Peter Ronnefeld? Nie gehört! Dessen Oper „Ameise“, an der Oper am Rhein in Düsseldorf unter Ronnefelds Leitung 1961 uraufgeführt, soll eine heftige Schlacht zwischen Pfiffen, Buh- und Bravorufen gewesen sein. Vier Jahre später war die Opernkarriere schon am Ende. Ronnefeld starb 1965 mit nur 30 Jahren. Das Theater Bonn zeigt, wie genial der Opernkomponist Ronnefeld war. Und dass er mit Librettist Richard Bletschacher Absurdes, Groteskes, Komödiantisches, Lyrisches und Tragisches unter Beteiligung eines großen Chores elegant in einen Ablauf bringt. Große Koloratur verbindet sich mit Clusterflächen und musikalischem Witz. Wenn beispielsweise eine Arie mit Tuba und Kastagnetten oder ein 12tönigen Boogie-Woogie-Blues serviert wird. Pralles Theater vom Feinsten. (Von Sabine Weber)
(14. Dezember 2025, Theater Bonn) Vor allem als Dirigent war Peter Ronnefeld, Jahrgang 1935, schon sehr weit oben angekommen. Als Korrepetitor und Assistent von Herbert von Karajan hat er in Wien 1953 begonnen. „Der wird der nächste Karajan“, hieß es bald. Er wird Chefdirigent in Bonn, das aktuelle Theater-Opernhaus gab es noch nicht, wird 1963 als jüngster Generalmusikdirektor der Republik nach Kiel berufen. Zwei Jahre zuvor war die Oper Die Ameise in Düsseldorf uraufgeführt worden.
Ein „Kannalles“ mit Witz
Ronnefeld war außerdem ein virtuoser Tastenspieler. Er konnte alles vom Blatt. Und war, man glaubt es kaum, in seiner Wiener Zeit sogar der erste Cembalist im Concentus Musicus, weil Nikolaus Harnoncourt der Atem stockte, als Ronnefeld das 5. Brandenburgische vom Blatt fegte. Beeindruckt war Harnoncourt schon von der ersten Begegnung wegen eines Mozart-ähnlichen Haaransatzes im Profil. Das wie immer großartig aufbereitete Bonner Programmbuch zur Focus-33-Wiederentdeckung des Genies Ronnefeld druckt nicht nur das Libretto ab, liefert wichtige Interviews zur Person, sondern zeigt auch Mozarts und Ronnefelds Profilbild in der Gegenüberstellung. Verblüffend. Ronnefeld war also ein „Kannalles“ – wie wir in Köln sagen – und hat auch Galgenhumor besessen. Thomas Bernhard, mit dem er engen Kontakt pflegte, schrieb er, „stell Dir vor, ich wollte gerade den Krebs (Helmut Krebs, Oratoriensänger) engagieren, weil ich ihn für eine Johannespassion brauche, und der Arzt, bei dem ich am Vormittag war, sagte, ich habe ihn schon…“
Was sich Ronnefeld in dieser Ameise betitelten Traum-Vision-Oper stilistisch alles leistet, geht auf keine Kuhhaut. Und doch ufert nichts aus, führt nichts ins Leere, ist jeder Moment mit Kalkül berechnet. Ein dreizeiliger Witz ist übriges der Nukleus der Handlung. Hier sollte ganz bewusst eine nicht intellektuell gebrandete Anti-Literarturoper entstehen. Was nicht heißt, dass es hier keine Tiefe gibt. Im Gegenteil. Da ist es musikalisch 12tönig (Ronnefeld hat bei Boris Blacher studiert), klingt dennoch tonal oder jazzig. Einmal hört man Carmina Burana, dann ein Zitat von Strawinsky aus dem Feuervogel.
Umwerfend! Nicole Wacker aus dem Bonner Ensemble
Es gibt einen Bachischen Blechchoral, wenn Formica, sowohl in der Koloratur wie im Spiel einfach umwerfend Nicole Wacker, seit letzter Spielzeit im Bonner Ensemble, ihre Geschichte erzählt. Oder sich mit der Mutter zu einem der rein instrumentalen Zwischenspiele ein wort-und-gesangloses Mutter-Tochter-Duell leistet. Formica (italienisch: Ameise) steht leibhaftig auf der Bühne. Als Tochter will sie nicht zum Gesangslehrer und hält sich am Plüschtier fest. Die Mutter mit Zigarettenspitze befielt. Erst wird um einen Koffer gestritten. Wenn die Streicher einsetzen, werfen sie sich wieder in die Arme. Einmal darf Wacker eine Vokalise aus dem Off präsentieren, während Salvatore rekapituliert.
