Händelfestspiele Karlsruhe: Rampensingen im Galopp – Tamerlano beeindruckt mit virtuellen Bühnenbild

Kobie van Rensburg ist ein Regisseur, der auch mal was wagt. Beispielsweise eine inszenierte Johannespassion 2018 in Soweto, die er in einem Brennpunktgebiet als Anti-Gewaltkur mit südafrikanischen Musikern umsetzt. In Karlsruhe eröffnete van Rensburg jetzt die Händelfestspiele mit „Tamerlano“ in einem virtuellen Bühnenbildexperiment, das das mimische Spiel der Sänger bis in die letzten Publikumsreihen projiziert. Das Freiburger Barockorchester, geleitet vom 79-jährigen René Jacobs, füllte den Orchestergraben und erfüllte – wie die sechs Sängersolisten – alle Erwartungen. (Von Sabine Weber)

(20. Februar 2026, Badisches Staatstheater Karlsruhe) Musikalisch war die Eröffnungspremiere der 49. Karlsruher Tamerlano erste Sahne. Wie bei René Jacobs, der allerdings auf seinen Platz fast getragen werden musste, und dem Freiburger Barockorchester nicht anders zu erwarten. Schließlich arbeiten sie seit Jahrzehnten in Sachen historisch informierter Oper zusammen und waren mit der konzertanten Tamerlano-Produktion mit fast demselben Sängercast letztes Jahr unterwegs.

Sechs wunderbare Händel-Solisten

Der ließ nichts zu wünschen übrig, stimmlich, physisch und auch optisch im Kostüm war der perfekt. Counter Christophe Dumeaux in der Titelrolle des siegreichen Mongolenfürsten war nicht nur spielwütig und zog in einer Trinkszene singend mal nebenbei mit den Zähnen einen Flacon von der Flasche. Er war auch koloraturstark.  Bariton Thomas Walker als besiegter Osmanensultan Bayazet, grummelte und tobte, wagte aber auch atemberaubende piano-Passagen. Bayazets Tochter Asteria ist mit Mari Eriksmoens glasklarem Sopran und auch mit einer Leinwandschönheit besetzt. In sie verliebt sich Tamerlano. Und bringt damit Bayazet, ihren Geliebten Andronico sowie sie selbst in Schwierigkeiten. Andronico, mit Alexander Chance besetzt, hat sich in den Fussstapfen seines Vaters inzwischen zu einem veritablen Counter mit ausgeglichenen Timbre und Stahlkraft durch alle Register, aber auch Einfühlung, entwickelt. (Siehe auch zur Mitwirkung im Dunedin Consort klassikfavori Artikel) Chance meisterte Herausforderungen spielerisch und lieferte auch ein verzweifeltes Lamento vor einer der beiden Pausen. Sein Mitstreiter Leone und die rechtmäßige Tamerlano-Braut Irene, die dazwischenfunkt, waren mit Bassbariton Matthias Winckhler und Mezzo Kristina Hammarström ebenso erstklassig besetzt. Die beiden setzte van Rensburgs Regie einmal in eine köstliche komisch inszenierte Liebeslektion mit (sic) Teppichklopfer.

Das Zauberwort dieser Inszenierung hieß natürlich „Blue Screen“

In sogenannten virtuellen Fernsehstudios wird schon seit Jahren nicht real Vorhandenes auf lichtneutrale Matrixraster projiziert. Und auch Menschen können aus dem leeren Raum in „was auch immer für Umgebungen“ versetzt werden. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann dieses Verfahren die Oper erobert. Kobie van Rensburg, auch verantwortlich für Kostüme und die Videos, dürfte hier mit drei Kameras an der Rampe auf der Karlsruher Bühne einer der ersten sein.

Im Film: Mari Eriksmoen, Christophe Dumaux, Thomas Walker; Unten: Mari Eriksmoen, Christophe Dumaux, Thomas Walker, Kristina Hammarström, Statisterie des Badischen Staatstheaters, Alexander Chance. Foto: Felix Grünschloß
Arie im gestreckten Galopp und auf fliegendem Teppich
Alexander Chance. Bild: Felix Grünschloss

Der kobaltblaue „Blue Screen“ war auf der Karlsruher Bühne eine Leinwand im oberen Zweidrittel, die sich mit Film füllte. Da wurden die im unteren Drittel ohne Szene pur agierenden Solisten und Statisten in die virtuelle orientalische Palastszenerie versetzt. Mit Kuppeln, Türmchen, Arkaden, Wasserbecken, im Mondlicht oder Wolkenmeer, mit Kerzenlicht oder Palmendekor. Alles schwarz-weiß, was einen historischen Touch hatte. Die Solisten mussten sich vor Orientierungsstäbe stellen oder mit der Hand auf einen Knauf fassen, damit sie im virtuellen Bild nicht neben dem Boot durchs Bild segelten, angeflogene Schmetterlinge auf der Hand landeten oder im Streitwagen mittig gestanden wurde. Das gelang technisch problemlos, verlangte den Solisten sicherlich einiges ab. Denn sie sahen und fühlten sich ja nicht in den Filmszenen. Zwei kobaltblaue Ganzkörper-Gestalten, film-neutral, stellten auf und um, was auch relativ störungsfrei passierte. So wurden Arien im gestreckten Galopp im Streitwagen möglich oder Duette auf Elefanten ausgeritten, ein fliegender Teppich raste mit Irene durch Fassadenfluchten, Bayazet wütet vor Folterkammer oder wird von Nebelrauch und Horrorgestalten mit Turban als bösen Furien umweht.

