Fel!x 2025. Alte Musik in Köln mit Václav Luks

Und kuratiert von Václav Luks! (Titelfoto: Heike Fischer) Er ist eine Größe in der Alten Musik und vor allem in seinem Heimatland Tschechien. Ein Tausendsassa, Hornist, Musikwissenschaftler, Cembalist und Dirigent. Der schlaksig wirkende Musiker mit dichtem schwarzem Haar und Brille hat auf den ersten Blick etwas von einem genialisch, leicht verstörten Filmregisseur der Marke Roman Polanski. Das täuscht, denn glasklar ist sein Blick auf die Musik gerichtet, in der er nicht nur verwurzelt ist. Ganz und gar geht der bescheidene Mann in ihr auf. Böhmische Komponisten hat er auf seine Agenda gesetzt und mit historisch informierten Aufführungen für deren Wiederentdeckung gesorgt. Mit Werken von Jan Dismas Zelenka, Josef Mysliveček oder Georg Anton Benda begeistert er inzwischen die Podien Europas. (Von Sabine Weber)

(27./28. August 2025, Kölner Philharmonie, Stiftersaal, St. Maria Himmelfahrt, Köln) Und zwei beglückende Konzertabende hat Václav Luks der siebten Ausgabe des Alte-Musik-Festivals Fel!x! in der Kölner Philharmonie beschert. Im sehr gut besuchten Eröffnungskonzert warteten natürlich alle gespannt auf den Höhepunkt des Mozart-Requiems nach der Pause. Aber die Überraschung war ein Stabat Mater von František Ignác Tůma und zuvor die einleitende Sinfonia in c-moll von Franz Xaver Richter im ersten Teil!

Franz Xaver Richters Sinfonia in c-moll

Richter gilt als Vorreiter der Mannheimer Schule und hat in der berühmten Hofkapelle des Kurfürsten Carl Theodors auch mitgewirkt. Wie langweilig dessen mehr als 70 komponierten Sinfonien dennoch klingen können, beweist so manche Aufnahme. Bei Luks hat jede Phrase ihre Richtung. Mit genau gesetzten Akzenten und perfekt artikulierten Motiven gehen die Streicher des von Luks in den 1990ern gegründeten Ensemble Collegium 1704 ans Werk. Jeder Bogen wird dynamisch ausgestaltet. Keine noch so lange Sequenz verliert ihre Spannung. Und davon gibt es viele, denn Richter ist stilistisch noch dem Barock verpflichtet. Fällt nix mehr ein, wird oft genug gerumpelt und Verve vorgetäuscht. Das kennt man zur Genüge. Der Klang des Collegiums 1704 ist hingegen nie ruppig, kein Akzent forciert. Der langsame mittlere von drei Sätzen erinnert sogar an eine Opernarie. Richter arbeitet „Violinenbetont“. Deshalb stehen erste und zweite Violinen auch nebeneinander auf der linken Seite des Podiums. Im letzte Satz fegen sie zwar durch einen rustikalen Dreierrhythmus, aber auch da lässt Luks keine Grobheiten zu, sondern zelebriert chromatische Einwürfe mit ineinandergezogenen Halbtönen.

Ein himmlisches Stabat Mater von František Ignác Tůma

Von František Ignác Tůma weiß man wenig, außer, dass er wie viele Böhmen in Wien als Kapellmeister eines Grafen gewirkt hat. Tůma war Schüler des legendären Schulkontrapunktikers Johann Josef Fux (Gradus ad Parnassum, 1725), wovon die Schlussfuge seines Stabat Mater in g-moll eindrucksvoll zeugt. Vor allem aber zieht der Schmerzensausdruck mit Seufzern und atemberaubend gezogene Linien der neun Damen und acht Männer des Collegium vocale 1704 in den Bann. Das Drama der leidenden Mutter Gottes unter dem Kreuz mit Blick auf den sterbenden Sohn leitet die auf ein Continuo, Orgelpositiv, Cello und Kontrabass, reduzierte Begleitung mit heftigen Punktierungen ein. Jede einzelne ein Stich ins Herz. Die schmerzliche Süße oder süßliche Bitterkeit leben die in sich wunderbar abgerundeten vier Chorstimmen, dazu einzelne Chorsolisten, vom Forte bis ins Pianissimo aus, werden trotzig, dann wieder hinwendend. Die Musik lässt nicht nur den Mutterschmerz mitfühlen, sondern sie ruft um den Beistand der Muttergottes an. Da geht es um Zuversicht in der Stunde des Todes.

