Fritjof – ein Mannsname betitelt am Aalto eine der ersten feministischen Frauenopern von Elfrida Andrée und Selma Lagerlöf

Der Weltfrauentag wäre ohne das Aalto-Theater sang- und klanglos verstrichen! Die szenische Uraufführung von „Fritjof“ hätte eigentlich in „Ingeborg-Saga“ umgetauft werden müssen, denn es geht um diese Frau. Am 7. Februar 2026 war, richtig: die Uraufführung! 1895 vollendete die Schwedin Elfrida Andrée die klassisch-romantische Partitur, die nie eine szenische Aufführung erlebte! Die Repertoire-Aufführung am 8. März bewies, was für eine Ausgrabung dem Aalto-Theater gelungen ist. Und faszinierte mit einer kammermusikalisch verästelten Musik, die nebst volkstümlichen Einsprengseln in Ballade mit rauschendem „Wagner“-Aplomb aufwartete. Diese Musik „kann man haben“, wie eine Dame hinter mir treffend feststellte. Und was hätte diese Frau noch alles komponiert, hätte Sie nicht so viel Zeit in die Frauenbewegung stecken müssen. (Von Sabine Weber)

(8. März 2026, Aalto-Theater Essen) Das war leider nötig, damit Elfrida Andrée erste Organistin am Göteborger Dom werden konnte, sozusagen erste Domorganistin in Schweden, wahrscheinlich auf der Welt. Hatte sie doch schon das erste Orgeldamen-Examen absolvieren dürfen und schloss eine Telegrafie-Ausbildung gleich noch an, zu der bisher auch nur Männer zugelassen waren. Elfrida Andrée war eine Pionierin, setzte sich fürs Frauenwahlrecht ein und tat sich mit der ersten Nobelpreisträgerin für Literatur, der Schwedin Selma Lagerlöf zusammen, um ihre erste und einzige Oper zu komponieren. Lagerlöf das Libretto, sie die Musik. (Mit Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth gibt es sogar ein weibliches Nachfolge-Duo!).

Sagenstoff

Der Stoff entstammt der Fritjof-Saga, einer Art National-Epos der Schweden. Ein wilder Wikinger randaliert, weil er seine Jugendliebe Ingeborg nicht bekommt. Die wird als Königstochter vom Bruder Helge, der leider gerade eine Schlacht gegen König Ring verloren hat, an eben diesen verschachert. Nur damit er seinen Thron behält. Da kann ein Wikinger schon auffahren. Und Fritjof lässt auch nicht locker.

Bomben-Detonationen

Das Libretto, am Aalto ins Deutsche übersetzt, hatte seine Ecken und Kanten und lief – wahrscheinlich der Übersetzung wegen, teils gegen den Melodieverlauf. Und doch war es gut, den Text zu verstehen. Denn die wesentlichen Aussagen wurden in den Mund der Frauen gelegt. Gleich in der ersten Szene flüchten die Frauen in einen Bunker, wo Bomben-Detonationen und rot aufleuchtende Lampen aufschrecken lassen (Bühnenbild: Frank Philipp Schlössmann). Im Zentrum Ann-Kathrin Niemczyk, die die Partie der Ingeborg mit warmer volltönender Stimme und bestartikuliert wiedergibt und erst einmal aus der Fritjof-Saga vorliest, um die Frauen zu beruhigen.

(Vordergrund, von links) Deirdre Angenent (Guatemi sitzend), Ann-Kathrin Niemczyk (Ingeborg stehend), Statisterie des Aalto-Theaters, Damenchor des Aalto-Theaters. Foto: Matthias Jung
Protestantisch gut und selbstlos

Die zum Davonlaufen protestantisch Gute und Selbstlose – eine ausgestorbene Gattung – kam einem wirklich nahe. Und sie hadert wenig später öffentlich über ihr Schicksal und ruft es in den Raum: „Ich bin niemand mehr, nur noch Opfer, denn ich werde verschachert, damit mein Bruder die Macht behält…“ Fremdbestimmung als Frauenschicksal. Sie fügt sich, um den leidigen Krieg zu beenden und am Frieden zu arbeiten. In König Ring, eine Heldentenor-Partie, der Andreas Hermann Nachdruck verlieh, findet sie unerwartet einen wohlwollenden Partner, der, weil viel älter, den an seinem Hof ankommenden Fritjof tatsächlich zu seinem Nachfolger bestimmt und damit das Liebespaar wieder zusammenbringt. Er ruft den Tod als mächtigen Fürsten und Fürsprecher an, der ihm Frieden und Ruhe bringt und das Paar seiner Bestimmung zuführt. Ende gut alles gut.

