Vor 250 Jahren wurde E.T.A. Hoffmann geboren. Der Jurist, Schriftsteller, Karikaturist, Fantast und Miterfinder des Schauerromans ist eine der schillerndsten Figuren der Deutschen Romantik. Und er war auch Musikkritiker und Komponist. Sein Einfluss auf Musikschaffende ist unbestritten. Seine Kriminalnovelle Fräulein Scuderi diente noch Paul Hindemith Anfang des 20. Jahrhunderts als Vorlage zur Oper „Cardillac“, ebenso wie Die Serapionsbrüder Feruccio Busoni zu „Die Brautwahl“. Sein Weihnachtsmärchen „Nussknacker und Mausekönig“ war da schon mit Peter Tschaikowsky zum Inbegriff der klassisch-romantischen Ballettmusik geworden, und nicht zuletzt hat Jacques Offenbach ihn zur Künstlerfigur in „Hoffmanns Erzählungen“ gemacht. Und da wäre noch die Klaviermusik Robert Schumanns. Seinen Klavierzyklus „Kreisleriana“ komponierte er 1838, 16 Jahre nach Hoffmanns Tod. Hoffmanns „Kreisleriana“ waren in den „Phantasiestücken in Callot‘s Manier“ bereits 1814/15 mit großem Erfolg herausgekommen. (Von Sabine Weber)

(22.-24. September 2026 Schloss Arff, Basilika Knechsteden, Globe-Neuss) Wurde im Eröffnungskonzert E.T.A. Hoffmann als Komponist mit seinem Miserere für Solisten, Chor und Orchester in der Knechtstedener Basilika gewürdigt, so lud das Festival Alte Musik Knechtsteden zur literarisch-musikalischen E.T.A.-Hoffmann-Schumann-Soirée am 4. Festivaltag nach Schloss Arff ein. Mit Christine Schornsheim am Hammerflügel und Schauspieler Andreas Grötzinger aus dem Kölner Ensemble verwandelte sich der Arffer Schloss-Salon mit Stuckgirlanden in ein authentisches Ambiente. Man fühlte sich in den Salon versetzt, in dem Kapellmeister Johannes Kreisler sich als musikalisches Genie geriert haben könnte. Und mit seinen grotesk überdrehten Auslassungen geistert die Kunstfigur E.T.A. Hoffmanns ja nicht nur durch Hoffmanns Kreisleriana-Erzählungen, sondern taucht in weiteren auf.
Kreisleriana

Kreisleriana war aber die Überschrift über dieser Soirée, die wegen der begrenzten Sitzplätze um 17 Uhr stattfand und um 20 Uhr wiederholt wurde. Auf den selten aufgeführten Kreisleriana-Zyklus Schumanns wartete man allerdings vergeblich. Christine Schornsheim hatte ein eigenes Potpourri zusammengestellt. So überraschte sie zunächst mit einer noch nie gehörten Sonate in f-Moll von E.T.A. Hoffmann (AV 27), die sofort an Mozarts Klavierfantasie in c-Moll erinnerte, harmonisch überraschende Volten schlug, einen Fugenansatz präsentierte, mit Variationen, wilden Sturm-und-Drang-Kaskaden und Läufen endete, aber in der motivischen Arbeit insgesamt doch ein bisschen blass blieb.
Kreisler-Schumann-Clara
Schon zwischen den Sätzen mischte sich Andreas Grötzinger, rechts in der Flügelbeuge auf einem Barhocker sitzend, ein. Und rezitierte über Kreislers Sehnsüchte aus Kater Murr und gab sarkastische Klavierschülerinnenberichten aus der Nr. 1 von Hoffmanns Kreisleriana zum Besten. Stücke aus Schumanns Davidsbündlertänzen op. 6 schlossen sich an, ein Albumblatt aus op. 124, eine Novellette aus op. 21, endlich auch zwei Stücke aus der Schumannschen Kreisleriana op. 16. Zum Schluss die Coda aus der Fantasie in C-Dur. Alles Referenzstücke an Clara. Robert Schumann war von der Kunstfigur Kreisler so fasziniert, dass er mit den acht Fantasiestücken des Klavierzyklusses sowohl ein Bild seines „Charakters und Strebens“ verband als auch ein Gedanke von Clara die Hauptrolle spielen solle…
Einstündiges Kaleidoskop
Kreisler, Schumann und seine zum Zeitpunkt der Kreisleriana-Komposition nur durch Briefe zu erreichende entfernte Geliebte Clara, diese Ebenen und Metaebenen wurden in einem lebhaften einstündigen Kaladeiskop zusammengebracht. Grötzinger rezitiert auch aus Schumann-Briefen aus dem Entstehungsjahr der Kreisleriana. Und die Briefstellen verrieten durchaus schriftstellerische Ambitionen. Die Texte hat Babette Hesse, Dramaturgin des Konzerts, wohldurchdacht zusammengestellt.
Wortkaskaden
Musik und Text griffen eng verschlungen ineinander über. Wobei Grötzinger, im zweiten Konzert zumindest, von den Auslassungen Kreislers regelrecht getrieben schien. Er trug mit weit aufgerissenen Augen in rasantem Tempo vor, verhaspelte sich auch mehrmals, kein Wunder bei den Wortkaskaden der eine halbe Buchseite füllenden Bandwurmsätze. Er fand aber immer sofort in den Duktus zurück. Einmal sprang er vom Hocker auf und lehnte sich verzweifelt an die Wand. Grötzinger hatte auch einen schweren Job, und so ganz nahm man ihm seinen Kreisler auch nicht ab. Kreislers fantastische Auslassungen sind für ein heutiges Verständnis auch absolut grenzwertig. Hatte sich nicht schon Johann Wolfgang von Goethe vom „Genies des Schreckens“ distanziert, vor allem von Kreislers „krampfhaften Äußerungen eines vorzüglichen auf den Tod gefolterten Wesens“.

