Für das Sänger-Cast legt sich Intendant Hein Mulders doch immer ins Zeug. Aber fürs Repertoire ist dieser Cast ein wirklich überragendes Ereignis. Vor allem Adriana Bastidas-Gamboa aus dem Ensemble in der Titelrolle und Giuliana Gianfaldoni als Idealbesetzung der heimlichen Geliebten Amenaide rissen das Publikum im ausverkauften Haus zu Beifallsstürmen hin. Das Gürzenich-Orchester unter George Petrou begleitete einfühlsam, führte und stützte, und für die Rezitative setzte sich Petrou wie nebenbei ganz selbstverständlich an den Hammerflügel. Diese weitgehend unbekannte Rossinische Frühpartitur ist eine Entdeckung. Gab es überhaupt je einen „Tancredi“ in Köln? Für einen glänzenden Saisonabschluss war das perfekt. Samt Abendsonne. (Von Sabine Weber)
(21. Juni 2026 Saal 2 im Staatenhaus) Der längste Tag des Jahres meinte es allerdings schon sehr heiß! Die Jecken im Sunnesching holten sich am benachbarten Tanzbrunnen open air bei wummernden Kölschliedern auch rote Gesichter. Danach zieht ein anderer Menschenstrom zur letzten Premiere der Saison am Spaßbrunnen vorbei ins perfekt gekühlte Staatenhaus. Und kommt restlos begeistert wieder heraus. Zwei alte Damen sitzen bei milder gewordenen Außentemperaturen auf einem Mäuerchen und sprechen uns Heimgehende spontan an. „Waren die Solisten nicht grandios! Ich habe seit mehr als 10 Jahren ein Abo, das war einmalig…“
Alles von Rossini ist in diesem Frühwerk schon da!
Dieser frühe Rossini von 1813, seine vierte Oper mit Anfang 20 geschrieben, feierte in Venedig und Ferrara nicht von ungefähr Erfolge und wanderte weiter, bis sie zugunsten der heute bekannten Rossini-Werke vergessen wurde. Warum eigentlich? Alles ist schon da, die Rossini-Walze oder Galopp gleich in der Ouvertüre, immer zum Schluss von hüpfenden Piccoloflöten gekrönt, kammermusikalische Momente der Holzbläser, große Kantilenen der Streicher, ostinate Begleitfiguren, vor allem Melodik und vokale Bravour!
Rossini kostet emotionale Volten natürlich belcantistisch aus
Zugegeben, um menschliche Abgründe zu öffnen und Vertonungsstoff zu bekommen macht die Handlung Volten. Sie spielt in der Kreuzritterzeit in Süditalien. Argirio zwingt Tochter Amenaide in eine politisch motivierte Ehe, obwohl sie heimlich Tancredi liebt. Das erzählt sie Tancredi aber nicht, der zu ihr ins Zimmer steigt. Warum nicht, verstehe wer will. Der ist irritiert, als sie sich abwendet und ihn wegschickt. Weil Amenaide im Hochzeitsmoment dennoch hinschmeißt, bezichtigt der zurückgewiesene Bräutigam Orbazzano sie, mit den Feinden zu kooperieren. Einen Liebesbrief, den sie an Tancredi gerichtet hat, ohne ihn zu nennen, münzt er auf den Hochfeind. Amenaide wird vom Vater wegen Hochverrats zum Tod verurteilt. Argirio hadert nun mit sich selbst. Tancredi kämpft als Unbekannter Ritter Amenaide im Zweikampf wieder frei – glaubt aber nicht mehr an sie, lehnt sie ab, was Amenaide wiederum nicht versteht – und lässt sich mehr oder weniger im Kampf umbringen. Hätte man doch miteinander geredet! Verzweiflung, Einsamkeit, entfachte und enttäuschte Liebe und Vaterliebe, ganz wichtig, liefern die Steilvorlagen, die Rossini natürlich belcantistisch auskostet. Es wird wie oft bei Rossini dramatisch, ohne dass der Dreivierteltakt-Schwung je wirklich verloren wird.
Diese aktualisierte Handlung ist gelungen
Die Regie von Jan Philipp Gloger ist mal ein Beispiel für eine gelungene aktualisierte Handlung. Die Kreuzritterzeit (um 1000) wird zur sizilianischen Drogenmafiaszene. In einem mit Charme abgeranzten typisch italienischen Palazzo öffnen sich mittels Drehbühne immer wieder neue Ansichten. Ein Innenhof mit Brunnen, eine 50er-Jahre Küche, ein gekacheltes Kühlhaus (für Leichen) und Gefängnis, ein jugendliches Schlafzimmer.

