- Die Kölner haben ihre Oper zurück! Schon am offenen Besuchertag am Wochenende zuvor stürmten neugierige Heerscharen das Haus. Durch die großen Fensterfronten leuchtete das Willkommens-Licht. Architekt Wilhelm Riphan hat das geplant, und auch die auf der Nordsüdfahrt gegenüberliegenden Häuser korrespondieren im Riphan-Stil. Das Publikum kann das von den großzügigen Austritten im ersten Stock aus bewundern. Der historische Vorplatz ist für das Stadtleben wieder gewonnen und zeigte sich vor der Eröffnungspremiere bunt gemischt bevölkert. Das im 50er-Jahre-Stil schlicht-elegante Haus im Inneren beeindruckt durch die Höhe der Säulenfoyers und angenehme Weitläufigkeit. Bis auf den letzten Platz war Richard Strauss‘ „Der Rosenkavalier“ besetzt. (Von Sabine Weber)
(27. September 2026, Oper Köln) Mindestens eine Stunde vor Beginn des Rosenkavaliers tummelten sich die Besucher im Haus. Für sie war ein roter Teppich ausgerollt. Und jeder brachte Zeit mit, um über die Gänge, durch die Flure zu flanieren und mit einem Glas Sekt in der Hand anzustoßen. Man lächelte sich zu. Das Hochgefühl wehte überall mit. Auch wenn man über Kabel stolperte, die das mediale Großaufgebot bedingte. Mehrmals drückten Kamerateams höflichst zur Seite, weil sie sich wieder neue Wege bahnten.
Ist ein Traum

Nach 14 Jahren gibt es wieder Oper im Herzen der Stadt. Intendant Hein Mulders sprach eine kurze Begrüßung „in der Kölner Oper!“ und bedankte sich vor allem bei seinen Mitarbeitern, die in großer Anspannung diesen Tag vorbereitet haben. Und jetzt wollte man wirklich nicht mehr über die Mängel und begleitenden Unkenrufe reden. Sie sind Folge jeder Großbaustelle nach Fertigstellung und werden Schritt für Schritt bewältigt. Erinnert sei nur daran, dass dieses Haus schon bei seiner Einweihung 1957 eklatante technische Mängel im Bühnenturm aufwies, sodass tatsächlich überlegt wurde, ob das Haus überhaupt freigegeben werden könne. Es wurde freigegeben und hielt mit allen Kompromissen seine Zeit. Jetzt geht es in eine neue Ära. Das Schlussterzett von Richard Strauss Rosenkavalier schrieb den heiligen Moment fest. „Mir ist wie in der Kirch’n, heilig …“ – Der Rosenkavalier Octavian und Sophie, behaupten ihre Liebe gegen jegliche Heiratsplanung von oben. „Ist ein Traum“ – Worte aus dem Schlussduett dürften durchaus der Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft süße Flügel verleihen.
Softporno à la Bilitis?
Diesen Schlussmoment in ein großes Bild zu bannen hat Regisseurin und Videokonzipiererin Marie-Ève Signeyrole leider verpasst. In dieser Inszenierung wurde sich ständig aus und wieder angezogen. Und der große finale Glücksmoment fand in antiquiert weißer Unterwäsche auf einem nüchternen Metallstangenbett statt. Warum?
Falls es Signeyroles Regie-Idee war, den Rosenkavalier als filmischen Softporno à la Bilitis anzulegen, lief das von Anfang an dem Hofmannsthalschen Dialogniveau zuwider. Auch wenn die 16. Reihe sich freuen durfte, die Gäste aus Frankfurt, Magdalena Hinterdobler als Marschallin und Bianca Andrew als Rosenkavalier im live übertragenen Videogroßbild ins Gesicht zu schauen. Und „hautnah“ noch mehr zu sehen. Alles züchtig wohlgemerkt.
