
Countertenor Kai Wessel singt – klar – barockes Repertoire. Er übernimmt aber ebenso souverän Rollen im neuzeitlichen Musiktheater, das schon längst auf das androgyne Stimmfach gekommen ist. Und Wessel komponiert auch. Seine vielfältigen Gesangserfahrungen gibt er auch weiter. Er unterrichtete in Wien bis 2012, in Genf bis 2022. Seit 2009 bekleidet er eine Professur für Gesang und historischer Aufführungspraxis an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Mit seinen Studierenden hat er jetzt eine Partitur aus der Konservatoriumsbibliothek in Neapel aus der Versenkung gehoben und einen mehr oder weniger völlig unbekannten Komponisten wiederentdeckt. Kai Wessel hat auch am Dirigentenpult gestanden: für die erste neuzeitliche Aufführung des 1699 für Neapel komponierten Dramma per musica „La Partenope“ von Luigi Mancia. Das Kölner Barockensemble Kairos sorgte mit Konzertmeister Evgeny Sviridov für ein sicheres Fundament. (Von Sabine Weber)
(5. September 2025, WDR Funkhaus) Dramma per musica – Musikdrama – so wird Oper damals umschrieben. Auch wenn sich das Drama hier in Grenzen hält. Die vom Himmel gefallene Muse oder angeschwemmte Sirene, wer weiß das schon so genau, Partenope jedenfalls (mit der Betonung auf dem e ausgesprochen) kommt in der Bucht von Neapel an, will dort eine Stadt (Neapel) gründen und braucht einen Gatten, mit dem sie ein Herrschergeschlecht begründen kann. Drei Kandidaten laufen auf, Arsace, Emilio und Armindo. Prinzen und Könige, versteht sich.
Drei Hochzeiten im Finale
Arsace aus Korinth ist Partenopes Hauptliebling, wird aber von seiner Braut Rosmira in Hosen verkleidet aufgespürt. Sie will ihn zurück haben, was ihr gelingt. Armindo kommt schlussendlich zum Zug, und nach drei Stunden Aufführung werden drei Hochzeiten gefeiert, denn zu Partenope – Armindo, Arsace – Rosmira, finden sich noch Partenopes Diener Beltramme, Bassbariton, und ihre Amme, Tenor und eine Hosenrolle, zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Letzteres ist ein Buffopaar, das Monteverdi für seine letzte Opera musicale Die Krönung der Poppea erfunden und das sich als tauglich fürs Drama etabliert hat. Das fällt schon stimmlich heraus. Denn alle anderen Stimmen sind Sopran-, bzw. Mezzosopranpartien, wie die Italiener das damals liebten. Die Rollen wurden höchstwahrscheinlich von Kastraten aufgeführt. Neapel hatte damals die berühmteste Kastraten-Singschule vorzuweisen, aus der nicht zuletzt der berühmteste singende Kastrat aller Zeiten hervorging: Farinelli.
Nach 1708 verliert sich die Spur von Luigi Mancia…
Das Libretto von Silvio Stampiglia hat übrigens Geschichte geschrieben. denn es ist nicht weniger als 20 Mal vertont worden. Luigi Mancia, um 1658 in Bresca geboren, war der erste! Man weiß von ihm immerhin, dass er in Hannover war und unter dem dortigen Musikchef Agostino Steffani eine seiner ersten Opern loswerden konnte. Er hat in Berlin gewirkt, weil dort ebenfalls Italiener musikalisch federführend waren. Mancia kam dann Italien zurück, nach Rom und schließlich Neapel. Nach 1708 verliert sich jede Spur. La Partenope wurde 1699 im neapolitanischen Teatro San Bartolomeo aus der Taufe gehoben.

Mancias Musik
Soviel zu den historischen Umständen. Mancias Musik ist ansprechend und abwechslungsreich, natürlich Violin-betont, wie sämtliche Opernmusik damals. In den ersten Takten jeder Einleitung stellt Mancia den Bewegungs- und Ideencharakter sofort klar. Und hatte mit Evgeny Sviridov den besten Anwalt. Dessen sprechende Bogenführung übertrug sich sofort auf sämtliche Streicher. Synkopen und Akzente werden für „lustig“, also den Diener und die Amme ausgepackt, der Siziliano-Rhythmus oder die Lamento-Bogentremolie bekennen Farbe für den Liebesschmerz, bekanntermaßen lässt Kolaratur die Wut schäumen oder auf der Stelle lärmende Schlachtenmusik virilen Kampfeswillen erkennen. Schon die Einleitungssinfonie geht mit Trillerketten und Echo-Effekten aufs Ganze und landet fast unvermittelt im ersten Rezitativ, das eine Continuo-Gruppe mit Cembalo, Orgel (Stanislav Gres), Violone (Kinnon Church), Violoncello (David Melkonyan) und Chitarrone, sowie Barockgitarre (Lisa Solovey) nicht abwechslungsreicher hätte gestalten können. Da gehörten nicht selten auch die Übergänge dazu, die Stanislav Gres wie nebenbei ablassen konnte.