Schwarze Magie

Vieles in der Handlung mutet zwar konstruiert an. Die Charaktere vollziehen auch nicht wirklich eine Entwicklung im Bühnengeschehen, weswegen sie schablonenhaft bleiben. Dennoch gibt es viele bewegende Momente, beispielsweise wenn Bruder-König Helge (Friedemann Röhlig) hilflos herumgeistert und sich mithilfe seiner Frau, Finnmarks-Prinzessin Guatemi (Deirde Angenent), und ihrer negativ besetzten schwarzen Magie seine Macht bewahren will. Einsamkeit und Ausgestoßensein ist ihr Schicksal, dem Lagerlöf und Andrée auch eine Stimme geben.

(von links) Deirdre Angenent (Guatemi), Friedemann Röhlig (König Helge), Statisterie des Aalto-Theaters. Foto: Matthias Jung
Dreiteiliges Bühnenbild

Wenn sich der Bunker mittig öffnet, sind im Hintergrund Baumstämme zu sehen, die brechen. Dieser Wald ist bedroht und bedrohlich. Für eine mit Kerzen beleuchtete nebelschwadernde Schauerszene, in der Guatemi böse Geister beschwört, fährt das Untergeschoss der Bühne herauf, ein gelungener Effekt. Andrées Musik beschwört Wolfsschluchtatmosphäre. Guatemi sorgt auch noch für einen Seesturm, der musikalisch sogar zu einer Shakespearschen Bühnenmusik taugen würde. Man sieht im Hintergrund scherenschnittartig die Wikinger auf einem Boot gegen die Naturgewalt kämpfen (Siehe Titelbild von Matthias Jung). Fritjofs Mannschaft geht aber nicht unter. Der jugendliche Held ist mit Mirko Roschkowski besetzt, der das Jugendliche herauskehrt und der elend schweren und hohen Partie mit Kraft und Überzeugung beikommt.

Avantgarde-Winkinger-Look

Die schwedische Kostümbildnerin Bente Rolandsdotter kleidet ihn in Rock und kariertem Stoff um den Leib wie einen schottischen Highlander. Einen „Avantgarde-Wikinger-Look“ nennt sie das, den sie auch für den Chor entwickelt (Opernchor des Aalto-Theaters), und das passt in diese Sagenwelt. Der Chor hat eine tragende Rolle. 30 Minuten lang am Anfang singen nur die Frauen und durchleben das leidige Schicksal des von Männern angezettelten Kriegs. Eine alte Frau (Almerija Delic) spricht von Baldurs Zorn.

Sagengestalt und menschliche Regung

Regisseurin Anika Rutkofsky hat bereits mit ihrer Ruhrtriennale-Regie von D•I•E einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Hier verbindet sie in ihrer Personenregie Sagengestalt und menschliche Regung, was des Öfteren unvermittelt aufeinanderprallt. Das hatte mit der Dramaturgie im Stück zu tun. Was, wenn Elfrida Andrée und Selma Lagerlöf ihr Werk auf der Bühne erlebt und Erfahrungen und Verbesserungen hätten machen können?

Der Weltfrauentag hatte seine Oper

In den Dialogen ordnet Andrée den Charakteren rhythmische Bewegungsmuster im Orchester zu. Den Chor bringt sie auch a capella ins Spiel, im Wechsel mit orchesterbegleiteten Singmomenten entfaltet das einen besonderen Zauber. Die Essener Philharmoniker pflügen unter dem 1. Kapellmeister Wolfram Maria Märtig wunderbar leuchtend durch diese Partitur. Auch die solistisch besetzten Englischhorn, Klarinetten, Violin- und Cellopassagen kommen wunderbar stimmungsvoll. Da subsumieren sich die redundanten Friedensbotschaften der Frauen, die fast ein bisschen naiv rüberkommen, aber ernst gemeint sind. Die Transparente, die der Chor zum Schluss hochhält, hätte man am Ende nicht gebraucht. Große Begeisterung und auch stehende Ovationen gab es. Der Weltfrauentag hatte seine Oper. Und Intendantin Merle Fahrholz Initiative „Her:voice“ punktet einmal mehr. Schade, dass Fahrholz das Aalto schon wieder verlässt.

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