Keine politische Tyrannenkritik

Wie die beiden historischen Gewaltherrscher Timur Lenk und Bayazet aus dem frühen 13. Jahrhundert sowohl auf der Schauspiel- wie Opernbühne zu begehrten Helden werden konnten, in Vers, zu Text und Libretti geschmiedet, darüber könnte Stefanie Twiehaus, Dramaturgin des Hauses, bestimmt eine Abhandlung verfassen. Im Barockzeitalter hatte das wenig mit politischer Tyrannenkritik zu tun, wie sie beispielsweise Olga Neuwirth in ihrer jüngsten Oper Monster’s Paradise Anfang Februar 2026 möglich machte. Tobias Kratzer inszeniert in Hamburg eine Anti-Trump-Oper.

Heirat ist keine Lust und Liebe sorgt für Verwicklungen

Bei Georg Friedrich Händel geht es wie in jeder seiner historischen Oper allenfalls um historisches Kolorit und darum, dass in Herrscherhäusern Heirat keine Lust und wahre Liebe noch lange keine Lizenz für gelungene Beziehungen ist, sondern für Missverständnisse und schönste Verwicklungen sorgt.

Tamerlano in Karslruhe ein Gefühlskrimi

Genau darum geht es in dieser von Händel in Details auskomponierten Auseinandersetzungen, die auf dem Barockopernpodium ihresgleichen suchen dürfte. Gefühlsüberschüsse und -regungen, Verzweiflung, Wut und Deprimiertheit und die Wirkung auf andere werden in Rezitativen ausgekostet, die in dieser Produktion wirklich an lebensechte Dispute heranreichen. Dazu lieferte Rensburgs „Blue Screen“ mit Kamera im Gesicht auch die kongeniale Regieform. Jede Regung spiegelte sich in den Gesichtern fast wie in früheren Stummfilmen wider. Die Solisten waren auch in der Lage, ihr Spiel in die drei Kameras am Bühnenrand zu fokussieren.

Virtuelle Bühnenherausforderungen der Zukunft

Bemerkenswert ist, wie der Film verstärkt, was szenisch, jedenfalls das, was man im unteren Drittel dieser Inszenierung aus der achten Reihe sehen konnte, als kaum bühnenwirksam und theatral bezeichnen konnte. Ist das die Bühnenherausforderung der Zukunft, mit aufgerissenen Augen in die Kamera zu singen? Auf jeden Fall verfliegen die vier Stunden im Flug, Es wird über filmische Tiger geschmunzelt, die den Rücken des Sängers kratzen, weil er über wie Tiger gefährliche hinterhältige Geliebte schimpft und den ein oder anderen hineinprojizierten Regieeinfall im Bild – und genießt vor allem eine perfekte Händelmusik. Zu erwähnen wären noch die Statisten, die vier Wächterinnen Tamerlanos beispielsweise, die als atomicblond weibliche Ninjas auch im Chor tanzen. (Statisterie: Oliver Reichenbacher)

Eröffnungspremiere eine Sängerfest mit mimischer Höchstleistung

Die Eröffnung dieser Händelfestspiele darf als ein Sängerfest mit mimischer Höchstleistung eingehen, auch wenn der „Blue Screen“ offenkundig Akustik schluckte. Das Sängervolumen schien durch die Öffnung im unteren Drittel nach hinten zu verpuffen. Da gibt es noch Kinderkrankheiten. Weil die Solisten aber allesamt vorbildlich artikulierten und stimmlich gestalteten, hörte man sich in die feine „Leisigkeit“ ein. Das Freiburger Barockorchester im Graben war zwar etwas dick besetzt, schmiegte sich aber in der Dynamik wie im Timing perfekt an die Solisten an. Übergänge, Tempowechsel und dynamische Gestaltung, alles gelang. Und der vierstündige Gefühlskrimi blieb durch die filmische Macht spannend und lebendig und war keine Minute langweilig. Die empfehlenswerte Produktion wird übrigens nächstes Jahr nicht wie sonst üblich wieder aufgenommen. Heute, am Sonntag den 22. Februar 2026, gibt es die nächste Vorstellung, die leider ausverkauft ist. Aber es gibt noch für die folgende Woche Karten!

Weitere Tamerlano-Termine hier . Die Wiederaufnahme-Termine von Rinaldo. Weitere Informationen über das Karlsruher Händelfest

 

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