Alle Beiträge von Sabine Weber

Opéra du Rhin in Straßburg und die Staatsoper in Nürnberg geben eine Oper nach „Quai Ouest“ vom Kultdramatiker Bernard-Marie Koltès in Auftrag. Am 28. September war die Uraufführung in Straßburg

„Ich schreibe im Grunde genommen nur, um Schwarze und Araber und Türken auf der Bühne zu sehen.“ Mit solchen Aussagen hat der zeitgenössische französische Kultdramatiker Bernard-Marie Koltès die Kulturszene geschockt. In die französische – und auch deutsche – Bühnenlandschaft ist er wie ein Meteorit eingeschlagen. Und bald verglüht. Mit 41 Jahre – in diesem Jahr vor genau 25 Jahren – ist er an Aids verstorben. Das hat zu seinem Mythos mit beigetragen. In den 80er Jahren bringen seine Stücke Schauplätze ins Theater, die dem Kino vorbehalten scheinen. Er bevölkert Autobahnen, Industriebrachen oder kaputte Bars mit Strichern, Junkies, Ganoven, Migranten und Ausländern. Schon die Titel sprechen für sich: „Der Kampf des Negers und der Hunde“ oder „Die Einsamkeit der Baumwollfelder“. Patrice Chéreau entdeckt ihn und inszeniert seine Stücke. Auf der Bühne des berühmten Pariser Vorstadtheaters in Nanterre erschüttern die in Dialogen ausgelebten sozialen Kollisionen und Auseinandersetzungen. Koltès begreift sie als eine natürliche Folge von Migrations- und Globalisierungsprozessen, lange bevor diese Begriffe geprägt wurden. „Quai West“ ist Magrationstheater pur. Wie wegweisend seine Stücke noch heute sind, hat die Staßburger Opéra du Rhin begriffen. In Kooproduktion mit der Staatsoper in Nürnberg hat sie den Stoff von „Quai West“ als Oper auf die Bühne gebracht. Der aus Marseille stammende Komponist Régis Campo hat das von Regisseur Kristian Frédric und Florence Doublet adaptierte Libretto vertont. Am 27.9.2014 war Premiere.
Ein Audio-Beitrag von Sabine Weber

 

Gidon Kremer meldet sich zu Wort !

Gidon Kremer meldet sich zu Wort! In Riga ist der lettische Geiger geboren, in Moskau hat er bei Igor Oistrach studieren dürfen, 1980 ist er in den Westen emigriert. Ein Jahr später gründet er sein eigenes Kammermusikfestival in Lockenhaus. Als künstlerischer Leiter eines eigenen Streichorchesters bleibt er aber stets seiner künstlerischen Heimat, der Musik Russlands und natürlich des Baltikums verpflichtet. Vielleicht ist seine „offene“ persönliche Nachricht die richtige Erwiderung auf die kriegsrasselnden Schlagzeilen über Putin in den Tageszeitungen heute morgen! Und ein bisschen Werbung natürlich in eigener Sache. Heute Abend tritt die Kremerata Baltica in der Semperoper auf. Das ursprüngliches Programm „All about Gidon“ hat er in „Mein Russland“ umgewidmet.

Persönliche_Nachricht_von_Gidon_Kremer

„Auch die Musiker müssen auf die Berge“, hat Reinhold Messner gefordert!

 

Foto: Andreas Panzenberger
Foto: Andreas Panzenberger

„Auch die Musiker müssen auf die Berge“, hat Reinhold Messner gefordert! Sie könnten dann die Höhenerfahrung in Musik umsetzen!

Es müssen ja auch nicht die Achttausender sein. Auch wenn ihn die Erstbesteigung aller Achttausender weltberühmt gemacht.  „Auch die Musiker müssen auf die Berge“, hat Reinhold Messner gefordert! weiterlesen

Ruhrtriennale! Absurdes, groteskes, großartiges Musiktheater! Romeo Castelluccis spektakulär experimentelle Sicht auf Morton Feldmans Oper Neither in der Bochumer Jahrhunderthalle

Der Librettist bleibt meistens eine Schattengestalt. Der Komponist geht in die Annalen ein. Im Fall der Oper Neither von Morton Feldman, 1977 in Rom uraufgeführt, ist der Librettolieferant Samuel Beckett vielleicht der bekanntere. Der Protagonist des absurden Theaters (Warten auf Godot aus dem Jahr 1953) lieferte allerdings nicht mehr und nicht weniger als 16 Zeilen mit 87 Wörter! Absurd? Grotesk? Sicherlich! Aber die aphoristisch angerissenen abstrakten Bilder, die mit Paradoxien der Wahrnehmung spielen, korrespondierten exzellent mit der Idee einer abstrakten Musik von Morton Feldman. Klänge im Fluss, die immer in neuen Möglichkeiten aufscheinen, die weder so noch so, immer gleich sind und doch anders aufscheinen. (Von Sabine Weber)

