Zum 7. Mal lädt das Linos Piano Trio zu seinem Festival ein. Aus dem Ausweichquartier im Sancta Clara Keller sind die drei Musiker für die Festivaltage in ihre Gründungsspielstätte zurückgekehrt, das Orangerie-Theater im Kölner Volksgarten. Und goldene Zeiten beschwören sie! „Aurea Terra“ haben sie diese Spielzeit überschrieben, und ein neugieriges Publikum hat sich wie immer für die Linos-Hörabenteuer wieder eingefunden. Das „Goldene Land“ wurde in Klangwelten des interkontinentalen Südostasien und bei Debussy sowie im Surrealismus bei Cage, Poulenc und Satie gesucht. Man durfte sich überraschen lassen. Terra Aurea steht nämlich noch für etwas ganz anderes… (Von Sabine Weber)
(25. und 26. September 2026, Orangerie Theater) Innovative und durchdachte Programme mit Bearbeitungen der speziellen Art, das sind Markenzeichen des Linos Piano Trio. Und die Trio-Bearbeitung von Claude Debussys dreisätzigem La Mer, ein Klangfarben-Exzess der besonderen impressionistischen Sorte, war natürlich eine Ansage. Das Linos Piano Trio begab sich auf spezielle Mission. Wie bekannt, hat Debussy in die Meereswellen vorsätzlich javanische Gamelanmusik-Idiome eingearbeitet. Er hatte sie auf der Pariser Weltausstellung 1889 erstmals erlebt. Wie können die tief in die Struktur eingeflochtenen Idiome hörbar werden? Dazu hat sich das Trio etwas einfallen lassen.
Thailändische, kambodschanische und burmesische Klangtraditionen
Pianist und Komponist Prach Boondiskulchok, inzwischen in Brüssel beheimatet, ist gebürtiger Thailänder und derzeit höchst interessiert an thailändischen, kambodschanischen und burmesischen Klangtraditionen. Er arbeitet derzeit an seiner ersten Kammeroper nach George Orwells Burmese Days (1934).
Suvannabhumi
Burma ist der alte Namen für Myanmar, das an Thailand grenzt. Aurea Terra ist die Latinisierung von Suvannabhumi, einem Kulturraum, wozu Thailand, Kambodscha oder Java zählen. Und neben La mer in der eigenen Triofassung setzte Boondiskulchok die aus seiner Oper extrahierte Burmese Days Suite. Weil ein thailändischer Musiker in die Opernmusik eingebunden ist, war Weerakit Suwanphithak in der Orangerie geladener Ehrengast und trug bei zu mannigfaltig authentischen Klangeindrücken.

Auf dem Teppich
Im Schneidersitz saß er, vor dem Teppich werden die Schuhe ausgezogen, um ihn herum 16 goldene Gongs (Khong Wong). Suwanphithak zauberte eine erstaunlich westlich klingende ruhige zweistimmige Melodie mit Terzen und Sexten und tremolierte mit seinen Schlegeln bedeutungsschwanger auf dem Metall. Später dann griff Suwanphitak zur So U, einem zweiseitigen Streichinstrument, dessen Bogen zwischen den Saiten hängt, wobei nur eine Saite streicht, wobei durch Abgreifen mit den Fingerspitzen der linken Hand Töne diesmal wirklich aus der Pentatonik produziert wurden. Melodieteilen reihten sich wie Atemzüge aneinander, begleitet von leichter Perkussion. Dafür streiften sich Boondiskulchok und Konrad Elias-Trostmann ebenfalls die Schuhe ab, nahmen hinter Suwanphithak Platz und nahmen Crotales und ein Trommelinstrument in die Hand.
Solisten
Mit Bela Bartóks letzter Solosonate für Violine, dem dritten Satz Melodia spann Konrad Elias-Trostmann von der Seite das Spinnen von Melodiegesten im Raum auf, und zog dabei alle Register, die violintechnisch möglich sind. Die mäandernden Themen hauchten, wurden gezupft, entfalteten mit Dämpfer auf dem Steg fast jenseitige Töne, Doppelgriffe ließen den Atem anhalten, Triller und Tremolos weckten wieder auf. Ebenso Virtuoses verlangten die Melodiegespinste des kambodschanischen Komponisten Chinary Ung mit Khse Buon. Cellist Vladimir Waltham entwickelte sie mit Wucht, und Klänge der So U lösten sie wieder ab. Aber erst nachdem eine Menge gerissener Bogenhaare in der Luft wirbelten.
Südöstliche Idiome werden plastisch

Alles griff ineinander, immer mit dem Höhepunkt eines Satzes von La Mer, das den drei Musikern jeweils extremen Dauereinsatz bescherte und weniger an die Orchesterpartitur erinnerte, als dass die südöstlichen Idiome der Melodien und Gesten sich plastisch herausbildeten. Mal abgesehen von den pentatonischen Blöcken, die das Klavier wuchtig setzte. Oder bildete man sich das ein?
Mäandernde Themen und Melodien

Eingebettet in die traditionellen Klänge, schien sich La Mer im Verlauf des Konzerts immer mehr einzupassen. In etwa so, wie der Herzschlag bei zusammensitzenden Menschen sich angeblich auch synchronisiert. Der letzte Satz Dialogue Du vent et de la mer war trotz aller Bedrohlichkeit des sehr starken Klaviersatzes dennoch eine Beruhigung auf die aufgeregten Klänge der Burmese Days Suite, in denen vor allem die So U für Besinnlichkeit zuständig war. Bei einem Blick auf die seltsamen Zeichen des Notenblatts auf Suwanphithaks Notenständer warf sich durchaus die Frage auf: wie hat Boondiskulchok die traditionelle mündliche Thai-Musiktradition in seiner „westlichen“ Partitur verankert?
Unwirklich