- Ein Mann sitzt im Lokal, eine Ameise kommt auf seinen Tisch gekrochen und kann plötzlich singen. Da ruft der Mann den Ober und sagt; „Gucken Sie mal, hier ist eine Ameise die sprechen kann“. Da sagt der Ober, „Ach Verzeihung“, nimmt sein Tuch, wischt sie weg und tritt sie tot… Angeblich hat Ronnefeld diesen Witz von einem Amerikaner gehört.
Regisseurin Kateryna Sokolova erfindet durchweg, hier darf es gesagt werden, kongeniale Bilder zur Musik und deutet aus. Denn vieles steckt nur in der Musik. Zwei Pausenclowns bauen mit wenigen Requisiten um und tanzen durchs Bild. Und es verwundert nicht, dass Formica und ihr Koffer im letzten Bild wieder auftauchen. Die Varieté-Unterhaltungsmusik im Finale, unter Beteiligung aller auf der Bühne – es gibt sogar Saxophoneinsätze und ein Trommelsolo im Finale – hat Drive. Der Sekundenmoment mit der die Ameise, die Salvatore als seinen Lebensinhalt zwischen immer spitzen Fingern begutachtet und nur auf der Fingerspitze präsentiert, bekommt absurde Fallhöhe.
Männliche Hybris spielt rein
Und welcher Traum wird da zerstört? Der von der künstlerischen Erfüllung eines Pädagogenlebens, das sogar einer stimmbandlosen Ameise das Singen beibringt? Eines Mannes, der durch eine junge Frau eine Frischzellenkur bekommt, ohne sie anzurühren? „Du bist mein Geschöpf“! Männliche Hybris spielt also auch ordentlich rein. Übrigens erinnert Formica mit ihren Koloraturen durchaus an Olympia aus Offenbachs Contes d’Hoffmann.
„Wir … können uns ein Urteil erlauben!“
Die Handlung ist als Spirale konzipiert, die sich nicht chronologisch windet, sondern von einer großen Gerichtsszene mit Chor ausgeht, und im Finale in der großen Theaterszene ankommt. „Wir besuchen regelmäßig Prozesse und können uns ein Urteil erlauben!“ heißt es im ersten Akt. Im letzten, vierten wird die Aussage aufs Theaterbesuchen gemünzt. Diese Kritik wirkt absurd. Aber was wirft in diesem absurd-fantastischen Theater eigentlich wirklich Fragen auf? Die Handlung in Rückblenden erzählt, gibt dennoch zu denken.
Dietrich Henschel, einmal mehr großartig!
Vor allem Salvatore. Von Bariton Dietrich Henschel interpretiert, gespielt, gesungen, hält er den Wahnsinn eines alternden Gesangslehrers zwischen Realität und Traum ziemlich lange szenensicher in der Schwebe. In Bonn hat Henschel zuletzt in Schönbergs Moses und Aron seine Bühnenpräsenz unter Beweis gestellt, auch seinetwegen zur besten Jahresproduktion der Opernwelt gekürt. Nur mit den Fingern nestelt er vor seinem Gesicht und macht die Ameise gestisch präsent! Ob Salvatore die Gesangsschülerin erwürgt hat, die als Ameise in seinen Händen wiederersteht, wird nicht bewiesen. In diesem kafkaesken Prozess gibt es ohne Schuldspruch Gefängnis. Oder schließt der Wahn ein…? Da wüsste man schon gern mehr über den Hintergrund. Gab es im Fokus Ronnefelds eine Referenz für einen solchen Schuldspruch? Man weiß es nicht…
Die ehrgeizige Mutter
Mit einem eigenartigen Dreitonmotiv hoch und runter, bei der Wiederholung in Ganztönen ausgeweitet und weitergeführt, begleitet Ronnefeld Salvatore und sein Drama. Es beleuchtet nebenbei Me-too von anderer Seite, was eine ehrgeizige Mutter ins Spiel bringt. Sopranistin Susanne Blattert soll mit dem Sohn von Ronnefeld übrigens zusammen studiert haben, wie der Verwalter des Ronnefeld-senior-Nachlasses Werner Grünzweig von der Akademie der Künste in Berlin vor der Premiere verrät.