(6. September 2014, Bochumer Jahrhunderthalle) Becketts Wörter, die von „inneren Schatten“ sprechen, die „äußere“ sind, von „undurchdringlichem selbst“, die zu einem ebensolchen „selbst“ durch das Wörtchen „weder“ finden wollen oder von Türen, die sich schließen, wenn man sich ihnen nähert und öffnen, wenn man sich entfernt – dieses Bild diente meistens als Rettungsanker bisheriger Inszenierungen – hat Morton Feldman in einer Sopranpartie so verarbeitet, dass sie unverständlich bleiben, und als Vokalisen oder Tonrepetitionen über den Orchesterklängen schweben. Der 1960 in Cesena geborene italienische Theatermacher Romeo Castellucci braucht aber keine Rettungsanker. In seinen Bildern stechen sich Männer gegenseitig ab, fahren Autos und Lokomotiven aus einer schwarzen Giebelwand heraus, lauern Gangster in Mäntel und Hüten einer Frau (die Sopranstimme) auf, entführen ein Kind, das von Ärzten auf einem Op-Tisch ausgeweidet wird, verschwindet die Frau auf mysteriöse Weise und ist im Raum nur noch als Stimme zu hören, bis sie am Ende nur noch mit einem Bein auf dem Boden sitzt und den Mund zu einem wortlosen Schrei geöffnet hat.

Castellucci entwirft einen Krimi in Film noir Ästhetik

In seinem Krimi in Film noir Ästhetik der 1940er Jahre geht es nicht wirklich um Tatmotive, auch nicht um die Erzählung einer tatsächlichen Geschichte. Es geht um Assoziationen, die ausgelöst das eben Wahrgenommen sofort wieder anders scheinen lassen. Übrig bleibt der Schauer und die Spannung im Erlebnis dessen, was immer wieder Überraschungen bietet. Das Unvereinbare einer vieldeutigen Wahrnehmung, der wir oft genug ausgesetzt sind, wenn wir vernunftgeleitete Regelkorsette abwerfen. Das bringt der radikale und innovative Regisseur in anschauliche Bilder! Dass er dabei auch die Jahrhunderthalle mit ihrem unglaublichen Hallentief und auch noch die Oberlichter – mittels eines außen aufgestellten Krans und darüber gehievten Scheinwerfern mit einbezieht, die ins Dunkel fahren und die einmalige Eisenkonstruktion ausleuchten, ist großartig. In der Halle gerät alles unter Verdacht und in bewegte Unsicherheit! Die Möbel, die von der schwarzen Giebelwand vor sich hergeschoben und wie von Geisterhand bewegt tanzen, bis hin zur Tribüne, die von einer Lok in schwenkenden Lichtkegeln nach hinten geschoben wird, bis die vorderen Reihen aufbrechen, sie in die Tribüne hineinfährt und sich und die Zuschauer mit Dampf einhüllt.

Feldman klingt stellenweise wie eine Bernard Herrmanns Psycho-Musik

Da muss man dann an das Bild der Lok denken, die 1885 in Paris die Wand des Gare Montparnasse durchbrach, ein Bild, das den Surrealisten als Fanal für einen möglichen Durchbruch in andere Realitäten diente. Beindruckend ist, wie Castellucci auch einzelne Textaussagen visualisiert. „Ungehörte Tritte einziger Laut“: graue Kumpels mit Stirnlampen marschieren mit einem fleischrosaroten Bein lautlos nach vorne und stellen es vor ein Mikrofon. Ein unglaubliches Schlussbild. „Dann kein Laut“ heißt es ja auch in der viertletzten Zeile von Becketts Libretto. Unglaublich auch, wie die Musik Feldmans stellenweise wie Bernard Herrmanns Musik zu dem Hitchcockfilm Psycho mit Castelluccis Bildern verschmilzt. Und der Psychozustand, der sich in dem Wort „Neither“ verbirgt, in einem nie sich gewiss sein können, „weder so noch so“ oder „weder noch“ zitiert Castellucci ganz am Anfang als Prolog vor dem Beginn der Oper Erwin Schrödingers Katze. Das war eine Versuchsanordnung von 1935 mit Kiste und einer Katze drin, die eine philosophische Erkenntnis der Quantentheorie veranschaulichen sollte. Nämlich die, dass unvereinbare Zustände, festgemacht an Beobachtungen von Atomen, übertragen auf das Beispiel von tot und lebendig, gleichzeitig möglich sind. Und sowohl eine tote wie auch eine lebendige Katze geistern durch den Abend! Zu erwähnen ist auch unbedingt, dass die Sopranistin Laura Aikin ihre hohe Sopranpartie bravourös gemeistert hat. Begleitet haben die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung des Neuen Musik Spezialisten Emilio Pomarico, die den differenzierten Klängen und Motivspielen Morton Feldmans Leben eingehaucht haben.