Mozarts Requiem

Das war also die beste Vorbereitung für das berühmte Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart, das dessen Schüler Franz Xaver Süßmayr vollenden musste. Bis heute wird darüber gestritten, wie kompetent Süßmayr ergänzte. Allein die beiden Klarinetten, davon eine mit einem seltsam ums Eck geführten Blasrohr, ein Vorläufer des Bassethorns, dazu drei Posaunen und zwei Clarinen, also frühe Trompeten, und Pauken sorgten für ein klangliches Upgrade der zweiten Konzerthälfte. Erstaunlich war, dass man nicht mehr so fein durchhörte wie in der ersten Hälfte. Die vier Solisten, hätten vielleicht besser an der Rampe gesungen. Luks positionierte sie zwischen Orchester und vor dem Chor. So gut sie sangen, es wirkte ein bisschen auf Lücke.

Trauer und Jubel mit Bach und Zelenka

Václav Luks hat die Festivalausgabe 2025 kuratiert. Eine Idee und was für eine gute von Frauke Bernds, der künstlerischen Leiterin der Kölner Philharmonie. Luks legte natürlich seinen persönlichen Fokus Böhmen in die Waagschale! In seinem zweiten Philharmonie-Konzert am Tag zwei von Felix! lässt er zudem seine Bach-Liebe einfließen. Drei Bachmotetten umrahmen zwei geistliche Chorwerke des Böhmen Jan Dismas Zelenka, darunter eine Fronleichnamsprozessionsmusik, von der Teile als verschollen galten, bis sie vor drei Jahren (2022) von isländischen Musikwissenschaftlern im Nachlass eines Wiener Lautenisten gefunden wurden. Es handelt sich bei Statio quadruplex pro Processione Theophorica ZWV 158 (1709) um ein frühes Zelenka-Werk. Es enthält aber schon wesentliche Merkmale des Spätstils Zelenkas. Ein paar ungewöhnliche Einfälle, zudem eine sogenannte Permutationsfuge, in der verschiedene Themen unter den Stimmen geistern. Dieses Können vertiefte Zelenka später noch einmal wie Tůma bei der Kontrapunkt-Koryphäe Fux. Deshalb reiste er von Dresden nach Wien. Die Responsoria pro hebdomana sancta, ZWV55 (1722), dreimal neun Gesänge für die Kartage, entsteht unmittelbar nach dieser Lehrzeit.

Musikrhetorik

Zur Unterstützung der Sprachrhetorik, für die Doppelchörigkeit oder einfache gemischte Aufstellung sowohl in Bachs Begräbnis-Motetten Komm, Jesu Komm, mein Leib ist müde BWV 229 (1723) und Jesu, meine Freude BWV 227 (1735), als auch in Zelenkas oben erwähnten Werken, stellte sich das Ensemble Vocale 1704 hinter den Continuo-Instrumenten immer wieder neu auf. Besonders rührten die aus dem Chor besetzten Ensemble-Trios, für die die restlichen Chorsänger im Halbkreis zurücktraten. Dass das Leid  rührende Musik hervorbringt ist schon lange kein Geheimnis mehr. Kombiniert mit den Bitten um Erlösung im Wechsel von betroffenmachenden Dissonanzen und euphorischer Affirmation, zeigt das bei Bach die bekannte Wirkung, aber überrascht auch bei Zelenka. Zelenka wartet mit so einigen melodisch und harmonisch verrückten Wendungen auf, mit denen er sicherlich schon damals sein damaliges Publikum am Dresdner Hof verstört hat. So eindrücklich sind die Sängerinnen und Sänger unter der Leitung von Luks jeder Wendung und Regung auf der Spur, dass einem mehrmals fast die Tränen kommen. Der Applaus am Ende der beiden Konzerte ist ungebremst und entlockt beim zweiten Konzert den Künstlern sogar eine Zugabe. Sie wiederholen das Misericordia aus Zelenkas Fronleichnamsmusik, die beim zweiten Mals noch mehr rührt und das Publikum zudem mit einer aufklärerischen Aufforderung entlässt. „Lehre mich Deine Gesetze“ – justificationes tuas doce me“ .

