Ist Lars Eidinger dennoch eine Fehlbesetzung? Auch das sprechende Singen oder Jazz-Pop-Chanson-Gesang mit Mikro verlangt Couleur und Variabilität im Ausdruck und ist selbst in einem emersiven, grenzüberschreitenden Musiktheaterexperiment bei der singenden Hauptrolle entscheidend. Und doch, Intendant Ivo van Hove hat schon richtig spekuliert. Die ersten Aufführungen von „I did it my Way“, so der Titel dieser Song-Nummernshow, in der Frank Sinatra und Nina Simone musikalisch aufeinander treffen, sind ausverkauft! (Von Sabine Weber)
(22. August 2025, Bochumer Jahrhunderthalle, 2. Aufführung) Lars Eidingers Gesicht ist in der deutschen Film- und Theaterszene bekannt und geschätzt. Einer seiner letzten Filme noch gut in Erinnerung. In Sterben spielt er einen Orchesterdirigenten, der mit dem Schicksal seiner Eltern und der des depressiven Komponisten einer geplanten Uraufführung konfrontiert wird. (siehe Klassikfavori) Mit Musik hat er etwas am Hut. Und es schien, dass das Publikum auf der vollbesetzten Tribüne von vornherein ihn gut befinden wollte und dann auch befand – entsprechend applaudierte es auch nach fast allen Nummern. Die Ruhrtriennale ist ein inzwischen im Revier angenommenes Groß-Kulturereignis. Die Stimmung in der inzwischen eher als mondäne Veranstaltungsstätte denn als Industriebrache wirkende Jahrhunderthalle mit fein säuberlichem Verbundpflaster rundum nebst einem Parkplatz mit elektronischer Nummernschildkennung, war entspannt positiv. Auch wenn der Einlass eine halbe Stunde zu spät begann, sodass der Beginn sich entsprechend verzögerte.
US-spießig…
Ein Kleinstadthaus mit weißer Holzfassade, durch die Art der Überdachungen des Treppeneingangs eindeutig als spießig gekennzeichnet, dazu eine Laterne mit fahlem Licht rechts und Andeutungen von Pfützen als Sinnbilder für die Einsamkeit, lieferten eine US-amerikanische Way-of-life-Kulisse. Die 10 Musiker starke Band thronte im Hintergrund noch über dem Haus zu sehen im Hallenhimmel. Vor dem Haus, auf den Treppenstufen sitzend oder die Laterne umarmend singt Lars Eidinger einen Song nach dem anderen. Angefangen mit Watertown, dem Titelsong aus Frank Sinatras gleichnamigem Konzeptalbum. Zwei Tänzer (Marco Labellarte, Samuel Planas) als begleitende Tanzkompanie stecken wie Eidinger in 20er Jahre Hochbund-Weitschlag-Hose in beige und weißem Hemd (Kostüme An d’Huys).
Larmoyant…
Partnerin Larissa Sirah Herden trägt ein sommerlich legeres Flatterkleid. Auch sie wird von zwei Tänzerinnen begleitet (Ida Faho, Sylvie Sanou). Aber die farbige Schauspielerin kann singen, hat hörbar Musical-Erfahrung und, ja, stiehlt Eidinger die Show. Eidingers Gesang bleibt ohne dynamische Wechsel, unterschiedliche Intonation, Modulation. Seine Aussprache ist zwar nicht falsch aber klingt dadurch sehr deutsch buchstabiert. Dazu kommt, dass er sich im ersten Teil der Regie folgend selbstmitleidig um Einsamkeit und Verlassen-werden drehen muss. Wie larmoyant Sinatras Textlieferanten geschrieben haben! Irgendwann hat sich das gestische Repertoire mit Gegen-die-Wand-drücken oder verzweifelt mit gesenktem Kopf Da-sitzen erschöpft. Eidinger versucht immer wieder gestisch auszudifferenzieren. Auch die beiden flankierenden Tänzer in der virtuosen Choreographie von Serge Aimé Coulibaly bleiben nur Beiwerk und sind Musicalaccessoire. Dass ständig von Abschied gesungen wird, wobei Larissa Sirah Herden einfach nicht geht, kann kein Handlungsmotor sein…
Black-Matters…
Die Nina-Simone-Songs haben sofort andere Qualitäten. Und es geht ab, wenn der historische Black-matters-Teil beginnt und sie mit Afrolook-Perücke (darf man das noch sagen?) To be Young, gifted and black, unterstützt von Spotlight-Feuer auf das Wort „black“ in den Raum schmettert oder vier Frauenschicksale in Four Women nahe bringt. Alle Frauen haben Migrationshintergrund, beziehungsweise die letzte ist die Tochter ehemaliger Sklaven.

Nina Simone…
Wer weiß schon, dass Nina Simone nicht nur Hits wie My Baby just cares for me gelandet hat, sondern, nachdem sie ein klassisches Klavierstudium absolvieren wollte, das ihr wegen ihrer Hautfarbe verwehrt wurde, so hat sie das selbst erzählt, vom Klavier zur politischen Song-Performerin und Aktivistin wurde? Mit Why? (The King of love is dead) hat sie Martin Luther King ein Denkmal gesetzt. Eine unvergessliche Anklage, die an diesem Abend unter die Haut geht. Herden sitzt bescheiden vorne am Rand und schaut in den Bühnenhintergrund. Denn während sie singt projiziert Regisseur Ivo van Hove schwarz-weiße Dokushows von Martin Luther Kings Beerdigung. Dann ist sein Gesicht im Bild, sogar seine charismatische Stimme als Redner ist in einem Ausschnitt pur zu hören! Und ein erschütterndes Foto, das aus dem Fokus eines wild aufgerissenen Augenpaares heraus aufs Ganze zoomt, und von den hängenden Füßen angefangen zwei gelynchte junge Männer ins Bild zieht, auf die der Arm zu diesem Augenpaar zeigt. Das Foto stammt von 1930.
I did it My Way
Dass Lars Eidinger danach nochmals die Show übernimmt, und sofort da ist, ist seiner Bühnenpräsenz zu verdanken. Mit dem Musiktheatertitel-Song I did it My Way performt auch er einen großen Hit, tanzt, rollt mit seiner Tanzkompanie auch in Formation. An die Premierenshow von Sandra Hüller (siehe Klassikfavori) bei der letzten Ruhrtriennale reicht das alles nicht ran. Auch wenn sich das Strickmuster mit Songs und einem deutschen Film-/Theaterstar sich gleich geblieben ist, in dieser Premiere sind es nur zwei Sänger. Aber Sandra Hüller ist ein ganz anderes singendes Kaliber.
Die Band
Dennoch, auch wenn es lang scheint, die Songwelt fasziniert. Die Band unter Henry Hey präsentiert auch brillante Solisten, die Trompeter Luzie Micha und Christian Mehler sowie Saxophonist Marc Doffey wären herauszuheben. Und natürlich auch Bandleader Hey am Piano. Die elektronische Aussteuerung nivelliert leider die Einzelklänge in der Band zu einem klanglich eher indifferenten Gesamtklang. Durch die ständige Lautstärkeregelung, Hervorheben und Zurückstellen irgendwelcher Instrumente, kann man sich an das Klangbild auch nicht gewöhnen. Der Gesamtklang ist auch oftmals gern zu laut. Und ein Wermutstropfen ist der elektronisch generierte Background-Geigenorchester-Sound, der allzu deutlich nachgemacht klingt, vor allem wenn er am Ende einfach abreißt…
Weitere Aufführungen heute und …