Ein weiteres Theater der Abwesenheit – Goebbels Überthema seiner letzten Ruhrtriennale

Natürlich ist Neither keine Oper, in der es um menschliche Konflikte, tränenrührige Liebesgeschichten oder Eifersuchtsdramen oder Tugenden geht, die herausgestellt werden. Aber das hatte Ruhrtriennale-Intendant Heiner Goebbels ja auch für sein letzten Jahr angesagt, eine Art Theater der Abwesenheit. Also Oper mal ohne die ewig abgehandelten emotionalen Auseinandersetzungen. Und das kann funktionieren! Mit diesem Opernereignis ist jedenfalls dass Alleinstellungsmerkmal des Ruhrtriennalen-Konzepts als ein Festival mit unkonventionellen Bühnenumsetzungen unter Einbezug der einmaligen Industriedenkmäler, man müsste besser Industriekathedralen sagen, dick unterstrichen worden. Und so konsequent wie kaum ein Intendantenvorgänger vor ihm, hat Heiner Goebbels sich dem Avantgarde Musiktheater verschrieben – ohne gemütliche Zugeständnisse zu machen. Das ist mutig und großartig zugleich.

Die französische Regisseurin Béatrice Lachaussée erhält den Studio-Preis der Götz-Friedrich-Stiftung!

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie französische Regisseurin Béatrice Lachaussée erhält den Studio-Preis der Götz-Friedrich-Stiftung für ihre Inszenierung von Wolfgang Rihms Kammeroper »Jakob Lenz«, die am 22. März 2014 in der Trinitatiskirche in Köln Premiere gefeiert hat! Und inszeniert erneut an der Oper Köln!

Es ist nur ein kleiner Preis, was die Dotierung über 2.500 Euro angeht, aber ein großer Anerkennungspreis für die junge französische Regisseurin Béatrice Lachaussée. Diese Inszenierung war nämlich ihr deutsches Regiedebüt.
In der Inszenierung (Bühne & Kostüme: Nele Ellegiers) mit Bariton Miljenko Turk in der Titelpartie des schizophrenen, hochbegabten Dichters Jakob Lenz – es musizierte das Gürzenich-Orchester Köln unter der Alejo Pérez- hob die Presse mehrheitlich hervor, wie kunstvoll die Regisseurin Akustik und Atmosphäre des Kölner Kirchenschiffs mit der sich steigernden Dramatik des von inneren Stimmen geplagten Protagonisten verdichtet hat.
Béatrice Lachaussée wird auch in der aktuellen Saison wieder für die Oper Köln inszenieren, und zwar für die szenische Umsetzung von Leoš Janáceks »Tagebuch eines Verschollenen« sorgen. Am 30. Mai 2015 findet die Premiere im Kölner Kolumba-Museum statt.

Die Ruhrtriennale 2014 hat begonnen!

Die Ruhrtriennale hat am Wochenende die Industriekathedralen im Nordrhein-Westfälischen Ruhrgebiet geöffnet. Einen Monat lang machen Künstler und Performer in den einstigen Industriebrachen auch in diesem Jahr wieder mobil. Die Kraftzentrale im ehemaligen Industriegebiet Duisburg-Nord (um 1900 für zehn gichtgasbetriebene Großmaschinen zur Stromerzeugung und Gasgebläse zur Hochofenwinderzeugung errichtet) ist der stattlichste Veranstaltungsort. 170 Meter lang, 35 Meter breit und 20 Meter hoch! Hier hat Intendant und Regisseur Heiner Goebbels seine dritte und letzte Spielzeit eröffnet, mit Louis Andriessens Musiktheater De Materie, von ihm selbst opulent inszeniert.
Von Sabine Weber