Konzerte im Kölner Stiftersaal und in St Maria Himmelfahrt

Die Geigenvirtuosität Franz Benda mit drei Sonaten und zwei Solo-Capricen wurden einem in Köln ansässigen russischen Geiger anvertraut. Und Evgeni Sviridov wusste den virtuosesten Mätzchen, die immer wieder von einem „Winken hier“ und „Grüßen dort“ unterbrochen werden – wie das im Sturm und Drang eben so üblich war, hörbar Sinn einzuflössen. Mit lockerem Bogen, die Geige ohne Kinndruck gegen den Hals gelehnt, beherrschte er scheinbar unbeeindruckt, mit nicht großem aber gut fokussiertem Ton, und nie enden wollendem Gestaltungswillen die Anforderungen dieser Werke. Es begleitete ihn in diesem 18 Uhr Konzert im Stiftersaal des Wallraf-Richartz-Museums kongenial Stanilsav Gres am Cembalo und mit etwas zu wenig fokussiertem Ton Cellist Alexander Scherf, dessen musikalischer Wille eher in seinem Gesicht stand, als seinem Ton zu entnehmen war. Gar nicht zu hören war die Theorbistin Liza Solovey, was möglicherweise den akustischen Verhältnissen vor Ort geschuldet ist.

Es fehlten Programmnotizen

In St. Maria Himmelfahrt – wie der Stiftersaal fußläufig zur Philharmonie, beglückte das Basler Ensemble Voces Suaves, die schon mehrmals bei Fel!x zu Gast waren. Ihr Stundenprogramm konfrontierte Palestrina mit dem Zeitgenossen Philippe de Monte. Letzterer am Hofe Rudolf II. In Prag als Kirchenmusiker angestellt. De Monte hat über ein 5stimmiges Madrigal von Palestrina, Vestiva i colli, eine sechsstimmige Parodiemesse komponiert. Palestrina und de Monte sind sich leibhaftig wohl nie begegnet. Obwohl sich Palestrina beim Prager Kaiser um die Stelle beworben haben soll, die de Monte besetzt hatte.

Philippe de Monte und Palestrina

Daher die Idee von Voces Suaves, beide Komponisten zu kombinieren, sowohl mit geistlichen Motetten und Messen als auch weltlichen Madrigalen. Wer hätte gedacht, dass Palestrina weltliche Liebeswerke komponiert hätte… Ohne die Texte verfolgen zu können, es handelt sich bei den Madrigalen dieser Zeit ja um hochpoetische Verswerkvertonungen, oder erläuterndes Programm blieben die Feinheiten dieses wohldurchdachten Programms leider verborgen. Und auch die Frage, warum einzelne Madrigale zwischen die liturgischen Messteile eingefügt wurden, blieb unerklärt. Der ausgehändigten Titellei auf einem Blatt war noch nicht einmal zu entnehmen, was wo eingefügt wurde… Schade, bei einem so anspruchsvollen Anliegen. Möglicherweise eine Einsparung, denn alle 18 Uhr Konzerte wurden nur mit einem Zettel begleitet. Das Publikum ließ den Blick also zu wunderbar verflochtenem Stimmwerk dem gewaltigen barocken Hochaltar folgen, die sehr hoch oben von einer Skulptur Mariens gekrönt. Angeblich soll diese Kirche in Bahnhofsnähe dem Volumen nach unmittelbar auf den Kölner Dom die zweitgrößte sein…

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