Turandot die Große in Dortmund. Asmik Grigorian singt vor ausverkauftem Haus

Zuletzt war die Oper Dortmund beim Konwitschny-Ring ausverkauft. Sie ist ja nicht gerade klein dimensioniert. Asmik Grigorian, längst ein Star, bereits mehrmals zur Sängerin des Jahres von der Opernwelt-Jury gekrönt, sorgte jetzt auch für Full-House. Das dürfte Opernintendant Heribert Germeshausen sehr gefreut haben. Auch, weil diese Turandot-Inszenierung aus seiner ersten Spielzeit 2018 kommt. Und Tomo Sugaos Regie und Frank Philipp Schlößmanns Bühne waren perfekt für Grigorians Auftritt. Ihre Darstellung der unnahbaren, grausamen chinesischen Prinzessin, die eine durch Männer verletzte Urahnin rächen will, beeindruckte. (Von Sabine Weber)

(04. Februar 2026, Oper Dortmund) Man fragt sich immer wieder, wie das geht, in eine Inszenierung hineinzuspringen. Aber das ist Star-Usus. Und in Dortmund half es, dass das Bewegungsrepertoire von Turandot eher statisch bleibt. Frank Philipp Schlößmanns Bühnenbild mit rötlich korrodierten Eisenplatten rechts, links und von oben lieferte eine fantastisch-unheimliche Atmosphäre. Die Platten wurden bewegt und konnten den Raum bedrohlich einengen. Hinten ein Ausschnitt mit Aussparung, wo eine chinesische Drachenfigur ihren Kopf hebt, wo der Mond aufscheint und Turandot plötzlich erscheint. In historisch anmutenden rituellen Gewändern, Kopfputz und Krallenverlängerungen an den Fingern. Ob sich ein so respekteinflößender Auftritt gut anfühlt? Grigorian füllte die Szene jedenfalls aus, sparte auch nicht mit gewaltiger Stimmkraft und wuchtete die Worte der Rätselfragen Ton für Ton wie Säulen in den Raum. Das war schauerlich-beeindruckend und erfüllte natürlich alle Erwartungen.

Asmik Grigorian, Stargast in Dortmund

Sie als Stargast für Dortmund zu gewinnen ist den Theater- und Konzertfreunden Dortmund zu verdanken. Seit Jahren finanziert diese Stiftung jährlich einen internationalen Star für eine laufende Produktion. Und das füllt wie eh und je die Hallen.

 

Asmik Grigorian. Foto: Augustas Didžgalvis

Was Asmik Grigorian stimmlich kann und wie schön ihr Timbre klingt, war freilich weniger in den Kraftakten als im finalen Zwiegespräch mit Calaf zu erleben. Zur Erinnerung:  Calaf hat ihre Rätsel gelöst, wird nicht getötet, und provoziert seinerseits mit einem Rätsel. Sie soll seinen Namen herausfinden und versucht es durch Erpressung der Einwohner Pekings, der diese Oper ihre bekannteste Arie verdankt. Nessun dorma – keiner schläft. Alle müssen nach dem Namen forschen. Calafs Avancen abzuwenden gelingt Turandot nicht. Calaf hat seiner Obsession schon die ihn liebende Liù geopfert. Peking und seine Bewohner – der Dortmunder Opernchor und Projekt-Extrachor – in eine Horrornacht gestürzt. Alles ist nicht so ganz nachzuvollziehen. Die Worte des Finales sind dabei ebenso wenig zu ertragen wie schlussendlich das Finale selbst. Über Turandots grausame Lippen kommt das Wort Liebe. Nicht zu glauben.

Uralte Männerfantasie

Das ist die uralte Männerfantasie von unerreichbaren Frauen, die sie doch zu beugen vermögen. Grigorian konnte dem nichts Glaubhaftes entgegenhalten. Auch wenn es in der Inszenierung von Tomo Sugao den Hauch einer Deutung gibt. Calaf spricht in diesem Dialog nicht mit Turandot, sondern mit ihrem Mantel. Es geht nicht um sie. Und Turandot geht nach ihrer Liebesbekundung wortlos ab.

Das Turandot-Finale

Ob Puccini dieses Finale gewollt hätte, ist eine Frage, die bis heute nicht beantwortet ist. Seine Librettisten soll er um die richtige Wortfindung regelrecht gequält haben. Und war nie zufrieden. Die Partitur wurde schlussendlich ohne Finale gedruckt. Und Puccini stirbt. Franco Alfano wird beauftragt, ein Finale posthum aus Puccinis Skizzen beizusteuern. Dieses Finale hat auch in Dortmund die Oper beendet.

 Toscanini

1926 bei der Uraufführung vor 100 Jahren unter Arturo Toscanini weigerte sich dieser, das Alfano-Finale zu dirigieren. Toscanini hörte mit Puccini auf und soll verschwunden sein, die Oper auch nie mehr angerührt haben.

100 Jahre Turandot

100 Jahre Turandot ist einer der Gründe für die Dortmunder Wiederaufnahme in dieser Saison. In die Herzen hat sich vor allem auch Anna Sohn als Liù aus dem Ensemble gesungen. Alfred Kim als Calaf hielt mit gewaltiger Stentorstimme Grigorians Stimmwucht stand. Daegyun JeongMin Lee und Sungho Kim wirbelten als Comicversionen von Samuraikämpfern in den Rollen von Ping, Pang, Pong (Kostüme Mechthild Seipel). Mit großem Einsatz agierte der Chor – mal Quälende, mal Gequälte – um das Bühnenpodest herum. Und natürlich donnerten die Dortmunder Philharmoniker mit allem nötigen Monumentalpomp unter dem neuen Dortmunder GMD Jordan de Souza. Pentatonische Motive unterstützten das. Couleur lieferten angeblich auch chinesische Meldodien aus Spieldosen. Noch einmal ist diese Aufführung zu erleben. Und dann wird Bianca Mărgean wieder die Rolle der Turandot übernehmen.

 Letzte Vorstellung am Sonntag, 15.02.26, 18:00 Uhr

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