Kategoriearchiv: Oper

Kompetenzgerangel in Dresden! Serge Dorny, der neue Intendant der Dresdner Semperoper ist rausgeworfen worden und hat einen offenen Brief verfasst!

Serge Dorny. Der zukünftige Intendant präsentiert sich zufrieden bei seiner ersten Pressekonferenz in Dresden.
Serge Dorny. Ein zufriedener zukünftiger Intendant präsentiert sich bei seiner ersten Pressekonferenz in Dresden

Im September letztes Jahr hat der noch amtierende Intendant der Opéra National de Lyon seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt. Der gebürtige Belgier sollte ab September diesen Jahres offiziell an der Spitze der großen und prestigeträchtigen deutschen Kulturinstitution, der Sächsische Staatsoper stehen. Aber jetzt stellt sich heraus, dass eine unschönes Kompetenzgerangel im Hintergrund stattgefunden hat, das ausgehandelte Befugnisse und Aufgabengebiete vom zukünftigen Intendanten abziehen sollte. Und mit sofortiger Wirkung hat Kunstministerin Sabine Schorlemer den Vertrag aufgelöst!

Offener Brief von Serge Dorny, 21 Februar 2014
Die Verhandlungen meines Vertrages bis zur letztendlichen Unterzeichnung am 17. September 2013 haben 6 Monate Zeit in Anspruch genommen. Ich wollte mich vollständig darüber versichern, dass ich die notwendigen Umstände und Ressourcen zur Verfügung habe, um mich den Herausforderungen für die Gestaltung der Zukunft der Semperoper stellen zu können: Ein künstlerisches Konzept im Einklang mit der Institution unter Berücksichtigung aller in ihr enthaltenen Sparten (Oper, Konzert und Ballett) zu verwirklichen, die Semperoper weiter in der Stadt Dresden zu verwurzeln durch eine Öffnung für ein vielfältiges Publikum, und deren führende Rolle unter den deutschen und europäischen Bühnen zurückzugewinnen.
Der lange Zeitraum der Verhandlungen hätte mich alarmieren sollen.
Bereits im Vorfeld meiner Zusage zum angebotenen Vertrag habe ich mich intensiv darum bemüht in Erfahrung zu bringen, wie die Kompetenzen unter den Entscheidungsträgern der Institution verteilt sind und hier im speziellen die Aufgabengebiete des Chefdirigenten der Dresdner Staatskapelle, Christian Thielemann. Leider sind mir diese essentiellen Informationen trotz mehrfacher Nachfrage seit dem Sommer 2013 nur sehr sporadisch und wie ich im Nachhinein feststellen musste, sehr rudimentär durch die öffentlichen Vertreter zur Verfügung gestellt worden.
Erst nach meiner Nominierung und während der beginnenden Arbeit und der Vorbereitung auf die kommenden Spielzeiten musste ich entdecken, dass verschiedene entscheidungstragende Kompetenzen, die laut Vertragsstatus im Bereich des Intendanten liegen, ebenfalls auf die Position des Chefdirigenten entfielen, was in der Konsequenz und im Extremfall zu einem kompletten Stillstand der zu fällenden Entscheidungen führen könnte.
Ich habe die Ministerin seit November von diesem Umstand unterrichtet und sie um Lösung dieses Problems ersucht, ohne irgendeine konkrete Antwort darauf erhalten zu haben.
Zur selben Zeit musste ich feststellen, dass Christian Thielemann nicht gewillt ist, an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, sondern allein auf seine Unabhängigkeit und die der Staatskapelle bedacht ist zum Nachteil der Gesamtheit der Aktivitäten der Semperoper. Die Sächsische Staatskapelle – außerhalb jeglicher Diskussion auf künstlerischem Gebiet – ist in den letzten Jahren aufgrund ihres Verhaltens zu einem Hemmnis der Entwicklung der Semperoper geworden. Der Artikel aus DIE ZEIT vom 5. Januar 2010 beschreibt, dass die Situation keine neue ist. Die öffentliche Hand bevorzugt es, diese Realität zu ignorieren.
Die Staatskapelle und Christian Thielemann sollten die Renaissance der Semperoper in vorderster Linie anführen, sich für die Interessen der Gesamtheit der Institution einsetzen und mit Stolz und ungezwungen das Leben der Semperoper bereichern. Dies ist leider nicht der Fall.
Meines Erachtens hat gerade der Mangel an Transparenz und Präzision der durch Frau Ministerin von Schorlemer zur Verfügung gestellten Informationen in diese betrübliche Situation geführt. Wäre ich von Anfang an in vollem Masse über die
gegebenen Verhältnisse informiert gewesen, hätte ich das Angebot von Frau von Schorlemer ablehnen müssen.
Ihre fehlende politische Courage und Weitsicht und ihre heutige Entscheidung – die Einzige, die sie seit meiner Vertragsunterzeichnung getroffen hat – sind der Beweis.
Die Leidtragende ist in erster Linie die Semperoper selbst.
Seit meiner Ankunft in Dresden konnte ich mit einem hochkompetenten, motivierten Team zusammenarbeiten, welches sich leidenschaftlich für die Semperoper einsetzt, um ihren angestammten führenden Platz unter den deutschen und europäischen Bühnen zurückzugewinnen. Die Projekte, die ich mit ihnen entwickelt habe, hätte ich nicht gegen und schon gar nicht ohne Christian Thielemann verwirklichen können und wollen und auch nicht ohne das Verständnis und die Unterstützung der Politik.
Die Semperoper und ihr gesamtes Personal verdienen es, ernst genommen zu werden. Sie besitzen ein riesiges Potential und sind voller Hoffnung.
Frau Schorlemer hat sich entschieden.