Ein weiteres Markenzeichen des Linos Festivals sind also die Musikergäste, die das Linos Piano Trio jedes Jahr ins Spiel bringt. Am zweiten Konzertabend waren das zum Beispiel die Sopranistin Shira Potchornik. Hinreißend interpretierte sie französische Lieder von Francis Poulenc, deren surrealistische Texte vom Belgier Maurice Carême sie mit wunderbarem Schmelz und mühelos geformtem Sprachklang genüsslich wie ernste Gesänge veredelte. Ein Kater, der rechnen lernen soll, aber als Gestiefelter Kater nur lacht, absurde Wortspiele zwischen einer Karaffe und Giraffe, eine Replik auf gern verschwurbelte französische Naturbetrachtungen. Und für eine große Emanzen-Szene aus Les mamelles de Tirésias, übrigens in der letzten Spielzeit in der Kölner Oper über die Bühne gegangen, legte sie das Tablet beiseite und spielte die aufmüpfige Frau, die nicht länger dem Mann untertan, als Soldatin, Künstlerin, Politikerin und anderen männlichen Rollen „teuflisch viril“ Contra gibt.
Atmosphärisches Konzept
Atmosphärisch durfte es bei der konzisen Dramaturgie keine Unterbrechung geben. „Raumteiler“ im Programm waren zwei lamentös chromatische Madrigale von Carlo Gesualdo. Emily Ross, Blockflöte, später Oboe, und Bratschistin Lilya Tymchyshyn ergänzten ein modernes Broken Consort für die Begleitung. An das schmerzstöhnende Moro, lasso, al mio duolo schloss sich die Uraufführung des mit Patterns und Wiederholungen spielenden Echo Chamber III für Klavier-Trio an. Die lettischen Komponistin Justina Repečkaitė ist so etwas wie die geheime Residenzkomponistin. Denn schon einmal wurde eine Komposition bei ihr in Auftrag gegeben und auf dem Festival uraufgeführt. (Siehe Klassikfavori-Artikel)
Die vier Sätze aus Living Room von John Cage waren dann sogar Raumteiler im Raum in immer neuer Konstellation. Für die rhythmisch-geräuschvolle Ausführung wurde gezischt, gepfiffen, mit zusammengerollter Zeitung auf einen Bildband über Dada und Surrealismus, mit Messer und Gabel auf ein Frühstücksbrettchen, einen Rollkoffer oder mit Essstäbchen auf eine Teekanne geschlagen. Gegenstände, die bei den Sponsorengastgebern ausgeliehen waren und die sich darüber köstlich amüsierten.
Die Teekanne
Die Teekanne wanderte schon zu Anfang wie eine Monstranz durch den Raum. Und dabei tönte aus ihr die Melodie einer der berühmten Gymnopédies von Eric Satie. Das hätte Satie gefallen, der als Mitglied der Groupe de Six vorsätzlich absurd komponierte. Instrumentaler Höhepunkt war die Sonate für Violoncello und Klavier von Francis Poulenc, mit Vladimir Waltham, begleitet von Sophia Rahman. Letztere aus London angereist. Und im engen Passspiel mischten sie Poulencs romantische Absichten mit Komödie oder fröhlich hüpfenden Bewegungsmustern auf, sodass man Gene Kelly förmlich auf dem Boulevard mit Regenschirm tanzen sah. Das kam so perfekt rüber, dass man meinte, die beiden spielten das Stück schon ewig zusammen. Aber nein, für Waltham war das ein Repertoiredebüt. Und mit Rahman gab es nur eine Probe am Tag zuvor. Hut ab! Auch das ist ja ein Markenzeichen dieses Klaviertrios, die solistische Exzellenz jedes einzelnen Spielers.
Nicht ohne Aufregung
Mit Benjamin Brittens völlig unbekanntem Frühwerk Phantasy Quartett op. 2 mit Oboe und Bratsche – ohne Klavier – erreichte der Abend so etwas wie einen Hafen. Nicht ohne Aufregung. Denn Elias-Trostmann riss die obere e-Saite – Peng! Ein anwesender Geiger bot an, schnell ins nahe Zuhause zu rennen und die e-Saite seines Instruments zur Verfügung zu stellen. Derweil bot sich Emily Ross an, mit den berühmten Metamorphosen nach Ovid für Solo-Oboe, ebenfalls von Britten, die Wartezeit zu überbrücken. Das Tablet machte es möglich, die Noten waren geladen. Und mit fein nuancierter Tongebung, weitgespannten Atem, dazu atemberaubenden Pianissimo-Tönen imitierte sie Pan, der auf seiner „Panflöte“ spielt und das Lamento von Niobe über ihre 14 Kinder, die wegen ihres Hochmutes in Stein verwandelt wurden. Das hätte man gar nicht missen wollen. Und Brittens anschließender Marsch der Streicher, vom friedlichen Gesang der Oboe immer wieder aufgehalten, wirkte nicht mehr so martialisch wie beim ersten Ansatz. Vielleicht, weil die ausgeliehene e-Saite eine aus Darm war…
Am dritten Konzertabend heute Abend stehen das Trio d-moll von Fanny Mendelssohn-Hensel und die Bearbeitung von Mozarts Gran Partita für Oboe (mit Emily Ross!) und Streichtrio auf dem Programm. Beginn ist 18 Uhr! Weitere Infos hier