Saul. Ein biblisches Oratorium im Kölner Bildersturm von Barrie Kosky

Ein biblisches Oratorium in der Folge der in London gefeierten Haydnschen Oratorien! Händels Saul hat große Chornummern und macht aus dem alttestamentliche König Saul einen bühnenfähigen Tragöden. Die Regie geht auf eine 10 Jahre alte Inszenierung von Starregisseur Barrie Kosky vom Glyndebourne Festival zurück, die in diesem Jahr mitsamt Bühnenbild und Kostümen von Donna Stirrup in einer Revival-Erarbeitung auf Tournee ist. Das Gürzenich Orchester ist mit Andreas Gilger, Orgel und Cembalo, sowie zwei Theorbenspieler im Continuo um Barockspezialisten ergänzt. Die Leitung hat Rubén Dubrovsky, der sich in Köln in vorangegangenen Produktionen als Händelspezialist bewährt hat. Aber alles wurde in den Schatten gestellt durch eine Bildmächtige Flut und eine Regie, die auch ohne Musik funktioniert hätte. (Von Sabine Weber)

(23. November 2023, Kölner Oper im Staatenhaus) Als Georg Friedrich Händel und sein Librettist Charles Jennens Saul 1738 planen, setzen sie darauf, dass dieser König die Größe einer tragischen Gestalt Shakespeares hat. Saul ist ein biblischer Othello, am ähnlichsten King Lear oder Hamlet. Wie in Macbeth gibt es auch eine Hexenbeschwörung. Saul sucht die Hexe von Endor auf, weil er den Geist des Propheten Samuel um Beistand und Rat bitten will. Saul leidet nämlich unter Verfolgungswahn. Zur Erinnerung, David hat als einfacher Schäfer Goliath mit einer Steinschleuder getötet und die Philister besiegt. Das Volk bejubelt ihn. Saul ist eifersüchtig und fürchtet um seinen Thron.

Die Ombra-Szene – immer eine Sensation

Die Ombra-Szene mit Samuel – als totem Wiedergänger von dunklen Klängen begleitet – war damals eine Sensation. Und die Horrorszene ist es auch in dieser Produktion. Denn Barrie Kosky lässt Saul, stimmlich wie szenisch einfach großartig besetzt mit dem Briten Christopher Purves, wie zu sich selbst als Samuel sprechen. Die Hexe (eine Männerrolle!) streckt erst ihren Kopf mit zottelig weißen Strähnen aus dem schwarzen Sand, klettert dann heraus, um Saul ihre dürre, dennoch wohl mit narkotisch triefender Milch gefüllte Brust zu reichen. Die Erscheinung Samuels ist also eine Halluzination. Bei Kosky hat alles Logik.

Geniale Bühnenideen

Saul steht als Titelfigur natürlich im Zentrum. Bereits im ersten Teil vor der Pause verbindet Purves Komik und Groteske, versucht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, während sich alle um David (Countertenor Christopher Lowrey, der Purves nicht ganz das Wasser reicht) scharen. Oder er wird von insektenhaften Händen attackiert, die wie Sauls Kopf aus einem Spalt herausragen, der zwischen den zusammengezogenen Tischen entsteht, die zu Anfang das Bühnenbild tragen.

Groteske Überzeichnung

Und was für ein Bühnenbild hat Katrin Lea Tag da geschaffen! Und auch die Kostüme gehen auf ihr Konto. Ein gigantisches Stillleben, zugleich ein grell-überzeichnetes barockes Memento mori aus turmartigen Blumenbouquets, unter denen ein Hirsch oder ein Bison, noch im Fell, Fische und Riesenmuscheln liegen, gekrönt von einem Schwan und einem Pfau. Die Tafel teilt sich und gestaltet die Bühne immer wieder anders. Die Solisten klettern darauf herum. Und auch die Choristen der Oper Köln, die zu Beginn noch etwas zurückhaltend klingen und immer eindringlicher werden. Sie jagen aufgeregt um die Tische, johlen, kommentieren gestisch oder schmeißen ihre Hände nach oben. Die Damen in fein geschneiderten bonbonfarbenen Reifrockkleidern tragen wie die Herren aufgetürmten Rokoko-Perücken.

Die Bildfantasie stiehlt der Musik die Show

Die Bildfantasie Barrie Koskys stiehlt der Musik vor der Pause komplett die Show. Auch, weil das Orchester unter der Leitung von Rubén Dubrovsky der Akustik im Staatenhaus wegen nicht unmittelbar genug wirkt. Das Orgelkonzert mit Solist Andreas Gilger im dritten Satz der Einleitungssinfonie ist historisch verbürgt. Händels Orgelkünste sollten als Sensation die Erfolgschancen erhöhen. Das Carillon, eine Art barocke Celesta, ließ Händel eigens bauen. Sie klingt hier wie ein Glockenspiel und ist natürlich ein Hinhörer. Aber Koskys Regie, seine Ideen und Personenregie bis hin zu Requisiten wie dem Stein aus der Steinschleuder oder den Köpfen, die am Boden liegen oder aus dem Boden kommen und mittels besonderer Lichtregie aufscheinen, ist so konsequent aktivierend durchgezogen, dass sie einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Kommen noch die sechs quirlig auf lustig und amüsiert wirbelnden Tänzer dazu, die passgenau auf die Musik und ihren Gestus agierten. Nach der Pause in schwarz…

Christopher Purves (Saul). Foto: Sandra Then
I am the King!

Über weite Strecken kettet sich Koskys verlustigender Milos-Forman-Historismus (in seinem Mozart-Film Amadeus) an die menschliche Psychologie am Rande des Dramas. Sauls Tochter Merab (Sarah Brady warm und koloraturstark) soll David heiraten verweigert sich aber, weil ein Hirte nicht standesgemäß sei. Oder Sauls Sohn Johnathan (Tenor Linard Vrilink), der sich in David verliebt und deshalb gegen den Vater kehrt. Jugendlich überzeugt Giulia Montanari aus dem Kölner Ensemble als Michal, die schon längst in David verliebt ist. Und die Hände wie ein Teenager hochwirft, als sie ihn heiraten darf.

Menschlich ausgelebte Konflikte

Viele Schreie, viele Stöhner, viele Pausen gibt es nach den Arien, die den menschlich erzählten oder gelebten Konflikt nachleben lassen. Christopher Purves reißt im zweiten Teil das Drama dann doch an sich, dessen man sonst verlustig gegangen wäre.
Nach der Pause ist die Tafel endgültig abgeräumt, alles Bunte dem Schwarz gewichen, der Wahnsinn tobt mit Purves. Zunächst im Schein tausender Kerzen, bis die Choristen als Erschlagene auf dem Schlachtfeld liegen, sich wie Zombies zum Schlusschor aufrichten und an der Rampe eindringlich das Publikum beschwören. Frieden dem Mad King und ein Halleluja für den neuen König David. Das Publikum ist von der Show insgesamt einhellig begeistert und applaudiert euphorisch mit den Füßen trampelnd. Diese Kölner Produktion gewinnt die Gunst des Publikums. Und erstaunlich ist schon, wie frisch diese in ihr zweites Jahrzehnt gehende Inszenierung ist. Wiewohl, die wahnsinnige Herrscherthematik hätte noch andere Tiefen…

Heute ist wieder Vorstellung. Weitere Termine hier

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