Monster von Neuwirth und Jelinek mischen Hamburgs Oper auf

„Vor solchen Abenden sollte man warnen!“, erklärt Dramaturg Christopher Warmuth in einer launigen Einführung. Der dicht gewebten musikalischen Textur von  „Monster’s Paradise“ sollte sich ohne Ansprüche gestellt werden! „Analytische Durchdringung und hermeneutische Deutung seien zwecklos …“ Das ist augenzwinkernd gemeint. In Olga Neuwirths und Elfriede Jelineks jüngster Oper gäbe es viele Musikzitate zu entdecken. Sie dienen aber stets einem sofort fasslichen theatralen Ausdruck. (Mehr dazu im podcast favori mit Dirigent Titus Engel) Die Genre-Vermischung mit klassischer Sinfonik, Melodram, Operette, Jazz, Collagen, Zuspielungen, nicht zu vergessen die Wortspiele in Jelineks Libretto, das alles entwickelt einen vergnüglichen, komischen bis grotesken Witz, den man in Neuer Musik selten erlebt. (Von Sabine Weber)

(08. Februar 2026, Staatsoper Hamburg) Der Abend ist auch nahezu ausverkauft. Meine Nachbarin erklärt, dass nur hamburgische Schnösel, der Neuen Musik und Uraufführungen abhold, ihre Abo-Karten nonchalant verfallen ließen. Selber schuld! Denn hier werden alle möglichen Erwartungen erfüllt, am wenigsten jedoch die Befürchtung einer Hardcore-Neuen-Musik. Neuwirth und Jelinek haben sogar das Genre der Grand-Guignol Opéra aus der Taufe gehoben. Pointiert heißt das, musikalisches Kasperltheater für Erwachsene. Elfriede Jelineks Sprachwitz surft unschuldig und haarscharf einige Mal am Kalauer vorbei und schrappt zielsicher die Groteske. An Derbheit wird auch nicht gespart. Der ernst gehobene Zeigefinger wird aber auch mit Verspieltheit kombiniert.

Librettistin und Komponistin haben sich als unsterbliche Gestalten mit hineinkomponiert

Monster’s Paradise will mehr als einfach Oper sein, nämlich auch Show und ein bisschen Musical. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg wird mit einer Jazz-Combo und schräger E-Gitarre aufgemischt (Leitung: Titus Engel). Derbe Geräusche von Rülps bis Furz werden zugespielt, ebenso Schüsse und Erdbebengrollen (Soundsamples: Olga Neuwirth).  Die Stimme von Anna Clementi wird für Gorgonzilla, das gute Monster, verfremdet. Aus rechtlichen Gründen durfte es nicht Godzilla heißen, sieht aber so aus wie in dem japanischen Horrorfilmklassiker von 1954. Die Choristen der Hamburgischen Staatsoper traten als Zombies auf, die in der Pause auch durch die Foyers geisterten. Zwei Countertenöre (Andrew Watts und Eric Juvenas) zählten zur hörigen Gefolgschaft des monsterhaften König-Präsidenten (Georg Nigl), ein Koloratursopran (Sarah Defrise), ein Mezzo (Kristina Stanek), sowie zwei Burgschauspielerinnen (Ruth Rosenfeld, Sylvie Rohrer) sind als Vampiretten Verdopplungen von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth höchstpersönlich. Librettistin und Komponistin haben sich als Vampi und Bampi in die Oper als unsterbliche Gestalten mit hinein komponiert und nehmen sich bei ihrem Rettungskommando gegenseitig auch schon mal aufs Korn.

Musik- und Filmzitate

Die Musikzitate (aus Bergs Lulu, Léhars Hit Lippen schweigen, sowie Sinfonisches von Schostakowitsch, Walzer aus Wien, usw …) finden eine Entsprechung in Bildzitaten aus der Theater- und Filmgeschichte (Urmel aus dem Eis der Augsburger Puppenkiste, und wie gesagt dem Horrorfilm Godzilla, auch der US-Verfilmung King Kong). Wie das zusammenkommt, ist sehr amüsant.

