„Les Femmes“. Mit Frauen beschäftigte sich Österreichs wichtigstes Alte Musik Festival in Wien diesen Januar. Natürlich standen vom 17. bis 25. Januar (2026) im Wiener Konzerthaus Komponistinnen im Fokus. Aber auch Bilder, die im Lauf der Jahrhunderte von Frauen entstanden oder die sie sich selbst von sich machten. Erstaunlich war jedenfalls, was die Ensembles in den Hauptkonzerten am Abend aufs Podium brachten (von Sabine Weber).
In den stündlichen Gratis-Vorkonzerten bekamen zusätzlich wieder die Preisträgerinnen und Preisträger der Alten-Musik-Wettbewerbe, dem Cesti-Gesangswettbewerb in Innsbruck oder dem Biber-Wettbewerb aus dem Jahr zuvor das Podium. Dazu gab es Kinoangebote wie Fellinies La citta delle donne am letzten Festivaltag! Die kostenlosen Angebote, per Zählkarte wird sich registriert, waren immer restlos ausverkauft. Auch das seit 2020 ins Leben gerufene UNIkate-Konzert in Zusammenarbeit mit der Privatuniversität für Musik und Kunst (MUK), das thematisch eingebunden die Oper Il Re pastore von Maria Teresa Agnesi mit wissenschaftlicher Beratung aus der Versenkung holte. In diesem Jahr neu war ein „Pop-up-Stage“. Studierende der Universität für Musik und Darstellende Kunst durften sich im fliegenden Wechsel produzieren, womit die Resonanzen seit diesem Jahr die wichtigsten Ausbildungsinstitute für Musik vor Ort mit im Boot haben. Die Resonanzen-Woche machte was los und das verändere auch die Atmosphäre im Konzerthaus, wie mehrfach berichtet wurde.

The Fine Hand – ein voller Erfolg
In medias res: Einen vollen Erfolg landete zur Halbzeit das noch junge Ensemble The Fine Hand, das die Sängerin Anne-Kathryn Oslen vor drei Jahren gegründet und mit der ebenfalls leitenden Renaissance-Traverso spielenden Mara Winter auf ein hohes Niveau gehievt hat. Olsen und Gesangskollegin Carla Nahadi Bebelgoto präsentierten in freier Assoziation, aber gut durchdacht, Musik zu den sechs Frauen Heinrichs VIII. Musik von Pierre de La Rue, Claudin de Sermisy oder Loyset Compère ist historisch verbürgte Hofmusik aus dem Henry VIII-Manuskript oder auch aus Manuskripten, die die Tudor-Königinnen besaßen, wie das sogenannte Anne-Boleyn-Buch.
Altenglische Balladen
Den Charme des Abends lieferten aber die dazu vorgetragenen traditionell überlieferten altenglischen Balladen, die mit drastischen Bildern und rätselhaften Geschichten aufwarteten, wie den zwei Raben, die einen toten Ritter plündern. Olsen mit klar heller Stimme, Bebelgoto mit guttural tieferem Timbre, liefen da zur Hochform auf, setzten sich für die sechs Königinnen wechselweise einen anderen Kopfputz auf, wanderten durch den Saal, über die Bühne oder setzten sich links auf Sessel in ein angedeutetes „Frauenzimmer“ – ein etwas irritierender Titel, weil ein hochromantischer Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Mit Renaissance-Violine, korrekt nur gegen die Schulter gelehnt gespielt, Renaissancequerflöte, Viola da gamba oder Renaissanceharfe mit schepperndem Schnarhaken, dem ersten Verzerrer der Musikgeschichte, wie der aus Köln stammende Harfenist Vincent Kibildis erklärt, machte Fine Hand Stimmung. Mit ausgeklügelten Consorts, Hornpipes oder sonstigen Instrumentaleinlagen, immer wieder anders besetzt. Klangfarben nuancierten die Begleitungen. Es klang dann auch mal wie auf einem schottischen Folkfestival, wobei das Historische gekonnt von der Folktradition durchdrungen war, und sich alles nahtlos mischte.
