt nur widerwillig wie ferngesteuert für den lüsternen Vater. Gerhard Siegel lässt als Herodes Kern in der Stimme hören, weiß, das unbeholfen Komische der Rolle herauszukehren und singt immer textverständlich. Die große Tanja Ariane Baumgartner in dunkelblauem Kleid, interpretiert die Schimpfrolle der Herodias vielleicht etwas zu schön und kreischt zu wenig. Sie stehen bei Salome vorn und hören mit an, wie die fast lasziv wirkende Langsamkeit sich zur Raserei steigert. Ganz hervorragend kehren der erste Oboist, war es hier sogar das Heckelphon, die Tenoroboe, die es nur bei Strauss gibt, und der erste Flötist, Gast Ulrich Biersack, orientalisches Flair heraus. Die Köpfung des Jochanaans zu einem Trommelwirbel und dem wie ein ersticktes Stöhnen zu klingenden schrillen Kontrabasston geht leider etwas unter.

„Man töte dieses Weib!“

Es gibt keine Pause. Der finale Wahnsinn, der sich mit Salomes Schlussmonolog in entlegenste Tonarten hochschraubt, wird von Herodes’ Hassruf: „Man töte dieses Weib“ beendet. Iain Paterson als Jochanaan verdient noch Erwähnung. Er sitzt zunächst ganz rechts vorne und schickt aus der Gefangenengruft im Parkett seine bedrohlichen Vorahnungen stimmgewaltig in den Raum. Auch er ist nicht so jung, wie Jochaanan eigentlich sein sollte. Ganz vorzüglich besetzt sind auch die sechs Nazarener und Juden. Es handelt sich ja um einen biblischen Stoff…

Am Ende Raserei – aus dem Publikum

Diese Salome hat angefasst, auch wenn die Kölner Philharmonie leider nur zu zwei Drittel gefüllt war. Am Ende Raserei und Begeisterung aus dem Publikum. Was für ein großartiges Werk! Und was für ein ungewöhnlicher Auftakt in die neue Spielzeit.

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