(Duisburg, 15.08.2014) Die Ruhrtriennale will Werken ihren Industrieraum öffnen, die an herkömmlichen Spielstätten keine Chance haben. Dazu zählte John Cages Opernpersiflage Euoroperas 2012, auch das mit eigenem Instrumentarium ausgestattete Konzerttheater Harry Partchs aus dem letzten Jahr und sicherlich das vierteilige Bühnen-Werk des Niederländers Louis Andriessens, das am 15. August die letzte Spielzeit unter Intendant und Regisseur Heiner Goebbels eröffnet. 1989 in Amsterdam in der Regie von Robert Wilson über die Bühne gegangen, hat niemand De Materie seitdem mehr angefasst. Mit nicht weniger als 144 gezählten massiven Orchester-Schlägen in drei Sekunden-Abständen von dem zu einem Orchester aufgerüsteten Ensemble modern unter Peter Rundel durch die Riesenhalle gejagt, meldet es sich in deutscher Erstaufführung gewaltig zurück. Heiner Goebbels wartet in dieser Ideen-Oper ohne Handlung, in der auf einer abstrakten Ebene der uralte Kampf von Geist und Materie angestoßen wird, mit imposanten Bildern auf. Eine Halle wie die Kraftzentrale wirkt ja schon an sich. Erst recht, wenn leuchtende Zeppeline – bis auf minimal fiepende Steuergeräusche abgesehen – lautlos wie von Geisterhand gesteuert durch die dunkle oder farbig ausgeleuchtete Halle schweben. Oder wenn während eines Intermezzos eine Schafherde in geheimnisvoll kreisenden Schwarmbewegungen sich unter einem je nach Perspektive wie ein Vollmond leuchtender Zeppelin bis nach vorne schiebt. Wiederum zu unendlich wiederholten Orchesterklangschlägen, die leider irgendwann das meditative Bild zu stören beginnen. Es hatte den Anschein, die Schläge müssten ad libitum wiederholt werden, bis die Herde sich wieder nach hinten verzogen hat. Die farbmächtig ausgeleuchteten abstrakt gehaltenen Bühnenbilder – der in senfgelb durchleuchtete Wolken-durchzogene imaginäre Kadethralraum für die Vision einer niederländischen Nonne – sind eindrucksvoll und ästhetisch schlüssig. Aber Staunen über Bilder ist kein Spannungsgarant für anderthalb Stunden. Dass ein Chor (Chorwerk Ruhr) Auszüge aus der Freiheitserklärung der spanischen Niederlande rezitiert oder aus einem originalen Bekenntnis einer mittelalterlichen Nonne, die eine Unio mystica in erotisch anspielenden Worten überliefert hat, sind noch lange kein Bühnendrama. Unterhaltsam sind die Jazzklänge im vierten Kapitel über Piet Mondrian und theoretische Stilüberlegungen über Linienperspektiven im Libretto, wiederum rezitiert vom Chor, aber durchzogen von einer schmissigen Boogie-Woogie-Einlage. Mondrian habe den Jazztanz geliebt, erklärt das Programmheft. Also dürfen auch zwei Tänzer in 20er Jahre Hosen sich akrobatisch auslassen. Das im letzten Teil die Nobelpreisträgerin Marie Curie auf der Bühne dargestellt wird, hat wohl den Grund, dass sie eine Materie mit besonderen immateriellen (geistigen) Eigenschaften entdeckt hat, nämlich radioaktives Plutonium. Musikalisch ist die Durcharbeitung der wie eine Sinfonie in vier Sätzen aufgebaute Musik mit Stilformen wie der Toccata (Schläge!) oder Passacaglia und auch eingewobenen Zitaten durchaus intellektuell anregend. Dennoch sind das keine Bühnentheatralische Pluspunkte. Das ganze bleibt ein Ideentheater, das ohne menschliches Drama emotionslos bleibt. Also ein musikalischer Essay mit theatralen und durchaus spektakulären Illustrationen, wie es in einem Programmhefttext beschrieben wird.

Vorbereitungsarbeiten in der Duisburger Gebläsehalle für den Knochenstaubtanz. Foto: Wurzbacher
Vorbereitungsarbeiten in der Duisburger Gebläsehalle für den Knochenstaubtanz. Foto: Wurzbacher