Das Mädchen, das nicht schlafen wollte! Die Kooperation Junge Opern Rhein-Ruhr startet an der Oper in Duisburg

Familienoper‘ und ‚Kooperation‘ sind neue Zauberwörter in NRW! Drei Opern-Intendanten werfen ihre Erfahrung zusammen, um zukünftig Aufführungen gemeinsam zu stemmen. Am vergangenen Freitag war Premiere, nein: die Welturaufführung der ersten gemeinsamen Kooperation. Felix Marius Langes Familienoper „Das Mädchen, das nicht schlafen wollte!“ auf ein Libretto des Düsseldorfer Kinderbuchautors Martin Baltscheit war nämlich der erste gemeinsame Kompositionsauftrag. (Von Sabine Weber) Das Mädchen, das nicht schlafen wollte! Die Kooperation Junge Opern Rhein-Ruhr startet an der Oper in Duisburg weiterlesen

Ein Tsunami an Verrücktheiten – Der Universums-Stulp an der Oper Wuppertal

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Andreas Jankowitsch (Traugott Neimann 1), Michaela Mehring (Vesica Güterbock) und Olaf Haye, Andreas Jankowitsch (Traugott Neimann 1 und 2) mit dem Ensemble musikFabrik im Hintergrund.
Fotos: Uwe Stratmann

Der Universums-Stulp – so heißt die neue Musiktheaterproduktion des Berliner Komponisten Stephan Winkler. Die Vorlage hat er im gleichlautenden Roman des Wuppertaler Autors und Comiczeichners Eugen Egner gefunden (s. Interview-Audio). Die Uraufführung an der Oper Wuppertal am 7. Februar hat einen szenischen Furor am Rande des Wahnsinns entfesselt: 30 Akteure, ein verdoppelter Titelheld, Zeichentrick- und Dolbysurround-Effekte und die Musiker der musikFabrik saßen auch auf der Bühne. Nur Peter Rundel, war ein einsamer Chef vorne im Graben, hatte aber alles im Griff!
Von Sabine Weber