Eine Anti-Trump-Oper

Die Handlung verfolgt mit all den Bildern eine kuriose Rettet-die-Menschheit-und-die-Welt-Handlung von und mit Monstern, Vampiren und Zombies. Dabei rückt unser aktueller Weltzustand durchaus in den Fokus. Das Urübel-Monster ist der König Minus Präsident. Zweifelsfrei: Donald Trump, den Georg Nigl herrlich grotesk singt, darstellt und persifliert, sodass Trump sicherlich noch einen Prozess wegen „Verunglimpfung“ anstreben wird.  Ähnlich dem von Putin gegen den Karnevalswagen-Bauer Jacques Tilly aus Düsseldorf.

Komparserie. Eric Jurenas, Andrew Watts, Georg Nigl, Kristina Stanek. Foto: Tanja Dorendorf
Komparserie. Eric Jurenas, Andrew Watts, Georg Nigl, Kristina Stanek. Foto: Tanja Dorendorf
Das Obszöne der Macht

Wie Titus Engel, Dirigent dieser Produktion, erklärt, gibt es bereits ungeheure Reaktionen in den USA. (Mehr darüber im podcast favori mit ihm, das kurz vor der hier beschriebenen Aufführung entstanden ist.) Tobias Kratzer, nicht nur Regisseur dieser Produktion, sondern seit dieser Spielzeit Intendant der Hamburgischen Staatsoper, hat angekündigt, jede Spielzeit eine Uraufführung in Auftrag geben zu wollen. Das Besondere dieser sei, dass die Obszönität, mit der Donald Trump im äußeren Habitus und seiner Gestik Macht in der Öffentlichkeit beanspruche, die Theaterfigur Trump auf der Hamburger Opernbühne immer wieder noch überböte, sodass man nacharbeiten musste. Die Realpolitik hat sich theatrale Absurdität einverleibt.

Der König-Präsident (Georg Nigl) im Golfcart. Andrew Watts, Darstellerin Vanessa Konzok (Gorgonzilla). Foto: Tanja Dorendorf
Monster besiegen Monster

Das wird an diesem Abend in vielen Momenten sinnfällig. Und auch in dem sentimentalen Finale mit den beiden letzten Überlebenden, Vampi und Bampi, also Jelinek und Neuwirth. Auf einem Floß im Meer treiben sie vierhändig Schubert spielend nach Nirgendwo. Und der erste Satz von Schuberts Fantasie in f-Moll auf einem verstimmten Flügel hat etwas sehr Melancholisches. Die Utopie, gute Monster gegen böse Monster zu schicken, hat den Untergang nicht verhindert.

Sylvie Rohrer (Neuwirth), Ruth Rosenfeld (Jelinek). Foto: Janic Bebi Jonas Dahl
Nie mehr eine Oper
Foto: Manuel Braun

Neuwirth wird nie mehr eine Oper in Angriff nehmen, auch nicht mit Jelinek, hat sie gesagt. Vielleicht steht das obige Bild auch ein bisschen für diesen Blues. Was für ein Prestige also, dass das letzte Neuwirth-Jelinek-Projekt in Hamburg am 1. Februar 2026 seine Uraufführung hatte. Mit Bählamms Fest und Lost Highway 2003 landeten Neuwirth und Jelinek schon vor mehr als 20 Jahren gefeierte Bühnencoups. Aufgrund negativer Erfahrungen mit ablehnenden, auch frauenfeindlichen Opernintendanten sei seitdem kein Projekt mehr zustande gekommen, die Frustration groß gewesen. Und fast wäre auch dieses Projekt nicht zustande gekommen. Tobias Kratzer ist bei seiner Bestellung hartnäckig geblieben. Als Regisseur konnte er sicherlich für den Intendanten punkten und hat dem Duo unter Verwendung eines Bildes in einer Sitzkugel (siehe oben) ein Denkmal gesetzt. Die Sitzkugel, angeblich aus Jelineks Wohnung, wodrin sie angeblich alle ihre Texte geschrieben hat, taucht als kleines Requisit oder groß im Bild mit den Elfriede- und Olgafiguren der Inszenierung – wie im Bild – immer wieder auf.

Monster’s Paradise noch in Zürich und Graz

Kratzer ist ein Gewinn auf ganzer Linie. Das zeigt schon die Programmierung dieser ersten Hamburgischen Spielzeit. Diese Uraufführung, mit ihm als Regisseur, Bühnenbild und Kostüme steuerte Rainer Sellmeier bei, wird auch noch weiter Geschichte schreiben. Sie wandert in Koproduktion nach Zürich und nach Graz …

Es gibt noch drei Aufführungen  in Hamburg am 11./ 13. und 19. Februar 2026.

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