Spektakulär ist auch der von Romeo Castellucci mittels 40 Maschinen inszenierte Knochenstaubtanz auf Igor Strawinskys Sacre du printemps in der Duisburger Gebläsehalle gleich nebenan. Sechs Tonnen Knochenstaub rieselt aus den an Gestängen besfestigten Trichtern, die gesteuert von Zeituhren, erkennbar an den rot blinkenden Zahlen auf den Geräten, zu den Akzenten der Musik sich drehen, wirbeln, hoch und runter fahren, auch spucken und einmal sogar gegen die das Publikum schützende durchsichtige Isolierfolie schießen! Auch Knochen fallen! Die Idee dieses Maschinenballetts: Knochenstaub soll eine Metapher für Ritus, für die Erde und vieles Archaisches mehr sein. Das staubige Ritual in der „antike“ Gebläsehalle bleibt dennoch ein rein ästhezisitisches und hat nichts mit der Idee der Wiedergeburt des Frühlings durch ein blutiges Opfer zu tun! Aber das Maschinenballett lockt das Publikum! Wegen der starken Nachfrage, mussten schon zusätzliche Aufführungstermine gefunden werden. Und man ist schon gespannt auf Romeo Castelluccis Inszenierung von Morton Feldmanns Oper Neither, die am 6. September ihre Premiere in der Bochumer Jahrhunderthalle erleben wird. Wer ins Ruhrgebiet aufbricht, sollte sich Zeit nehmen, die Industriebrachen zu besichtigen, zu entdecken und zu erleben. In Duisburg-Nord gibt es in der Hochofenstraße von dem brasilianischen Künstlerduo cantoni-crescenti eine 70 Meterlange begehbare und auf Federn vibrierende Metallplatte, die je nach Masse und Bewegung enorm lärmt, aber vor allem dem Publikum ein Lächeln auf die Lippen zaubern soll.
Auch einige Museen in den Stadtzentren sind in diesem Jahr wieder mit einbezogen. Eine Video-Installation im Folkwangmuseum in Essen zieht besonderes Interesse auf sich. Unter dem Titel Eine Einstellung zur Arbeit ist dort das letzte Projekt von Harun Farocki zu erleben, das er in mehrjähriger Arbeit mit Antje Ehmann entwickelt hat. Der deutsche Kult-Videokünstler ist am 30. Juli plötzlich verstorben. Seit Mitte der 1990er hat Farocki seine Filmarbeiten zunehmend vom Kino in den Kunstraum verlegt. Mehr als 120 Filme werden weltweit in Galerien, Museen und Biennalen gezeigt. Die Ruhrtriennale ist unverhofft Gastgeberin seiner letzten von ihm kuratierten Ausstellung geworden. Kurzfilme – nicht länger als zwei Minuten und aufgenommen aus einer Perspektive ohne Schnitte, Schwenks und Kamerafahrten – zeigen Arbeiter aus zehn Metropolen dieser Erde. Ein gelegtes Gnu wird am Straßenrand beschlagen, ein Glasbläser feuert mit einem Handbunsenbrenner auf eine Glasröhre, OP-Besteck wird sortiert, oder ein Kehrmännchen sammelt Müll in einen rostigen Handkarren. Das alles wurde gefilmt von jungen Dokumentarfilmern, die Farocki und Ehman in Workshops rund um den Globus betreut haben. In Endlosschleifen laufen die Filme auf Bildschirmen, die von der Decke eines Raumes wie ein Blätterwald hängen. Sie dokumentieren, wie auch Farocki gefilmt hat. Auf Augenhöhe, um mit lebensechten Bildern zum Nachdenken anzuregen über soziale, kulturelle und auch politische Themen.

Weitere Informationen zu allen Veranstaltungen noch bis zum 28. September 2014 unter www.ruhrtriennale.de

Das Kammerorchester Carl Philipp Emmanuel Bach löst sich auf und winkt unter Hartmut Haenchen zum letzten Mal mit den drei letzten Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart!

Berlin Classics Best.Nr. 0300587BC
Berlin Classics Best.Nr. 0300587BC

Wer den Dirigenten Hartmut Haenchen im Juni, im Toulouser Opern-Orchestergraben zur Richard Straussens Daphne-Premiere erlebt hat, konnte sich davon überzeugen, dass der Anfang 70jährige ein unermüdlicher Kämpfer für die Partitur geblieben ist – auch gegen ein widerständiges Orchester (siehe Premierenbericht). Davon kann natürlich beim Carl Philipp Emmanuel Bach Kammerorchester keine Rede sein! Obwohl Haenchen als junger Schweriner Generalmusiker gerade seines Amtes enthoben, weil er sich den musikalisch inakzeptablen Wünschen zu einem Staatstragenden Fest nach DDR-Maßstab nicht gefügt hat – kürt ihn das Carl Philipp Emmanuel Bach Kammerorchester im Berliner Osten 1980 zu seinem Chef. Das war die Wahl für einen musikalischen Überzeugungstäter! Und der laut Stasi-Akten als „Staatsfeind“ geführte Dirigent ist hartnäckig! Er schwört sein Ensemble auf den Namensgeber ein. Und da Aufführungen schwierig sind, konzentriert man sich auf Aufnahmen. Die Gesamtaufnahme aller 18 Sinfonien von Carl Philipp Emmanuel Bach geht dann auch als eine Pionierleistung in die Geschichte ein. Vor allem im Westen sorgt sie für Furore und Preise, in der DDR für Reputation, vor allem Devisen und leitet die Rehabilitierung ein. 1986 darf Haenchen sogar mit dem Segen Honeckers seinen ersten Auslandsjob in Amsterdam antreten. All das sind sicherlich Gründe, warum Haenchen seinem Kammerorchester bis zuletzt die Treue gehalten und mitgeholfen hat, auch die Wende ohne nennenswerte staatliche Hilfe zu überleben und eine eigene Reihe im Berliner Konzerthaus zu gestalten. Aber jetzt ging es nicht mehr weiter mit dem ehrenamtlichen Engagement von Musikern, Solisten und auch des Dirigenten.