(Wuppertal, 07.02.2014) Auf einem weißen Block in der Mitte der Bühne ist ein Zeichentrickfilm angehalten. Durch ein Fenster hindurch sind Menschen auf einer Party zu sehen. Aber einer balanciert gefährlich auf der Fensterbank. Geräusche ziehen durch den Zuschauerraum, der Film beginnt zu laufen, ein Orgel röhrt auf. Und dann springt der Mann und fällt, und fällt. Es ist Traugott Neimann, der Held der Bühnenhandlung, die jetzt beginnt. Bei dem Fall kommt er nicht zu Tode, sondern tritt ein in ein virtuelles Leben, das die Bühne zwei Stunden lang in Atem hält. Es wird transformiert, gestorben, neu materialisiert wieder auferstanden. Dauernd kreuzen sich absurde Handlungsstränge, von grotesken Gestalten angetrieben. Anfangs lässt sich sogar noch ein verbindlicher Sinnzusammenhang ausmachen. Die Frage nach dem „woher kommt die Inspiration?“ wird gestellt. Neimann ist nämlich ein Dichter und sitzt an einem mit zusammengeknüllten Papier überhäuften Tisch und kommt nicht weiter. Ausgerechnet weil er auf Drogen verzichtet, gerät er in einen virtuellen Rausch und wird zum manisch verfolgten Universums-Stulp. Die Figuren darin pointiert Kostümbildnerin Wiebke Schlüter mit exzentrisch ausgeschnittener weißer Robe für die Systemtherapeutin Thalia Fressluder. Oder Marilyn-Monroe-rosa für die blondierte Imbissbudenbesitzerin Vesica Güterbock, die dann zu der Agentin von Papst Probstenloch mutiert, der sich im Lappenkostüm mit Goldmitra auf einem Riesenthron herum flätzt. Oder Freund Valerian, der sich und seine Freundin mithilfe einer Ganghoferapparats neu materialisiert. In der Mitte der Bühne stehen zwei wie Comicbildausschnitte formierte Kuben nebeneinander. Sie heben und senken sich für einzelne Szenen, und geben – gehoben – auch Blicke auf die kostümierten Musiker der musikFabrik im Hintergrund frei. Die Musik bleibt die meiste Zeit geräuschhaft, splittert sich auf und addiert sich wieder, elektronisch erzeugte Raumakustik gehört dazu. Sie baut Spannungsbögen auf oder ab, begleitet auch die über weite Strecken Sprechgesangsähnlich angelegten solistischen Partien. Die Solisten sind verstärkt. Jedes Wort dieser durch die Sprache entstehenden und zu vermittelnden Fantastereien muss auch verstanden werden. Großartig die kongenial in einander geschobene Bebilderung von Bart Wigger und Tal Shacham. Regisseur Thierry Bruehl erfindet einen doppelten, an Statur und in der Stimme verblüffend ähnlich klingenden Neimann. Beide sorgen abwechselnd dafür, dass bei den in Höchstgeschwindigkeit aufeinander folgenden Szenen kein Tempo verloren wird. Ein fast wahnsinniger Speed bekommt die ganze Bilder- und Wortflut, ein Tsunami an Verrücktheit dank aller Beteiligten. Schade, dass es über die Solisten keine Informationen gibt. Denn sicherlich gehören einige zum Ensemble der Oper, das ja im Zuge diverser Sparideen auch schon mal weg rationalisiert werden sollte. Ihnen vor allen gebührt Bewunderung für den Einsatz in teilweise bis zu drei verschiedenen Rollen. Und natürlich auch Peter Rundel, dem Altmeister in Sachen Neuer Musik, der die Fäden dieser hochkomplexen Produktion mal wieder souverän in der Hand behielt. Wenn dann am Ende doch eine etwas gefühllose Leere zurück bleibt, dann, weil die Laborfiguren auf der Bühne keine menschliche Spiegelung zulassen. Diese Wahnsinnswelt ist eben virtuell. Vielleicht hätte die Musik hier und da aus dem Begleitmodus heraus deutlicher eine Führungsrolle übernehmen können. Aber alles in allem der szenische Furor ist einfach unglaublich und wurde im ausverkauften Haus auch zurecht bejubelt.

Weitere Aufführungen: 13./15. Februar und 7./30. März jeweils 19.00 Uhr.
Universums-Stulp Cover

Das ist das Coverbild des Romans „Der Universums-Stulp“ von Eugen Egner, 1993 im Haffmans Verlag erschienen. Das Buch ist längst vergriffen. Eine e-book Version ist unter www.publie.de erhältlich. Und wie der Wuppertaler Autor und Comiczeichner zum Libretto-Lieferant einer Musiktheaterproduktion geworden ist, hat er in einem Interview kurz vor der Premiere am 7.2.2014 verraten. (Ausschnitt aus dem Interview)