Schon im letzten Jahr hatte Intendant Ivo van Hove den Komponisten Philip Venables auf der Ruhrtriennale am Start. Der in Berlin ansässige Brite präsentierte die schwarz-bunte Hippieparabel „The Faggots & their friends…“ als Musiktheater für 15 Instrumentalisten-Performer-Sänger (siehe Klassikfavori). Dieses Jahr sitzen für Venables die Bochumer Philharmoniker (Leitung Bassem Akiki) unsichtbar in der kleineren Halle neben der gigantischen Jahrhunderthalle in Bochum-Stahlhausen. Sie schallen durch die offene Mitte des Bühnenbodens, auf dem sich acht Solisten in der Regie von Ted Huffman abarbeiten. Für Venables‘ ehrgeiziges Projekt der Generationen-Collage „We are the lucky Ones“ wurden von Huffman und Nina Sigal Interviews geführt. 1940-49 geborene Europäer wurden ganz allgemein um eindrückliche Erinnerungen gebeten und zu ihren Zukunftsvisionen befragt. Dass aus Banalem wie auch schockierenden Beobachtungen nebeneinandergesetzt packendes Musiktheater wird, hat schon die Uraufführung im März dieses Jahr in Amsterdam bewiesen. Diese Deutsche Erstaufführung zeigt es einmal mehr. (Von Sabine Weber)
(4. September 2025, Bochumer Jahrhunderthalle) Philip Venables und Ted Huffman sind eben ein kongeniales Paar, übrigens auch im wahren Leben verbunden. Da wirkt alles zusammen, wird zu einem Ganzen! Es gibt ja die Komponisten, die scheinbar jedes Thema zu Musiktheater werden lassen können. Giorgio Battistelli gehört dazu (mit Fashion über die Modestadt Düsseldorf oder CO2 für die Expo in Mailand zum Klimawandel,…). Auch Philip Venables, der seit seiner Sarah Kane Vertonung Psychosis 4.48 (Klassikfavori) mit einem Senkrechtstart in der Musiktheaterszene gelandet ist.
Musikgenres für theatralische Momente
Auf der Ruhrtriennale beweist er einmal mehr, wie seine Klangbänder auch mit großem Orchester Wirkung zeigen. Stehend oder um Halbtöne abschmierend changierend, durch perkussive Abschnitte enerviert, oder mit perlenden Klaviertropfen, mit solistischen Einlassungen der gestopften Trompete, hier auch Saxophonen und ein (nicht hörbaren) Akkordeon. Es gibt Posaunenfanfaren, die für jeden US amerikanischen Heldenfilm taugten, eine gefühlige Oboen-Arie, groteske Walzer, brutale Märsche, jazzigen Wischbesen und Musical-Attitüde à la Leonard Bernstein... Immer dient das Musikgenre einem theatralischen Moment, führt weiter oder kontrastiert, schafft einen Bruch, konterkariert oder bestärkt. Da ist schon einiges redundant. Wie oft der Klang sich auf einen einzigen Ton zusammennimmt, als fokussierendes Stilmittel für das Gesagte oder Gesungene. Immer wirkt es auf den Punkt, wird nie lästig oder langweilig.
Dankbare Stimmpartien
Vor allem liefert Venables dankbare Stimmpartien. Die acht Solisten, sind textverständlich, wohl auch verstärkt, aber insgesamt in einer überzeugenden Klangregie in den Gesamtklang integriert, und sind dazu exzellente Spielercharaktere. Jede, jeder ist ein Charakter, den man zum Schluss zu kennen meint. Wie Huffmans Regie sie zu egal welchen Interview-Ausschnitten in Szene und zueinander in Beziehung setzt, komödiantisch, dramatisch, lustig, grob, passiert immer kongenial auf Venables Musik. Die vier Männer stampfen einmal kollektiv, dass es wie Schüsse klingt („Sie haben ihn einfach erschossen…“), ein kollektiver Backgroundchor formiert sich an der Rampe und begleiten Hochzeitserzählung. Hinten werden die Fensterscheiben mit Papier zugeklebt, damit Erinnerungsbilder projiziert werden können. Oder alle tanzen Musical-way (auch in Formation und schnippen mit den Fingern), da ganz vorzüglich der in Köln nicht mehr unbekannte Bassist und hier Stargast Alex Rosen (siehe Klassikfavori). Er schlägt Purzelbäume oder wie ein Singing-in-the-rain-Meister die Versen in der Luft zusammen.

Ein exquisites Solistencast
Die Altstimme von Helena Rasker im pink-glänzenden Anzug ist umwerfend. Claron MacFaddens klare Sopranstimme hat man schon in solistischen Auftritten mit Musica Antiqua Köln unter Reinhard Goebel vor Jahrzehnten bewundert. Sophia Burgos in roter Abendrobe und Nina van Essen im schulterfreien Silberetuikleid mit fleischfarbenen Pumps sind ebenfalls großartige Erzählerdarstellerinnen. Jede auf ihre persönliche Art. Frederick Ballentine ist eine herausragende stimmliche Erscheinung und war schon wie Claron McFadden, Nina van Essen, Helena Rasker und Alex Rosen bei der Uraufführung dabei. Michael Wilmering ist eine großartige Neubesetzung für die RT und taucht im weißen Dinnerjacket auf, wie überhaupt alle ganz am Anfang wie zu einer Party auflaufen. Persönliche Befindlichkeiten mischen dann wie nebenbei auf. Steven van der Linden muss gegen Ende für einen Weltparanoiker eine Maske mit weißem Haar überstülpen und legt rote Pumps an. Da meint man, einen US Bürger zu hören, aber nein, nur Europäer seien befragt worden. Die Interviews kommen im hier und jetzt an. Und bei Zukunftsängsten…
What happens in the future
„Beschreiben Sie die Zukunft!“ War wohl eine an jeden gerichtete Frage. Sie bleibt weitestgehend unbeantwortet oder wird mit sphinxhaften Aussagen wie dieser beschieden. „Etwas verändert sich, und plötzlich hast Du eine neue Realität. Was in der Zukunft passiert? Ich kann es nicht sagen.“ Und auch Politik spielt rein. „Sie finden Hitler gut… und werden gewählt!“ Aus welchem Land diese Beobachtung kommt, darf man dunkel ahnen… Wahrscheinlich hat sich jede und jeder im Publikum aber mal angesprochen, ertappt oder aus der Seele gesprochen wieder gefunden. Gerade das Banale, die erste Apfelsine, die geschält wird oder der lachende Hund neben dem ältlichen Gesicht auf dem Porträtbild, sagen viel. Aber waren die angeblich so glücklichen Nachkriegsgeborenen wirklich glücklich, wie das Titelzitat weiß machen will?
Ein glücklich stimmende Aufführung
Am Ende wird gestorben. In den Interviewausschnitten, versteht sich. Und es schließt sich ein Bogen, auch musikalisch. Berührend ist dann nochmals ein madrigalesker Moment, wo sogar die acht Solisten a capella im Ensemble singen. Denn auch frühbarocke Stile liebt Komponist Venables. Nach der Stille und dem Licht-aus gibt es ein typisches Show-Ende. Wie zu Anfang kommt ein Schlager vom Band, die Bochumer Symphoniker kommen unter der Bühne hervor und reihen sich auch noch auf. Denn der Applaus für die Solisten, den Komponisten und das Regieteam will nicht enden. Ja, das war wirklich eine glücklich stimmende Aufführung, egal, wie man Glück jetzt im Detail definieren wollte… Absolut besuchenswert…