Mit den drei letzten Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart ist im Mai diesen Jahres im Berliner Konzerthaus ein fulminanter Schlussstrich gezogen worden. Der Bundespräsident höchst persönlich saß im Publikum. Die jetzt erschienene Live-Aufnahme krönt und beschliesst eine Serie von ungefähr 50 Aufnahmen. Auch auf dieser letzten stellt Haenchen noch einmal alle Vorzüge des Orchesters en nuce vor: eine kammermusikalisch durchdachte Musizierweise zugunsten eines absolut transparenten Klanges. Den Mut zu gezügelten und ausmusizierten Tempi, wie beispielsweise im ersten Satz der g-moll Sinfonie Nr. 40. Details scheinen auf, die so gern mit Schwung überfahren werden. Das Vibrato bei den Streichern ist wohl dosiert. Ein Dirigent der Klangorgien ist Haenchen ja auch nie gewesen. Lieber schenkt er den kleinen und für das große Ganze bei Mozart doch auch so wesentlichen Momenten Bedeutung und arbeitet sich an ihnen hingebungsvoll ab. Das Carl Philipp Emmanuel Bach Kammerorchester setzt die Ideen hervorragend um. Man spürt die Symbiose zwischen Musiker und Dirigent. Es sind in jedem Moment hörbar beglückende drei letzte Sinfonien!
Sabine Weber

CD-Favoriten: Rival Queens! Vivica Genaux und Simone Kermes veranstalten barockes Diventheater und schleudern mit Arienkostbarkeiten nur so um sich!

Sony Classical Best.Nr. 88843023662
Sony Classical Best.Nr. 88843023662

„Gemeiner, Grausamer, Verräter! …“ Wut steht Diven meist gut zu Gesicht! Aus eher leisen Registern entwickelt Simone Kermes ihren Zündstoff. Plötzlich bricht es dann messerscharf hervor. Und schon verlöscht die Flamme wieder in zischenden Sprachlauten, um an anderer Stelle wirkmächtig wieder aufzulodern. Vivica Genaux liebt eher den Frontalangriff. Mit Schmelz, Volumen und schier nicht zu bremsenden Koloratursalven zwingt die USAmerikanierin den Gegner in die Knie. Oder die Gegnerin? Diventheater ist schon immer Karrierefördernd gewesen! Das hat der legendäre Zickenkrieg von Francesca Cuzzoni (Parma) und Faustina Bordoni (Venedig) bereits Anfang des 18. Jahrhunderts bewiesen. Und weitaus mehr Komponisten als bekannt, haben sich darum gerissen, den Damen das Arsenal zu füllen. Wer hätte je von Giuseppe Arena einen Tito, von Geminiano Giacomelli einen Scipione oder Attilio Ariosti einen Lucio Vero auf der Bühne erlebt? Mit 12 Arien in Weltersteinspielung wartet die CD auf, das sind Pfunde! Gut, nur Arien. Und ob die Opern zu Aufführungen taugen ist damit noch nicht gesagt. Aber was zu hören ist, ist hochexplosives Rüstzeug für gurgelgeläufige Diven. Und Kermes und Genaux, so unterschiedlich sie in ihrem Timbre und Singverhalten auch sein mögen, ergänzen sich großartig, beispielsweise im Duetto di Cloefide e Poro aus Cleofide von Johann Adolf Hasse. Das haben die Cuzzoni und die Bordoni damals nicht hinbekommen. Auf der Londoner Bühne des King’s Theatre sind sie aus ihren Rollen gefallen und haben sich offen angegiftet. Ein Skandal! Zur Freude des Publikums, der Pamphletisten und Karikaturisten. Das hat die Fan-Gemeinden natürlich gespalten. Schwer zu sagen, wem man auf dem nachgestellten Schlagabtausch der aktuellen CD den Vorzug gibt. Die Stimme der Kermes ist nicht groß, klingt manchmal auch eng. Ihre Kadenz vor dem Da capo in Villanel la nube estiva ist trotz der Spitzentontiraden Geschmackssache. Aber sie wagt etwas, ist außerdem eine Virtuosin in der Ausgestaltung kleiner und überaschender Details, weswegen man ihr affektgeladene Manirismen auch sofort verzeiht. Es knistert, wenn sie singt! Der Mezzo der Genaux, mit deutlich mehr Vibrato, ist immer kurz vor der Explosion. In den Koloraturen scheint sich die Stimme schon einmal fast zu überschlagen und bekommt sogar manchmal etwas ravissant bellendes. Das sprudelnd Wilde wirkt aber nie unkultuviert, eben nur wie aus einem Urgrund hervorbrechend. Die unterschiedlichen Qualitäten der Damen ergänzen sich perfekt. In der Gegenüberstellung und im Duett. Hier stehen sich zwei ebenbürtige Diven gegenüber, und man könnte sich beim Hören vorstellen, wie sie sich wutschnaubend die Perücken vom Kopf zupfen und dann Mitleidheischend dem Publikum Dekolleté und Leid ofenbaren. Sie werden ja auch bestens angeheizt von der Cappella Gabetta, geleitet von Andrés Gabetta. Wer italienische Barockopern und Koloraturstarke Diven im Extremeinsatz liebt, der ist mit dieser CD wirklich gut bedient!
Sabine Weber