Prekäre Reißverschlussszene
Als aufgetakelte Lady in grell-gelb (Kostüme, geschmacks- und fantasievoll: Constanza Meza_Lophandia) will sie ihre Tochter namens Formica bei Salvatore zur Ausbildung nicht nur unterbringen, sondern sie auch mit unzweifelhaften Kommentaren drei Jahre lang bei ihm wohnen lassen. Und die junge Formica (italienisch für Ameise) hat ihn auch über den pädagogischen Eros hinweg mit Lebenskraft versorgt. Wobei Salvatore, sie nicht leiblich angefasst hat, wie eine prekäre Reißverschlussszene nahelegt, die er zwei lustigen Gefängnisinsassen erzählt, die zuvor mit grotesken Liebesgeschichten – ohne Liebe, wie Salvatore meint – aufgewartet haben. Sehr komödiantisch in Panzerknackerstreifen gerierten sich Carl Rumstadt und Tae Hwan Yun. Und weil Salvatore die Finger von der Dame gelassen hätte, gebühre ihm eigentlich lebenslänglich.
Die Bühne von Nikolaus Webern: ein Hör- oder Gerichtssaal
Die Bühne hat Nikolaus Webern als einen holzvertäfelten Hör-Gerichtssaal mit aufsteigenden Sitztribünen rechts und links gestaltet. Durch Lichterbögen wird er zu einem Varietétheater. Die Staatsanwältin, in bieder-kariert mit Dutt zu Anfang, in sexy Dompteurinnendress mit Zylinder im letzten Akt, schwingt beide Male die Lederpeitsche (eine Sprechrolle: Svenja Wasser). Der Chor des Bonner Theaters tritt beide Male grotesk kostümiert mit schwarzen Zylindern auf und erinnern an Clowns oder Otto-Dix-Figuren. Sie beleben die erste und letzte Szene tumultuarisch, mischen sich in das Verhör mit Kommentaren ein, werfen Papierkügelchen. Und liefern auch aus dem Off mal Soundkulissen.
Regisseurin Kateryna Sokolova
Regisseurin Kateryna Sokolova, deren Namen wir hier zum ersten Mal hören, lässt alles in einer deutungsoffenen Schwebe, bebildert aber die Rückblenden durchaus mit Interpretationen. Da wird Salvatores Wohnung mit einem Kamin oder eine Säule, aus schwarzgrauem Pappmaschee aus dem Schnürboden gelassen, eingerichtet oder ein Flügel hineingeschoben. Salvatores Gefängnis wird übrigens nur durch eine heruntergelassene, mit Licht durchzogene Gitterwand angedeutet und mit Schattenspiel ausgeleuchtet. Eine Grenze zwischen Erinnerung und Traumvision. Irgendwann soll Salvatore entlassen werden und klammert sich an eine tatsächliche Gitterwand, die hochfährt und er wieder runterzieht. Mit akrobatischem Einsatz!
Noch zu erwähnen…
Zu erwähnen wäre in dieser prallen Bühnenshow noch Ronald Silbernagel als Gefängnisgeistlicher oder Wärter, der Salvatore die Ameise abspenstig machen will, um sie in seinem Insektarium aufzuspießen. Und der Diener alias Ralf Rachbauer, der sich mit Staubwedel durchs Bild bewegt.
Das Bonner Beethovenorchester Daniel Johannes Mayr
Zur prallen Bühnenshow gehört unbedingt das Bonner Beethovenorchester unter Daniel Johannes Mayr, das viele solistische Einlagen zuliefert. Kleine Wackler werden in solch heiklen Missionen sofort verziehen. Das Klarinettensolo im letzten Akt ist purer Wahnsinn. Unbedingt erwähnt werden muss noch das Tubasolo mit Kastagnettengeklapper, das Mark Morouse als Professor Mezzacroce begleitet, der als Zeuge seinen Kollegen Salvatore entlastet und sich selbst belastet, ohne dass das irgendwelche Konsequenzen hätte. Absurdes Theater vom Feinsten, das die Bonner und nicht nur die Bonner zu Begeisterungsstürmen angeregt hat. Im Publikum saßen Ronnefelds Tochter und ihre Tochter, Ronnefelds Enkelin, die eigens eingeladen und aus Kopenhagen angereist sind, um nach mehr als 50 Jahren die Wiederentdeckung der Ameise mitzuerleben…
