… und 13 Kinder auf der Bühne sollen in der Inszenierung von Paul-Georg Dittrich das (Rhein)Gold sein. Aber hätte je ein Mächtiger dieser Erde im Kampf um das „Noch-mehr!“ – darum geht es im Rheingold und im gesamten Ring – nach diesem Schatz gegiert? Im Gegenteil, wir Bürger verschulden uns derzeit sogar ganz legal und bürden künftigen Generationen unsere Wohlstandschulden auf. (Von Sabine Weber)
(16. November 2025, Dernière, Kölner Oper im Staatenhaus) Die Setzung Kinder gleich Reichtum verfängt gar nicht. Und man fragt sich auch, warum Germanengott Wotan (Jordan Shanahan) – mit Flügelhelm ausgestattet – auf einer schwebenden Mondsichel im kindlich gezeichneten Pappmaschée-Wolkenmeer fischt. Freia (Emily Hinrichs) ist Alice in Wonderland ganz in pink und lutscht Giga-Lollipop. Donner und Thor (Ks Miljenko Turk, Tuomas Katajala) sind grelle Comic-Supermann-Helden, die, unfreiwillig (?) lächerlich wirken. Einzig Fricka (Bettina Ranch) hat als Göttin mit Pappmasche-Krone etwas von Würde in der Figur. Aber das Götterpersonal ändert später noch sein Outfit und trägt modern zeitgenössisch.
Um welches Märchen geht es?
Die Bühne (Pia Dederichs und Lena Schmid ) ist ein Guckkasten in Augenform. Drin ein Pupillenkreis, der später leuchtet und zum Ringsymbol wird. Das ist schon sehr ästhetisch gearbeitet und macht Freude beim Hinschauen. Nur man verbindet Wagner nicht mit all den Details und Allüren. Auch die Kinder in beige-grauen Lumpen sind in der Regie von Paul-Georg Dittrich wirklich bewunderungswürdig aktiv eingebunden, sie ziehen wie im pädagogischen Gruppenspiel rote Fäden durch den Raum (Schicksal). Sie klettern akrobatisch auf ein Rhön-Rad und machen in den ersten Szenen sogar die Mundbewegungen der Rheintöchter mit, wenn sie singen. Und auch Alberichs. Haben die den Text auswendig drauf??? Aber was die geisterhafte Kinderbegleitung jetzt nahelegen soll – „Wir sind das Gold“? – beibt ein Rätsel.
Das Ende ist stark
Ab den Nibelheimszenen wird die Regie in den zweieinhalb Stunden ohne Pause nachvollziehbarer. Das Ende ist sogar stark. Auch wenn die vier Harfen von links jubilierend wirbeln, Misstönen stören den Einzug in Walhall. Donner und Thor, inzwischen in schwarzen Jackets mit Schulterausstülpung über bloßem Oberkörper, sehen aus wie die Hollywood-Filmhelden Silvester Stallone oder Till Schweiger. Und vor hineingeschobenen senkrechten Stellwänden, wo es erst golden leuchtet, dann in weißen Lettern „Wolken“ und „Felsen“ zu lesen steht, laufen Kriegswochenschaubilder oder Actionkriegsfilme mit Raketenabschüssen, Detonationen, Panzern oder Heeraufmärschen à la Apocalypse Now (Videos von Robi Voigt). „Wir haben den Krieg gewonnen!“ Das hat hämische Wirkung. Denn ein unrechter Krieg gegen die betrogenen Riesen und zuletzt Alberich wurde (allerdings nur mit List) gewonnen. Alle lachen ostentativ ins Publikum. Auch Fricka und Wotan vor ihren Stellwänden „Fluss“ und „Mond“ derselben Art befilmt.
Bettina Ranch mit DER FAUST geehrt
Das Bild geht auf, viele Bilder und Details davor nicht. Aber am Ende schlägt Wagner einen doch wieder in seinen Bann. Und mit Fricka begegnet uns Bettina Ranch vom Aalto-Ensemble wieder, die in Essen kürzlich als Kundry überzeugt hat und dafür gerade mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST geehrt wurde.
Das Kölner Rheingold-Ensemble
Der hawaiianische Bariton Jordan Shanahan ist trotz Wolkenkuckucksheim ein gut fundierter und agil intonierender Wotan. Mauro Peter, Loge, als Schmierenkomödiant einer Revue kostümiert, stattet den Part mit edlem Tenortimbre aus. Fasolt und Fafner sind mit Christof Seidl und Lucas Singer aus dem Kölner Ensemble ein furchteinflößendes Team. Auch wenn sie in ihrer ersten Szene lustig mit einem Pappmaschébagger einfahren! Beeindruckend schlägt Adriana Bastidas-Gamboa als weißes Erda-Gespenst mit riesig ausgestelltem Reifrock ein. Ihre Stimme hatte genau die Wucht, die Erda in dem Moment braucht, um das Blut gerinnen zu lassen. Wer Daniel Schmutzhard im konzertanten Rheingold mit Concerto Köln 2021 in der Kölner Philharmonie erlebt hat, hat eine Idealbesetzung erlebt. Sein konzertantes Kreischen, Heulen und Zischen, vermisste man hier auf der Opernbühne etwas.
Das Gürzenich-Orchester
Das hat sicherlich mit der Akustik im Staatenhaus zu tun. Das Gürzenich-Orchester unter Marc Albrecht spielte nämlich nicht schlecht, aber alles klang doch etwas zu pauschal, zu wenig ausdifferenziert. Die Musiker waren auch vor den Sängern, also der Bühne aufgebaut, und nicht im Graben oder unter der Bühne versenkt wie in Bayreuth. Da ist die Klangbalance fürs Orchester natürlich ein Drahtseilakt. Das können die Gürzenich-Musiker dennoch besser. Nach dieser Dernière sind wir also gespannt, auf die weiteren Folgen…