Premieren, Streik und Entdeckungen auf dem Festival d’Art lyrique in Aix-en-Provence

Die Kultur ist in Gefahr! Steht auf dem Plakat über dem erzbischöflichen Palast in Aix-en-Provence. Foto: Sabine Weber
Die Kultur ist in Gefahr! Steht auf dem Plakat über dem erzbischöflichen Palast in Aix-en-Provence. Foto: Sabine Weber

Aber auf dem kleinen von Platanen beschatteteten Platz vor dem erzbischöflichen Palast herrscht wieder Normalität! Jeder Bistrottisch ist besetzt. Auch die eingedeckten Esstische daneben, und an ihnen vorbei pilgert ein Strom von Menschen zum Holztor des Palastes, das weit offen steht. Im Innenhof findet heute Abend eine weitere Vorstellung von Georg Friedrich Händels Ariodante statt. Neben uns am Esstisch sitzen eine Dame, sorgfältig geschminkt und frisiert, und ihr Begleiter. Beide um die 80 Jahre alt. Sie warten auf die Bedienung, die nicht kommt. Alle wollen jetzt bezahlen und gleich in die Vorstellung. Die Dame wedelt geduldig mit Geldscheinen, gerade abgezupft von einer Geldnadel, die sie aus der Hemdbrusttasche unter der dicken Strickjacke hervor gezogen hat. Der Mistral der letzten Tage war wild und kühl. Aber er hat nachgelassen, wie auch die Unruhen bei der Festivalseröffnung. Die „Intermittents“, die auf Zeit beschäftigten künstlerischen Festivalmitarbeiter, haben ihren Unmut über gerade von der Regierung abgesegnete Kürzungen ihres Aufstockungsgehaltes ziemlich deutlich gemacht. Vor der ersten Premiere von Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberflöte im Großen Theater jenseits der Altstadt legten sie sich quer vor den Eingang. Das Publikum musste über sie hinwegsteigen. Die zweite Premiere, die erste auf der traditionellen erzbischöflichen Open-air Bühne im Innenhof, wird mit heftigem Protestlärm – Pfeifen und Topfschlagen – einen Akt lang akustisch beschossen. Das hat man in den leisen und delikaten Stellen, die das Freiburger Barockorchester und auch das Sängerensemble zu bieten hatte, schmerzlichst gespürt. Auf der Hochtribüne hinten hat man das Orchester gar nicht mehr hören können. Angeblich seien militante Intermittents einmal hinter die Bühne vorgedrungen und hätten die Sängerin der Titelpartie, Sarah Conolly, gehindert auf die Bühne zu kommen. Tatsächlich wurde die Aufführung mehrfach unterbrochen. Unter anderem, weil eine Alarmanlage ausgelöst wurde. Ein Frankreich-weit ausgerufener Generalstreik beschert der nächsten Freiluft-Premiere das komplette „aus“. Das Publikum und auch die Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski konnten sich also das WM Spiel Deutschland gegen Frankreich anschauen. Die nachgeholte Premiere von Gioacchino Rossinis Turco in Italia findet dann drei Tage später nur konzertant, und zwar im Grande Theatre statt. Dieses 2007 von der Region dem Festival geschenkte hypermoderne Theaterhaus, dessen Architektur an den leuchtenden Berg Mont Sainte Victoire vor der Stadt erinnern soll, wirkte mit den rundum geschlossenen Eisentoren allerdings wie ein Hochsicherheitstrakt. Während der Pause darf das verbarrikadierte Gelände nicht verlassen werden. So fühlt sich kein erquicklicher Premierenstart an. Der mediterrane Süden und das Ambiente der Stadt Aix-en-Provence bleibt ausgeblendet. Vor allem ist man von den künstlerischen Leistungen abgelenkt, die trotz der Widrigkeiten ja hier erbracht wurden. Als Sarastro in eben diesem Hochsicherheitstrakt am Beginn des zweiten Aktes der Zauberflöte die Vision einer friedlichen Zukunft heraufbeschwört, hofft man das inständig für Frankreichs Sommerfestivalbühnen. Auf dem Theaterfestival in Avignon mussten nämlich alle Auftaktpremieren abgesagt werden. Auch das hiesige Festival hat 2003 schon einmal einen Streik der Intermittents erlebt. Wegen aktiver Störaktionen musste damals das ganze Festival abgesagt werden. Dieses Mal hat man vorsorglich Absprachen getroffen. Das Festival stellt sich hinter die Forderungen seiner off-stage Arbeiter und unterstützt deren Anliegen mit Ansagen vor oder nach dem Konzert und mit Erklärungen im Programmheft. Dafür wird ein ungestörter Ablauf garantiert. Unfair also, dass sich eine Truppe von Störern nicht an die Abmachungen gehalten hat. Denn letztendlich sind die auf Zeitbeschäftigten von diesem Arbeitgeber mitabhängig. Man darf sich natürlich auch fragen, warum die französische Regierung ausgerechnet kurz vor Beginn der Festivalsaison, also Anfang Juli, die Neuregelungen abnicken musste. Das könnte man zynisch als „friendly fire“ bezeichnen. Die finanzielle Not, der Sparzwang scheinen groß zu sein. Jedenfalls hat das Festival hier, auch wenn es eines der traditions- und prestigträchtigsten in Frankreich ist, für zurückgegebene Billette und ausgefallene Vorstellungen keine Ausgleichzahlungen zu erwarten.