Der Hammerflügel und Schumann
Der Hammerflügel, Schumann standen nachweislich Andreas-Stein- oder Conrad-Graf-Flügel zur Verfügung, Clara Schumann soll einen Broadwoodflügel besessen haben, schien bei einigen Stücken überfordert. Wohlgemerkt der Hammerflügel an sich. Denn der Klang des vom Hamburger Klavierrestaurator Uli Weymer zur Verfügung gestellten Instruments, ein vor einigen Jahren aus einem Nachlass erworbener kurioser No-Name-Hammerflügel, wartete mit durchgängig dreisaitig bezogenen Tönen und vollem Klang auf. Und auch das Una-Corda-Pedal sorgte für Klangnuancen. So versiert Schornsheim aber in die Tasten griff, Melodie- und auch kontrapunktische Binnenstrukturierung des Schumannschen Klaviersatzes blieben doch oft undeutlich oder Töne wurden verschluckt.
Insgesamt fügte sich dennoch alles zu einer dicht gewobenen Darbietung, von der sich das Publikum stimmungsmäßig mitreißen ließ, in der man allerdings nicht immer wusste, ob Hoffmann, Kreisler oder Schumann sprach.
Unheimlich. Fantastisch.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Residenzkünstlerin Dorothee Oberlinger, Blockflöten und Leitung, in ihrem Konzert Unheimlich. Fantastisch. am darauffolgenden Tag. Die Basilika Knechtsteden leuchtete vorne nachtblau. E.T.A. Hoffmanns abgründige Zustände wurden in freier Assoziation zum Leitfaden genommen. Und was Goethe als „fieberhafte Träume eines leichtbeweglich kranken Gehirns“ abtat, wurde hier Ernst genommen. Und Nacht, Traum und Rausch lieferten Anknüpfungspunkte, um in der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts zu plündern.

Das Freiburger Barockorchester in kleiner Besetzung angereist, eröffnete mit dem Chaos aus Jean-Féry Rebels Ballettmusik Les Éléments und setzte mit den Anfangsdissonanzen ein wirr-gekonntes Hoffmann-Ausrufungszeichen. Dann tauchte mit dunkel-sonorer Bassstimme Sreten Manojlovic der liebeskranke Polifemo-Zyklop mit Arien von Georg Friedrich Händel in Schatten und Grauen ab. Wie im Traum verfangen intonierte Manojlovic das Récit der Nacht aus Jean-Baptiste Lullys berühmtem Ballet de la Nuit oder mutierte zum leicht debilen Nachtgänger. Michael Rathmann, künstlerischer Leiter des Festivals und guter Geist rechts, links und hinter den Kulissen, fuhr schnell noch ins benachbarte Zons, um ein Nachtwächterkostüm mitsamt Hellebarde auszuleihen.
Bilderbuchmäßig

Bilderbuchmäßig trat Manojlovic in Heinrich Ignaz Franz Bibers Nachtwächter-Ciaconna in Erscheinung, begeisterte sowieso durch seine differenzierte Stimmführung sowie ein Koloraturstarkes tiefe Timbre. Mit Spiellust gab er auch noch die krakeelende Volksstimme beim Schlussstück von Luigi Boccherinis La musica nottrurna delle strade di Madrid und trieb die Musiker unter Publikumsgelächter von der Bühne. Zuletzt den Continuo-Cellisten Arthur Cambreling, ein Neffe des Dirigenten Sylvain Cambreling.
Oberlinger hat ein stimmiges Programm aus ihrem Repertoire zusammengestellt. Es fehlte also auch nicht Antonio Vivaldis Konzert La notte für Flöte und Orchester sowie die berühmte Schlummerszene aus Lullys Atys, eine Steilvorlage für zwei Blockflöten. Isabell Lehman trat an ihre Seite. Das von Oberlinger bearbeitete Händelsche Orgelkonzert für Blockflöte, Streicher und Basso continuo, zuletzt in Wien bei den Resonanzen vernommen, hört man auch immer wieder gern.
Zwei Zugaben
Oberlingers sympathische Souveränität und wie sie interpretatorisch inszeniert, vor allem präzise weiß, was sie rüberbringen will, ist immer wieder beeindruckend. Jeden Affektwechsel, auch mal ein herrisches Unisono, steuerten die Freiburger unter Konzertmeisterin Hannah Visser auch zuverlässig dazu. Kontrabassist Kinnon Church wechselte einmal zur Bassgambe, um in der französischen Musik des Abends sich mit Streichern in ein Trio zu mischen. Für eine geschmeidige Theorben- oder Barockgitarre-Überleitungen zwischen den Stücken sorgten Lee Santana oder Thorsten Johann am Cembalo. Zwei Zugaben erklatschte sich das begeisterte Publikum, unter denen auch Niederländer auszumachen waren. Darunter Purcells berühmtes Strike the viol.
Globe Baroque Traumstoff