Einer der schönsten Momente, zeitenthoben …
Das wuselnde Regieteam stürmte mit Setklicks und Regiebuch herein und störte wohl absichtlich. Bis die Marschallin den Morgenmantel abwarf und im schwarzen Anzug mit Nerdbrille selbst den Regiestuhl übernahm. Der Zeit-Monolog war da Höhepunkt, und Hinterdobler gestaltete ihn stimmlich einfühlsam. Einer der schönsten Momente der Oper und hier zeitenthoben, weil alle Requisiten verschwanden und die Schwärze der Bühne hinter weißem Regiestuhl übrig blieb. In der Auseinandersetzung mit dem Alter steckten berührende und heutig übertragbare Selbstbeobachtungen.

Rofrano alias Octavian, alias Rosenkavalier als Filmstar
Die Überreichung der Silberrose als Filmpreisverleihung durch Rofrano alias Octavian, alias Rosenkavalier als Filmstar zu inszenieren, funktionierte zunächst auch und präsentierte Feierstimmung. Wobei sich gefragt wurde, warum der Preis an Sophie von Faninal geht, verkörpert von Giulia Montanari aus dem Kölner Ensemble, die doch eigentlich nur heiraten soll. Einen Plexiglas-Filmpreis, der nach persischem Rosenöl duftet, den nimmt allerdings keiner ab. Und das war vielleicht symptomatisch für das, was dem Stück eine bildlich überzeugende Sinnlichkeit verweigerte. Dazu zählte auch die überwiegend in schwarz-weiß gehaltene Ästhetik der Bühne (Fabien Teigné)
Walzerseligkeit!
In der Musik war sie sehr wohl da. Und Solisten und ihre Stimmen fanden überaus sympathisch und überzeugend zusammen, so die Damen – der Rosenkavalier ist ja eine Hosenrolle – nicht vom Gürzenich-Orchester unter Andrés Orozco-Estrada übertönt wurden. Auch fehlte zu Anfang der Wienerische Schmäh, der zu einem Zehntel in jeder Note stecken müsste und den Orozco-Estrada in seiner Niederösterreichischen Tonkünstlerzeit und bei den Wiener Symphonikern inhaliert haben dürfte. Es gab aber dann auch berührende Pianostellen, wie bei der zweiten Wiederholung des Ochs-Walzers. Und die Walzerseligkeit insgesamt war natürlich mitreißend.
Baron Ochs von Lerchenau
Baron Ochs von Lerchenau hatte mit Bassbarition Patrick Zielke natürlich keine Mühe, das Orchester zu übertönen. Grobschlächtig wie es Rolle und Regie vorsah, brachte er neben stimmlichen Pfunden auch fleischliche ins Spiel und hatte sichtlich Vergnügen daran, das Publikum nackt zu schocken. Die Wirtshausszene geriet turbulent, auch wenn Mariandl alias Rosenkavalier im Schlitzkleid overdressed war. Und die #Me-too Assoziation, weil Ochs im Bademantel gleich aufs Ganze ging, leider etwas platt und kam etwas degoutant rüber. Bei Strauss/Hoffmannsthal darf sich Ochs geschickt aus der Affaire ziehen und wahrt sein Gesicht…
Ein erhebendes Erlebnis insgesamt
„Ist halt vorbei“ macht die Marschallin nach dieser provozierten Farce klar. Im Schlussapplaus gab es Buhrufe, aber auch Bravo-Schreie. Vor allem für die Orchestermusiker und die Solisten. Aus den Sesseln gesprungen ist leider keiner. „S‘ist halt wie es ist!“ Das Operngeschehen mit all seinen Verwerfungen hat im Haus mit dieser Eröffnungspremiere Einzug gehalten. Erhebend war das Erlebnis allemal, auch mit den zwei Pausen, in denen sich Gott und die Welt treffen und parlieren, und das Haus erleben konnte. Es ist unbestritten ein wunderbares Haus. Wir Kölner dürfen stolz sein. Und der Orchestergraben ist angeblich sogar größer geworden!