Romina Lischka und ihr Hathor-Consort
(Siehe Titelbild. Foto: Carlos Suarez) Gambistin Romina Lischka hat einen Hang zum Exotischen. Sie hat Dhrupad-Gesang bei einem indischen Meister studiert. Und nicht von ungefähr wohl den Namen der ägyptischen Kuhgöttin Hathor zum Consortnamen gemacht. Wie eine Matrone saß sie auch an der Continuo-Gambe, fegte aber dann mit atemberaubender größter Ruhe, unerhörten Accelerandi und einer Virtuosität in freiem Solovortrag durch Susana Pasegiata von Bartolomeo de Selma y Salaverde, dass ihr Ensemble, sie saß ganz links, aus der rechten Kurve flog. Hackbrett, zwei Harfen, Orgelpositiv, zwei Barockgitarren oder wahlweise Theorben, eine meist nicht spielenden Lyronespielerin, nebst Violine und statt zweiter Violine eine völlig anachronistische Schlüsselfiedel, das war üppig bis überbesetzt. Es klingelte, zirpte, schepperte, der Klang subsumierte sich auch. Für dieses Barbara-Strozzi-Programm hätte es das aber nicht gebraucht.
Dorothee Mields und Hana Blažíková
Zumal für die Arien und Madrigale aus Strozzis umfangreichem, zu Lebzeiten veröffentlichtem Kantaten- und Madrigalwerk mit Dorothee Mields und Hana Blažíková exquisite Sängerinnen am Start waren. Strozzis feinnerviger Virtuosität und Koloratur wurden sie stets im rhetorisch richtigen Moment mit perfekter Aussprache gerecht und hatten sichtbar Spaß an der Ausdeutung der hochpoetischen, nicht selten mit Witz versehenen Gesangstexte. Es stöhnte, litt in harmonisch gewagten Seufzerketten oder neckte mit Wortspielen wie Baci und Taci, nahm wildes Tempo auf, wenn es Verrat festzustellen galt.
Bilder von Artemisia Gentileschi
Die Verse stammten zum Großteil aus der Feder von Adoptivvater Giulio Strozzi, der Barbara förderte, die dennoch als freibestimmte Künstlerin das Leben einer Kurtisane führen musste. Das legen jedenfalls ihre vier Kinder nahe, die sie mit einem verheirateten Mann hatte. Sie selbst hat nie geheiratet. Im Verlauf des Programms kamen noch Gemälde von Artemisia Gentileschi ins Spiel. Die eine Generation vor Strozzis geborene Malerin zählte zu den wenigen etablierten Malerinnen Italiens und arbeitete unter anderem für die Medici in Florenz. Ihr Bildmanirismus fügte sich perfekt zu Strozzis Gesangkunst. Das Entrollen der Bilder von oben mit Knall durch den Künstlerischen Leiter Peter Reichelt hatte einen leicht komischen Effekt.
Das Rosauro-Ensemble – Preisträger beim letzten Ignaz-Franz-Biber-Wettbewerb in St Florian
Im Vorprogramm dieses Tages ließ sich das Rosauro-Ensemble mit jungen spanischen Musikerinnen hören, die sich beim Studium in Salzburg formiert haben. Mit einer Sopranistin und einem Counter sowie Barocktraverso, Violine, Viola da gamba und Cembalo besetzt, ließ das Ensemble im Schubertsaal Werke von Komponisten am habsburgischen Hof hören – Caldara, Conti und Fux – und zeigte erneut, dass das autistische Musizieren aus den Anfängen der Alten Musik ad acta gelegt ist und szenische Arbeit und Präsentation inzwischen mit zur historischen Aufführungspraxis zählen. Agnese Allegra und Alejandro López sangen, tanzten und spielten sich in die Herzen des Publikums. Das Ensemble mussten drei Zugaben geben.
Geschlechterrollenspiele
Die letzten beiden Tage verlagerte sich das Motto auf Geschlechterrollenspiel. Unter der Überschrift „Mit Damenbart & Hosenrolle“ präsentierten Dorothee Oberlinger und ihr 1700 Ensemble Bruno de Sà, einen männlichen Sopranisten. Diese Spezies ist ja immer eine Attraktion, zumal der gebürtige Brasilianer, geschminkt mit Bart, die Österreicher an ihren Grandprixgewinner Conchita Wurst erinnert haben dürfte. In lachsfarbenem Anzug mit fliegender Schärpe an derSchulter lieferte sich de Sà mit Oberlinger im schreienden Farbgegensatz – kardinalroter Overall – mehrmals einen Höhenwettbewerb mit absichtlich falschen Tönen auf der pfeifenden Sopraninblockflöte als Gag.
Das legendäre Resonanzen-Ess-Dur-Büffet

De Sà tanzte als Schmetterling durchs Publikum, bediente Vogelflöten und bestach ansonsten mit virtuoser Gurgel und Tiraden. Was eben am Habsburger Hof wirkende italienische Opernkomponisten, die natürlich für Kastraten komponierten, so abgeliefert haben. Von den Bononcinis, Porpora und, sie waren auch in England tätig, also auch von Händel. Der Ensembleklang war super, das Continuocello war vielleicht etwas wenig a point, und souverän perfekt wie immer Oberlinger auf ihrem Flötenarsenal. Ein wunderbar stimmungsvolles Siziliano gab es in dem für die Blockflöte bearbeiten Händelschen Orgelkonzert. Insgesamt war das aber ein berechnetes Programm zum aus dem Häuschen geraten, was das Wiener Publikum brav berechenbar auch befolgte. Zumal es bei bester Laune hinterher zum berühmten Resonanzen-Ess-Dur-Büffet an Stehtischen im Foyer ging.
