Festival Alte Musik Knechtsteden begeistert mit Francesco Conti beim Eröffnungskonzert

Dorothee Oberlinger und Ihr Barockensemble 1700 entfesseln mit der ersten neuzeitlichen Wiederaufführung von „La colpa originale“ von Francesco Conti Begeisterungsstürme. Die Solisten überzeugen in einer halbszenischen Aufführung. (Von Sabine Weber)

(20.09.2025, Klosterbasilika Knechtsteden) Das Festival Alte Musik Knechtsteden vor den Toren Köln scheint durch seine Neuausrichtung unter Intendant Michael Rathmann attraktiver denn je. Dorothee Oberlinger als Residenzkünstlerin ist natürlich auch ein Glücksgriff, nämlich die Erfolgsgarantin für historisch informierte Aufführungen. In Köln beheimatet, hatte sie für das Eröffnungskonzert in der Klosterbasilika dieses Mal auch keinen weiten Weg.

„Lebensmittelpunkt Köln“

Seit ihrem Debüt als Operndirigentin 2017 bei den Göttinger Händelfestspielen bringt Oberlinger Wiederentdeckungen alter Bühnenwerke zu gepriesenen Aufführungen. Als Intendantin der Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci und der Barock-Festspiele Bad Arolsen stehen ihr auch historische Aufführungsstätten zur Verfügung. Das von ihr gegründete Ensemble 1700, mit „Lebensmittelpunkt in Köln“, so steht es im Netz, ließ auch vor geistlicher Kulisse in der Klosterbasilika Knechtsteden nichts zu wünschen übrig. Das Continuo-Ensemble war vorzüglich besetzt, noch mehr die Solisten. Dabei der derzeit beste französischen Hautecontre David Tricou. Und eine Entdeckung war die junge Chinesin Jiayu Jin.

Francesco Conti

Wie aber kommt man auf ein Oratorium von Francesco Conti, wer kennt ihn überhaupt? Conti ist in der Alten Musikszene schon länger ein Geheimtipp. Das Label cpo hat kürzlich sogar eine Gesamtaufnahme seiner Bühnenwerke angekündigt. Conti, Theorbist, also Basslautenspieler, und Vizekapellmeister am Wiener Kaiserhof, konnte nämlich festlich komponieren. Selbst wenn es, wie in diesem Oratorium, um den biblischen Sündenfall gehen muss. Den miserabelsten Libretti verhalf Conti zu Witz, zu einer harmonisch wie melodisch einfallsreichen und in allen Affekten frei schaltenden Musik. Er wusste Drama mit Komödie zu verbinden, schrieb für geläufige Gurgeln und hatte darüberhinaus eine Vorliebe für ungewöhnliche Instrumentalfarben. Das war zuletzt bei dem Conti-Oratorium Il trionfo della fame in Innsbruck und Wien zu erleben, wo sich zwei Fagotte mit Koloraturen regelrecht duellieren durften. (siehe Klassikfavori-Beitrag) In diesem Conti ist ein Psalterium oder das Hackbrett gefordert. Und Conti gesellt den Solisten konzertierende Soloinstrumente wie die Theorbe, auf der Conti natürlich selbst damals brillierte, und eine Posaune zu. All das war in dem Eröffnungskonzert des Festival Alter Musik Knechtsteden zu erleben!

Erbsünde oder Sündenfall

La colpa originale ist mit Die Erbsünde zwar richtig übersetzt. Aber theologisch korrekt wäre „Der Sündenfall“. Uraufgeführt wurde das biblische Adam-Eva-Drama übrigens erstmals 1718 an einem Gründonnerstag am Kaiserhof. Bekanntlich wanderte in der Karwoche an vielen barocken Höfen die Opernbegeisterung vor den Altar. Da wurde sogar nachweislich ein bisschen Bühne gebaut, was man in der Klosterbasilika Knechtsteden mit einem erhöhten Podest mit Apfelbaum und Schlange hinter dem Orchester umsetzte. Die Solisten konnten sich dort, wie auch vor dem Orchester links und rechts begegnen. (Halbszenische Regie: Niels Niemann)

Im  Archiv Meiningen aufgetaucht

Dieser halbszenische Conti war mal wieder vom Feinsten. Im Auftrag des Festivals Güldener Herbst für Alte Musik in Thüringen wurden übrigens die handschriftliche Kopien dieses Conti-Werks ausgegraben. Im Archiv in Meiningen aufgetaucht, was bedeutet, dass dieses Werk Aufführungsgeschichte auch an anderen Höfen geschrieben hat, wurde der „Sündenfall“ der Kölnerin Oberlinger für die erste neuzeitliche Wiederaufführung anvertraut.

Gewohnt eleganter Schwung

Und mit gewohnt elegantem Schwung feuerte Oberlinger die Musiker unter Konzertmeister Evgeny Sviridov an. Die fünf Solisten formierten sich zu fugenbetonten Chören, ließen aber die meiste Zeit feinste Gesanglinien mit Koloraturen ab, was dem Schmerzensausdruck angesichts der Paradiesvertreibung keinen Abbruch tat. Countertenor Timothy Morgan als Adam überzeugte mit feinem Timbre. Jiayu Jin war eine hinreißende Eva mit großer Stimme, dennoch rund-perfektem Timbre. Sie hat als erste Frau zwar Schuld auf sich geladen, wusste diese aber vor Gott auf die Sehnsucht nach mehr Wissen (Aufklärung!) ab zu schwächen. Luigi di Donato als Gigolo in Lederhose mit Klunker am Finger lieh Luzifer seinen abgrundtiefen Bass. David Tricou schraubte als Gott in weiß mit Goldjäckchen die Da capo-Wiederholungen seiner Arien in tenorale Höhe, zeigte strenge Herrscherattitüde aber auch Bereitschaft zu vergeben. Alice Lackner durfte als lupenreiner hohen Cherub-Engel himmlischer Fürsprecher der Menschen sein. Sie hat wohl auch bei der Wiederentdeckung des Conti-Manuskripts mitgearbeitet.

wie eine Opernaufführung

Leid, Freude, Witz und Charme war also wie in besten Opernaufführungen vorhanden. Ein bisschen hing das Szenische wegen der Enge der Wege um das Orchester. Der Blick in die Noten ist auch immer etwas störend, und wie die Akustik in der bis auf den letzten Platz besetzten Basilika hinten ankommt, ist nochmal eine andere Frage.

Weltersteinspielung

Oberlinger und ihr Ensemble freuen sich umso mehr auf September und die szenische Wiederholung am Meininger Theater. Der WDR hat mitgeschnitten, und da hofft man jetzt, dass diese Produktion es auch als Weltersteinspielung auf die Platte bei cpo schafft. Eine Hoffnung, die berechtigt ist!

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