Masterstudierende der HfMT in Köln
Die Auflistung der Szenen, mit Rezitativ und Arien-Anfängen im Programmheft, war hilfreich. Aber dem Libretto zu folgen war kaum möglich. Die acht Sänger standen auch hinter dem Orchester und nicht erhöht, sodass man sie in der vorderen Hälfte des Saales aus dem Publikum heraus kaum sehen konnte. Das war schade und hatte auch akustisch Nachteile. Beeindruckend dennoch, was die Masterstudierenden hier ablieferten. Einige Stimmen wie die von Rita Rolo Morais (Partenope) oder Anastasiia Kolabanova (Emilio) klangen schon sehr reif. Kolabanova hat übrigens schon ein Klavier-, Orgel- sowie Theaterwissenschaftsstudium abgeschlossen. Eine interessante Personalie ist auch der iranische Counter Nima Pournaghshband (Armindo), dessen Italienisch eines der bestverständlichsten war und der eine Ausbildung als Architekt absolviert hat, bevor er für das Gesangs-,Violoncello-, Musiktheorie-, und Kompositionsstudium in die Niederlande gezogen ist. Jetzt ist er im Masterstudium bei Kai Wessel und entwickelt sein nicht lautes aber bereits fein austariertes Organ, das sich auch an so manche Verzierung wagte. Bariton Daeyeon Won, Beltramme der Diener, trug mit viel Spielfreude seine Parlandos vor, während sein(e) taiwanesische Partner(in) Zi-Zhe Lo ebenfalls im Master bei Kai Wessel, als Amme einen Stock verschluckt zu haben schien. Da half auch nicht, dass er ein Röckchen über die Hose gezogen hatte.
Die Hauptrolle – nicht Partenope, sondern Rosmira
Rosmira wurde von einer ehemaligen Studentin als Gast übernommen, weil die ursprünglich Besetzung erkrankt war. Netta Or hat es nicht nur ins Ensemble der Oper am Rhein in Düsseldorf geschafft. Sie hat auch schon bei den Salzburger Festspielen debütiert und war unter den Blumenmädchen in einem Bayreuther Parsifal zu hören. Ihr dramatischer Koloratursopran trumpfte mit „Nel mio petto l‘amore e il sospetto“ vor der Pause auf, sodass man meinte, Mozarts Königin der Nacht muss hier in Mancias Partenope ihre Wurzeln haben. Barocktrompeter Jonathan Ernst trällerte eifrig mit.
Französisches…
Lana Sophie Westendorf hatte als Arsace fast die meisten Arien und manches Mal etwas Mühe, den Stimmklang zu fokussieren, ist aber auf dem besten Weg! Belohnt wurde sie mit einer der schönsten Arien dieser Oper. Mit „Ah! Che al suon di querele dolenti“, einer Schlafmusik, die natürlich mit Blockflöten besetzt sein musste. Schlafszenen sind eigentlich typisch für französische Tragédies, wie auch die Besetzung der führenden Stimme mit Violinen und Oboen colla parte. Die Herrschaft in Neapel mäanderte ja auch zwischen den Bourbonen, und österreichischen wie spanischen Habsburgern hin und her, was die Geschmacksnoten vermischte. Kamen nicht über Neapel die französischen Oboen erstmals nach Italien? Auch die kleinen instrumentalen Ensembles mit zwei Violinen und Viola als hohem Bassinstrument dürften französischen Trio-Vorlieben entstammen. Und nicht zuletzt die instrumentale Tanzsuite vor dem dritten Akt. Eine höchst interessante Musikentdeckung also…

Großartige Leistung
Großartig, was die Studierenden unter der Leitung von Kai Wessel hier präsentierten und nur richtig, dass sie mit einer Aufnahme im WDR Funkhaus belohnt wurden. Es hätte ruhig etwas mehr Publikum dasein dürfen. Ein so versiertes und aufmerksam begleitendes und historisch informiertes Orchester werden die jungen Sängerinnen und Sänger wohl nicht so schnell wieder erleben. Sviridov und seine Musiker waren ein wichtiger Garant dafür, dass diese erste neuzeitliche Wiederaufführung musikalisch gelang. Und nicht zuletzt mehr als zwei Stunden lang – trotz Kürzungen – das Niveau gehalten wurde. Kai Wessel hielt zuverlässig alles zusammen und drehte sich mehrmals auch zum Publikum, um mit gut gewählten Worten und stimmlich angenehmer Sprechstimme, das Handlungsgeschehen zu erläutern.