Im zweiten Residenzkonzert präsentierte Dorothee Oberlinger ihr aktuelles Shakespeare-Programm mit „solchem Stoff, aus dem die Träume sind“. In Schloss Elmau und im Mai bei den Dresdner Musikfestspielen ist dieser literarisch-musikalische Abend bereits dieses Jahr über Bühnen gegangen. Im Globe Neuss, einem nachgebauten Shakespeare-Theater, wo inzwischen jährlich auch ein Shakespeare-Festival stattfinden, saß ernste Gesellschaft um einen barocken Tisch. Countertenor Andreas Scholl, links, Schauspieler Matthias Brandt rechts, hinten links Lautenist Edin Karamazov und Dorothee Oberlinger mit einem Blockflöten-Arsenal auf dem Tisch.
Matthias Brandts Shakespeare

Die Sonette und Monologe aus dem Sturm sowie Wie es euch gefällt hat Matthias Brandt zusammengestellt und in eigener Übersetzung in Prosa gefasst. Eindrücklich lehrten seine Shakespeare-Worte die Liebeskunst „mit Augen zu hören“, kam da das geliebte Du als strahlender Schatten „Ich habe Dich als Licht gedacht“, dann als höllisches Schwarz rüber, seufzte der Liebhaber wie ein Ofen oder wurde mit der „ganzen Welt als Bühne“ (Wie es euch gefällt) abgerechnet, bis die Zauber vorbei waren (Der Sturm). Die Art und Weise des Vortrags hatte nichts Aufgesetztes, nur sehr wohl Gesetztes. Die Mikrostütze ließ Brandts Stimmklang auch unangetastet. Und das Publikum hing an seinen Lippen bei der Abrechnung mit den sieben Zeitaltern des Menschen, von denen nichts übrig bleibt.
Andreas Scholl mit edler Stimmführung

Dazu sang Counter-Altmeister Andreas Scholl – nach wie vor mit edler Stimme und viel Schmelz – bekannte Lautenlieder von Purcell wie Music for a while oder Can she excuse my wrongs, von John Dowland das melancholische In darkness let me dwell sowie unbekanntere, nicht weniger ansprechende von Robert Johnson – allesamt Zeitgenossen Shakespeares. Dazu kamen Folksongs, bei denen Edin Karamazov, ein Fuss auf seinem Instrumentenkoffer, endlich bei der Sache war. Über sein auf die Basslinie mit eigenartigsten Betonungen reduziertes Continuo-Spiel durfte man sich nämlich wundern. Wurde er wegen des mageren Beitrages verstärkt?
Comic-Sprechblasen grunzen und quietschen
Das machte Oberlinger mit ihrem unverstärkt virtuosen Spiel auf Sopranino- bis Bassflöte wett. Großartig das Avantgarde-Altblockflötenstück Gesti von Luciano Berio, in dem es wie in Comic-Sprechblasen grunzte, pfiff und quietschte. In Imogene Holst Vivace aus The fall of the leaf fiel im trockenen Staccato der Bassflöte das Herbstlaub passend zu Shakespeares jahreszeitlichen Betrachtungen. Bei den Auszügen aus Antonio Vivaldis Herbst und Winter seiner Vier Jahreszeiten, die neue CD mit dieser Bearbeitung erscheint demnächst, war Karamazov dann voll und begeisternd dabei. Er schlug so heftig in die Theorbensaiten, dass Oberlinger in verstärkten Klängen versank.
Auch kleine Klangmalereien
Die Spannung dieses musikalisch-literarischen Shakespeare-Bogens hielt volle 75 Minuten. Das erste Mal traute sich das Publikum nach Oberlingers quirlig auch rhythmisch virtuosen irischen Groundvariationen zu klatschen. Die Instrumente steuerten zwischendurch auch kleine Klangmalereien zum Text bei. Einmal mischte sich dann auch Sprecher Brandt in die Melodie ein, sie andeutend mit deutschen Übersetzungen jeweils nach einer gesungenen Solostrophe Scholls. When that I was little boy war dann auch nach dem Abendlied von Adam Krieger das Schlussstück, und alle um den Tisch stimmten ein. Große Begeisterung ließ das Publikum teilweise aus den Bänken aufspringen. Was Shakespeare mit E.T.A. Hoffmann zu tun hat, das konnte man im Programmheft in einem sehr gut geschriebenen Artikel von Babette Hesse nachlesen.
Das Festival Alte Musik Knechtsteden geht noch bis zum 26.9.2026. Hier die nächsten Konzerte