Wagner wird am Rhein einmal mehr historisch informiert unsterblich! Vom Rhein ist des öfteren auch die Rede in Richard Wagners „Götterdämmerung“. Also kommt die Tournee mit Concerto Köln und dem Dresdner Festspielorchester irgendwie zuhause an. Begonnen hat sie bei den Dresdener Festspielwochen vor drei Wochen. Sie ging nach Bayreuth in den neu errichteten Konzertsaal und in die Elphi in Hamburg. Die Gibichungen, Gunther, Schwester Gutrune und Berater Hagen, um die sich die Handlung dreht, residieren natürlich am Rhein. Wo Siegfried seine „Heilige Braut“ genau zurückgelassen hat, wird nicht gesagt. Er rudert gegen den Strom zu der Gibichungen-Burg, so heißt es im Libretto. (Als Ruderin weiß frau, was gegen den Strom auf dem Rhein anzukämpfen heißt!) Brünnhilde wartet derweil auf dem „Brünnhildefelsen“ minniglich glücklich auf die Rückkehr ihres furchtlosen Helden. Beide ahnen noch nicht, dass durch Zaubertrankbetrug Siegfried sie vergisst, er Gunthers Schwester Gutrune heiratet und Brünnhilde an Gunther verschachert. Alles minutiös eingefädelt von Hagen, der an den Ring kommen will, aber zum Weltuntergang führt. (Von Sabine Weber)
(4. Juni 2026, Kölner Philharmonie) Es war angekündigt! Drei Stierhörner blasen im letzten Aufzug von hinten in den Saal. Eines direkt hinter uns so laut, dass man gefühlt eine ausgelöste Alarmanlage hörte. Archaische Stierhörner fordert Richard Wagner. Und sie sind für diesen ersten historisch informiert aufgeführten Ring des Nibelungen unter Kent Nagano nachgebaut worden. (Siehe Klassikfavori-podcast; Bilder vom Stierhorn hier) Wie auch die sanfter klingende Altoboe, weil es das Englischhorn noch nicht gab. Und wahrscheinlich sind auch die Klarinetten eigens für diese Aufführung nachgebaut worden. Das Orchester spielt in historischen 435 Hz.
Wenig historisch Überraschendes
Insgesamt gibt es bei der Götterdämmerung aber wenig historisch Überraschendes. Auch sind kaum mehr Concerto-Köln-Spieler auszumachen. Concerto Köln hatte ursprünglich Kent Nagano für die Umsetzung des ersten historischen Wagner-Rings gewonnen und hat 2021 mit dem Rheingold und neuen Wagner-Lesarten die Wagner-Welt in Staunen versetzt. (siehe im Vergleich Klassikfavori-Artikel) Das Dresdner Festspielorchester kam als wichtiger Kooperationspartner dazu. Das Projekt wurde 2023 mit der Walküre in The Wagner-Cycles umgetauft. Und es hat den Anschein, dass die Dresdner, immerhin auch die größten Geldgeber, komplett übernommen haben. Oder erkennt man die Concerto-Köln-Player nicht mehr, weil inzwischen die dritte Generation am Start ist? Concerto Köln feierte letztes Jahr ja sein 40jähriges Bestehen. Insgesamt klingt das Orchester zu laut. Die Partitur der Götterdämmerung ist allerdings auch extrem dicht gewebt, alle Motive scheinen gleichzeitig zu arbeiten. Sie ist sicherlich die reichhaltigste und spannendste des Rings, damit für die Sänger aber auch gefährlichste. Denn die dürften nicht zugedeckt werden, was doch einige Male passiert.
Wagner-Sänger „erzählen“!
Dies zum Trotz ist man nach den fünf Stunden, inklusive zweier Pausen natürlich, wieder schweißgebadet. Ob der widerlichen Intrigen mitsamt fatalen Folgen, denen Wagner emotional so viele Facetten beimischt, das jeder betroffen sein kann. Keine Minute ist langweilig. Wozu auch die gekonnt halbszenische Aufführung (Regiesseur*in wird nicht genannt) beiträgt. Alle bis auf Brünnhilde singen auswendig. Die Sänger, wenn sie singen, erzählen ohnehin zumeist Geschichten aus der Vorvergangenheit des Geschehens, was Vorstellungskraft erfordert.
