Noch ist beim WDR Sinfonieorchester (WSO) ja Chef-Interim. Nächste Spielzeit hat Marie Jacquot dann das WDR-Sinfonieorchester-Geschehen als Chefin dauerhaft im Griff. Erstmals ist eine Frau auf einen der beiden höchsten Orchester-Posten nach Köln bestellt worden. Und nicht nur Köln freut sich über diesen Glücksgriff, der schon jetzt international ausstrahlt. In der Kölner Philharmonie demonstrierte Jacquot letzten Freitag und Samstag (14. und 15. November 2025) schon mal, was kreative Programmzusammenstellungen bei ihr bedeuten können! (Von Sabine Weber)
(15. November 2025, Kölner Philharmonie) Es ging mit einem Händel‘schen Orgelkonzert auf einer Truhenorgel und Kleinstorchesterbesetzung „barock“ los. Es folgte ein Orgelsolostück der gemäßigten Moderne, das die gewaltigen Philharmoniepfeifen in enorm rhythmisierte Schwingung brachte. Und in einer geplanten Zugaben improvisierte der Franzose aus dem Baskenland Thomas Ospital auf den drei Spieltischen der Philharmonieorgel über einen barocken Lamentobass sowie über das Thema aus dem dritten Satz der siebten Sinfonie Bruckners. Das war ein Wunsch von Jacquot an den Solisten, die sich zum Zuhören auch auf das Podium setzte. Diese kongenial fürs Publikum gebaute Überleitung zu eben dieser Sinfonie nach der Pause, wurde den meisten erst im dritten Satz klar.
… atemberaubende Klangsteigerung auf ganzer Linie
Und da war das Orchester in Großbesetzung mitsamt vier extra besetzten Wagnertuben auf dem Podium versammelt . Eine atemberaubende Klangsteigerung auf ganzer Linie war an diesem Abend zu erleben! Und jedes Werk ein Aha-Erlebnis in einer gewagten kompositorischen Zeitreise!
Viel zu selten im Orchesterkonzert zu hören! Die Orgel
Die großartige Klais-Philharmonie-Orgel ist viel zu selten in Orchesterkonzerten integriert. In Frankreich ist das Orgelspiel auf den vielen romantischen „Sinfonie-Orglen“ in den Kirchen sogar eine nationale Angelegenheit. Und französische Orgelkoryphäen schreiben auch bei uns Musikgeschichte. Unvergessen, wie im August der Titularorganist der Kathedrale Notre-Dame de la Treille in Lille im Kölner Dom Mussorgskys Bilder einer Ausstellung durch den neogotischen Kirchenhimmel am Hauptbahnhof schmetterte. Jetzt holte Marie Jacquot den Titularorganist der Saint Eustache Paris in die Philharmonie gleich nebenan. Aber Thomas Ospital verschwand erst einmal hinter einer Konzert-Truhenorgel – so groß dimensioniert wird eine Truhenorgel selten gesehen – wo er die vielen unbegleiteten und virtuosen Soli impeccable wiedergab. Die hatte sich Händel nämlich selbst in die Finger geschrieben. Das Konzert F-Dur für Orgel und Orchester op. 4,4 HWV 292 verwendete Händel nämlich nachweislich als Zwischenmusik in seinen Opernaufführungen. Die Londoner liebten solche Sperenzchen. Händel konnte dem Erfolg seiner finanziell stets krisösen Opernunternehmen so unter die Arme greifen.
Kleinst dimensioniert
Das Opernorchester war zu Händels Zeiten aus Kostengründen meist kleinst dimensioniert. Wiewohl muss doch alles ineinandergreifen. Das also auch klein besetzte WSO mit jeweils vier ersten und zweiten Geigen, drei Bratschen sowie Kontrabass, zwei Celli, zwei Oboen und Fagott fügte über weite Strecken Themen im Unisono hinzu, traf den barocken Tonfall in passender Dynamik, hätte aber doch in seinen Artikulationen und Phrasenabschlüssen akkurater und expressiver sein können. Thomas Ospital artikulierte stets schön phrasierend. Jacquot beließ es mehr oder weniger bei den Einsätzen – ohne Taktstock in der Hand. Damals wurden solche Konzerte ja auch nicht „dirigiert“!
… ein mit Synkopen und Gegenrhythmen gespickter Orgelritt
Die Litanies von Jehan Alain, einem französischen Organistenkomponist in der Nachfolge von Louis Vierne, der leider auf dem Kriegsschauplatz des Zweiten Weltkriegs sein Leben ließ, riss das Publikum in einen Sog. Dank eines mit Synkopen und Gegenrhythmen gespickten Ritts und Klangfarbenmischungen mittels der drei Spieltische auf dem Podium stand. Erstaunlich, wie die Registrierung der Philharmonieorgel automatisch, also vorprogrammiert die weißen Knöpfe rechts und links am Spieltisch wie von Geisterhand bediente. Viel zu schnell war dieses begeisternd-geisterhafte Stück zu Ende, worauf sich Ospital aber sofort wieder an den per Glasfaserkabel übertragenden Spieltisch setzte und über den Lamentobass querständig oder im off-Mode zu improvisierte und ein weiteres Thema einführte, das bekannt schien und doch erstmal nicht zuordbar war. Irgendwie erinnerte es an Saint-Saens Danse macabre. Bestens gelaunt stürmte das Publikum in die zweite Hälfte, um sich von Anton Bruckner mitnehmen zu lassen und das Thema der Improvisation im Scherzo wieder zu erkennen.
Wagnertuben-Tuba-Quintett in Bruckners Siebter
Ein Prof an der Musikhochschule in Köln hat in einem Seminar die Sinfonien von Bruckner mit vorbeiziehenden Landschaften während einer Fahrt im Mercedes beschrieben. (Bei Beethoven ging der Mercedes, so der Prof, immer kaputt!) Genauso fühlte es sich bei dieser Siebten an. Nach François Xavier Roths Brucknergesamteinspielung mit dem Gürzenich Orchester meint man sie zu kennen. Und doch war es hier wieder ganz anders. Wunderbar, dass die Wagnertuben eigens besetzt im Philharmonierund hinten in der Mitte neben der Tuba saßen. Im Quintett – mit der Tuba – kamen wunderbare kammermusikalische Stellen zur Geltung. Normalerweise wechseln ja die Hornisten auf dies Wagnertuben. Die saßen jetzt links als eigene Fraktion.
Kurz gesagt, das WDR Sinfonieorchester ließ ab der zauberhaften Cellomelodie gleich zu Anfang einfach nichts zu wünschen übrig. Marie Jacquot dirigierte fokussiert und gestaltete ganz natürlich und ohne je selbstbezogen zu zelebrieren. Phrasen hauchten ihr Leben in unerhörtem pianissimo aus. Einfach die Augen schließen und hörend sehen und das ganze Konzert im besten Sinne des Wortes „genießen…!“