Libretto und Mafiajargon
Die Ritterfürsten Argirio und Orbazzano treten wie Mario Adorf in seinen besten Verbrecherfilmzeiten in Erscheinung, samt Goldkettchen. (Kostüme Justina Klimczyk) Tancredi ist eine Hosenrolle, wird also von einer Frau gesungen. Das zentrale Liebespaar ist in dieser Regie also lesbisch, was zur heimlichen, verbotenen Liebe, zudem nach Köln, ja passt. Die tragische Titelfigur klettert als Farc-Rebellin mit übergezogener Kapuze und Springerstiefeln auf den Balkon. Amenaide sitzt im „Kinderzimmer“ in Schlaghose aus Jeans, Body-Shirt, mit aufmüpfigem Dutt auf langem Haar, Converse an den Füßen und legt Schallplatten auf. Klingt im ersten Moment wie aufgesetztes Regietheater. Zu Anfang fügt sich der Libretto-Duktus auch nicht ganz einem Mafiajargon. Die erste große Szene mit Chor (Herrenchor der Oper Köln) überzeugt schnell. Sofort sind Revolver gezückt. Und sechs naugthy boys (Showtalentnetwork) mischen mit rasanten Stunts die heißblütigen Mafiosi-Herren mit Sonnenbrillen gehörig auf. Sie prügeln sich, werfen sich mit Hüft- und Schulterwurf durch die Gegend. Und im zuckenden Rossini-Rhythmus wird ein namenloses Opfer gefoltert…
Vokale Traummomente
Milieu hin oder her, das erste Solisten-Duett mit Dmitry Ivanchey – aus dem Kölner Ensemble – und Gabriele Sagona (Argirio und Orbazzano) ist ein Genuss, auch wenn die ungezogenen Jungs zum Hochzeitsversprechen drumherum mit dem Hintern wackeln und in der Luft poppen. Das Damen-Duett im letzten dritten Akt ist ein Traum, zumal sich Tancredi und Amenaide unentwegt eingestehen, sich zu lieben und dennoch abzulehnen. Der gurgelnde Mezzo von Adriana Bastidas-Gamboa und Giuliana Gianfaldonis strahlender Sopran mischen sich hinreißend auch in pianissimo-Tönen. Wie beide Koloratur und Bravour dem Affekt und der Emotion stimmgewaltig wohlklingend unterordnen, ist „grandios“. Gianfaldoni beherrscht das Decrescendo in höchsten Lagen traumwandlerisch. Sie kennt die Partie hörbar in und auswendig. Bastidas-Gamboa überzeugt in ihrem Rollendebüt nicht weniger und schmettert, immer tonschön, ungeahnte Spitzentöne. Beide haben jeweils eine große Soloszene, in der sie gefühlt alles rausholen.

Ein quasi a-capella Quartett
Auch Ivanchey hadert herzzerreißend als geschlagener Vater. Im Gegenzug gibt Sagona den grobmotorischen, Hähnchenschlegel in der Küche nagenden Proletarier, der als Hochzeitsgeschenk einen Teddybär mitbringt, aus dem später Drogenpulver in Tütchen herausgeschnitten wird. Ein quasi a capella Quartett im zweiten Akt, sporadisch begleitet von der Solo-Oboe oder Holzbläsern, ist ebenfalls ein vokaler Höhepunkt. Zu den solistischen Partien gesellt sich des öfteren der Männerchor, der eine Begleitung markiert oder den hadernden Vater begleitet mit „Ja, er muss die Tochter dem Recht opfern“ – „Nein, er muss Mitleid mit der Tochter haben.“ Johanna Thomsen als Isaura überzeugt mit einfühlsam rundem Timbre, gibt vielleicht die Hausfrau etwas zu zickig.
Tancredi, ein unerlöster Außenseiter
Die Schlussszene gehört Tancredi, der tödlich verletzt und alleingelassen, um die Vermählung im Tod bittet. Keiner hört ihn mehr. Die Mafiosi sind von der Drogenfahndung verhaftet und abgeführt worden. Tancredi stirbt als das, was er von Anfang an ist, als ein einsamer Außenseiter, der nirgends ankommt. Das kommt in den Herzen an.
Rossini-Kennerschaft in Köln
Diese letzte Premiere im Staatenhaus, der Spielbetrieb geht natürlich noch bis zum Ende der Saison weiter, ist ein gelungener Paukenschlag. Im September wird in die, wie wir wissen, für Unsummen „reparierte“ alte Oper zum Rosenkavalier an den Offenbachplatz eingeladen. Das Staatenhaus, das immer wieder zu kreativen Bühnenlösungen herausgefordert hat, wird vielleicht vermisst werden. Erinnert sei an die Regie von Zimmermanns Soldaten oder Brett Deans Hamlet. (Siehe Klassikfavori-Artikel) Unvergessen ab jetzt geht auch Gioachino Rossinis Melodramma Eroico Tancredi in die Geschichte des Staatenhauses ein. Auch wenn diese Produktion bereits in Bregenz wiederentdeckt und für die dortigen Festspielen 2024 entstanden ist. Dazu gehört auch die virtuos rotierende, leider etwas knarzende, Drehbühne von Ben Baur im Bild. Von den insgesamt drei Stunden inklusive einer Pause, war jedenfalls keine Minute langweilig. Und George Petrou, der 2021/22 in Köln schon den Barbiere di Siviglia geleitet hat, beweist als Dirigent erneut seine Rossini-Kennerschaft.
Danke für die mehr als zutreffende Rezension, ich konnte zum Glück einer Aufführung an einem späteren Termin beiwohnen.
Bei den Solopassagen der Sängerinnen und Sänger konnte man eine Stecknadel im Staatenhaus fallen hören, Indiz dafür, wie sehr das gesamte Publikum in den Bann der Aufführung gezogen wurde.
Die Sichtbarkeit des Orchesters werde ich nach dem Umzug zurück in’s alte Operndomizil vermissen, die in Pianissimo-Passagen leider immer hörbare Lüftung weniger.
Danke für Ihren Kommentar. Die Lüftung war als dunkles Wummern leider auffällig. Aber ich dachte dann, besser so und angenehm (wohl auf Hochtouren) gekühlt, als schwitzend, japsend, ächzend…