Sänger-Cast vorzüglich
Der Sängercast ist wieder vorzüglich. Unter den drei Nornen zu Anfang beeindruckt Jasmin Etminian mit warm strömender Altkraft. Olivia Vermeulen klärt in bewegendem Soprangesang als Walküren-Schwester Waltraute Brünnhilde über die desolat-depressive Verfassung Wotans auf, was wirklich erschüttert. Die Götter dämmern… Am Ende brennt ja auch die „Hütte“. Bassbariton Johannes Kammler verkörpert den elegant-schmierig Gibichungen-Chef Gunther, der bei der kleinsten Irritierung fassungslos einbricht. Großer Gewinner ist einmal mehr Patrick Zielke als Hagen, der schon den Hunding in der Walküre gegeben hat. Zielke hat enormes Bassvolumen, spricht und artikuliert dennoch völlig natürlich. Maniriert proletarisch, mit den Händen in der Tasche tritt er auf, popelt sogar in der Nase und füllt dennoch sofort seinen Platz dämonisch aus. Er bannt minutenlang stillstehend den Saal nur mit Blicken, während hinter ihm das Orchester gefährlich tobt. (Siehe auch Klassikfavori-Artikel über Zielke als Godunov in Mannheim)
Young Woo Kim – ein (neuer) Wagner-Heldentenor!
Daniel Schmutzhard ist als Alberich wieder mit dabei, tritt im ersten und letzten Aufzug in Erscheinung, singt aber nur im zweiten. Die große Entdeckung aber ist Young Woo Kim als Siegfried. Wie er im letzten Aufzug Siegfrieds Erzählung bei stetigem Wohllaut dynamisch ausfeilt, kündigt einen (neuen) Bayreuth-Siegfried an. Auch sonst mit überragendem Ton auffallend, darf sich das Kölner Opernensemble glücklich schätzen, ihn im Team zu haben. Bayreuth-Sänger und Heldenbariton Samuel Youn – damals auch im Kölner Ensemble – schleuste ihn als blutjungen Koreaner über eine koreanische Stiftung ins Kölner Opernstudio. Unter der damaligen Intendantin Birgit Meyer gab es eine Kooperation mit einem koreanischen Sponsor. Young Woo Kim hat seine Chance genutzt. (Siehe hierzu Klassikfavori-Gespräch mit Samuel Youn)
Åsa Jäger als Brünnhilde
Die Kölner Oper hat also für ihren derzeit in Arbeit befindlichen Ring einen Siegfried im Haus. In Bezug auf die anderen Protagonisten wird man sich anstrengen müssen, um mitzuhalten. Unbedingt erwähnt werden muss noch die Schwedin Åsa Jäger als Brünnhilde. Kent Naganos Entdeckung und blutjung, legt sie große Kraft und Ausdruck in die Aufführung. Man ist fast bang ob ihrer Stimme, der so früh solche Kraftakte zugemutet werden. Sie war wohl auch aufgeregt, sodass sie als einzige vom Tablet sang. Das machte sie aber äußerst geschickt, manövrierte nebenbei und stellte unaufgeregt auf. Der Kontakt zur Szene und zum Publikum riss dadurch nie ab.
Erstaunlich normal
Das Orchester klang im Vergleich zu den vorherigen Teilen eher normal, wie Wagner eben klingt. Vielleicht vieles auch ein bisschen zu schnell. Das Programmheft, zur Siegfried-Aufführung letztes Jahr übervoll mit Kommentaren und Entdeckungen, ist dieses mal karg nur mit Handlungszusammenfassung und wenig mehr gefüllt. Über historische Entdeckungen wird kein Wort verloren. Überzeugend waren einige Saaleffekte wie die erwähnten drei Stierhörner, das Singen mit Flüstertüte (siehe die Klassikfavori-Artikel über Rheingold, Walküre und Siegfried-podcast). Oder die beiden Harfen von ganz oben hinten. Im Publikum saßen einige Spanier. Ab der nächsten Spielzeit ist Kent Nagano Chef des spanischen Nationalorchesters in Madrid. Erstaunlich, wieviel Kraft dieser kleine, schmächtige und reichlich betagte Mann noch hat. Am 31. Juli reist die Götterdämmerung mit Ihm nach Ravello bei Neapel, im September aufs Luzern-Festival sowie nach Paris. Nächstes Jahr wird aufgenommen. Und 2027 ist im Mai auch eine Shanghai-Tournee geplant…