L’Uomo Femmina – der Mannfrau oder die Fraumann?
Die konzertante Oper am letzten Festivaltag verhandelte dann das Geschlechterrollenspiel auf ganz anderem Niveau in einer komplett verkehrten Welt. Heißt, Baldassare Galuppis Dramma Giocoso L‘Uomo femmina spielt auf einer Insel, wo die Frauen die Hosen anhaben, viele Liebhaber pflegen und auf die Jagd gehen. Die Männer hingegen sitzen zu Hause, nähen Kleider und schminken sich. Zwei Schiffsbrüchige, angeschwemmte Männer, sorgen dann dafür, dass das Patriarchat wieder eingeführt wird. Aus Liebe versteht sich, geben die Frauen nach. Galuppi, auf der venezianischen Insel Burano geboren, sorgte mit L’uomo femina für einen originalen Resonanzen-Abschluss. Und natürlich baute il Buranello (Galuppi) die in Venedig so beliebte Mandoline in zwei herzzerreißenden Cavatinen ein. Das Libretto legte zwar nicht Carlo Goldoni vor, sondern ein Pietro Chiara, aber hier sicherlich auf der Höhe von Goldoni. Die unvermeidliche Richtigstellung im Lieto fine kommentiert er mit einem Zeigefinger. „Wer vernünftig ist und ein Gespür hat, versteht, was der Autor eigentlich gemeint hat!“ Das sind emanzipatorische Worte!
2014 entdeckt – 10 Jahre später auf der Opernbühne in Dijon
2014 entdeckte Vincent Dumestre die Partitur in Lissabon und arbeitete 10 Jahre daran, sie spielfertig auf die Bühne zu bringen. 2024 kam sie an der Oper in Dijon mit drei Vorstellungen raus. Jetzt erlebte sie die österreichische Erstaufführung. Und Poème Harmonique, eigentlich spezialisiert auf französische Oper und spanische Zarzuelas, ließ auch im italienischen Fach nichts zu wünschen übrig. Perfekt der Ensembleklang, gelungene Anschlüsse und Übergänge. Im Cello-Continuo auch mal eine mehrstimmige Begleitung und lange durchgehaltene Akkorde mit der zweiten Cellistin und dem Kontrabassisten im Verbund. Beschwingte Musik, geigengesteuert natürlich, mit gut getroffenen Tempi, ausgebildeten vorklassischen Elementen wie einfachen Liedmelodien und Dreiklangsbrechungen als Begleitung. Zwei Hörner melden sich auch mal im thematischen Einsatz, sowie zwei Oboen. Die Rezitative wirken nie steif, sondern fügten sich ins szenische Spiel.
Das Solistenensemble
Die meisten Solisten sangen auswendig. Angeführt von Eva Zaïcik als Inselkönigin Cretidea, Lucile Richardot, Alt, als Cretideas Vertraute Ramira, und Floriane Hasler als Hofdame Cassandra, die den gestrandeten Roberto als ihren Fund beansprucht. Marc Mauillon, Bariton, muss es mit zwei verliebten Chef-Frauen aufnehmen. Giannino, Robertos komischer Diener mit Tenor François Rougier besetzt, versucht ihn vor allem gegen die Anwandlungen von Anas Séguin zu schützen, der als Gelsomino die Männerrolle als Frau verteidigt. Am Ende wird Gelsomino in der verkehrten verkehrten Welt mit Haareabschneiden und Schminkverbot abgeurteilt, eine Höchststrafe. Herrlich, wie die Mannfrauen die Frauenmänner beschreiben und sich ihr hysterisches Verhalten nicht erklären können. Ebenso witzig das angeschwemmte Mannsperonal, das dümmlich auf seine Unwiderstehlichkeit pocht. Das waren insgesamt zwei vergnüglich Stunden auf höchstem musikalischen Niveau, die viel von der damaligen venezianischen Gesellschaft verrieten. Und es begeisterte die Wiener zudem, dass Poème in der Applausphase einen Starring mit Musikuntermalung aufzog. Diese Wiener Aufführung, wie auch die Resonanzen, wird in Erinnerung bleiben.