Sarah Conolly als Ariodante, Petricia Petibon, seine Braut, und Luca Tittoto als noch-glücklicher Vater im ersten Akt! Foto: Pascal Victor
Sarah Conolly als Ariodante, Petricia Petibon, seine Braut und Luca Tittoto als glücklicher Vater im ersten Akt! Foto: Pascal Victor

Gott-sei-Dank hat sich ein großer Teil des Publikums als stoisch euphorisch erwiesen!
Über das Sängeraufgebot gab es auch wirklich nichts zu meckern. In Ariodante setzt das Ensemble, begleitet vom Freiburger Barockorchester unter Andrea Marcon, Spielfreude gegen Störaktion. Der König im Schottenrock, der Schurke im Priestergewand. Im zweiten hochemotionalen Akt in ihrer großen Arie Scherza infida Sarah Conolly als Ariodante im Holzfällerlook – bis hin zur berühmten Wahnssinnsszene im dritten Akt, in der Patricia Petibon nur im Nachthemd eine nicht zu überbietende Verzweifelte gibt. Am Ende packt sie trotz glücklichem Ausgang die Koffer und zieht aus. Im erdrückend engen Spießermilieu eines schottischen Highland-Clans – nur in einer Steinhütte wird gespielt – ist das für Regisseur Richard Johnes eine zwingende Notwendigkeit.
In der Zauberflöte lässt die Männergesellschaft die Frauen insgesamt sehr alt aussehen. Die Königin der Nacht trällert im Rollstuhl – treffsicher und klangewaltig trotz Koloraturenzirkus, Kathryn Lewek. Oder die Frauen geben sich militant, wie die drei Damen in Tarnanzügen. Diese Deutung offenbart nichts Neues. Regisseur Simon McBurney erobert aber etwas vom Stegreifspiel der Uraufführungsbühne – dem Theater an der Wien – zurück. Neben dem beweglichen schwarzen Bühnenboden gibt es ein spontan improvisiertes Bilder und Geräuschkabinett. Mit allerlei Gerätschaften zur Hand kreieren und projizieren ein Bild-, beziehungsweise Geräuschkünstler zum laufenden Geschehen Effekte, die das Bühnenbild ersetzen und auch die Sprechdialoge begleiten.

Mari Eriksmoen als Pamina im Videostrudel. Foto Pascal Victor
Mari Eriksmoen als Pamina im Videostrudel. Foto Pascal Victor

Die Sänger sind auch hier durch die Bank vorzüglich. Da nimmt man hin, dass die meisten mit Akzent und Stütze die Singspieldialoge verkünsteln. Überrascht haben die drei kleinen Solisten vom Knabenchor der Chorakademie in Dortmund. Trotz Glatze und Gehstock gebeugt hutzelig – Kinder gehören hier auch auf die Verliererseite – sind sie spitzenmäßig und wirklich singende Weltklasse!

Foto: Pascal Victor
Foto: Pascal Victor

An den Dirigenten gäbe es schon etwas herumzukriteln. Pablo Heras-Casado scheint die Sänger mehr oder weniger alleine lassen zu wollen. Und ein verschlepptes Tempo wie in Paminas Arie Ach, ich fühl’s im zweiten Akt ist alles andere als ein Garant für mehr Ausdruck. Immer nur vorwärts und noch schneller stürmende Tempi sind bei Marc Minkowski angesagt. Den zwar seltenen aber dennoch vorhandenen besinnlichen Momenten in Gioacchino Rossinis Il Turco in Italia will er nicht nachgeben. Bewundernswert packen die Sänger an Parlandogeschwindigkeit, kurz vor dem Endspurt, auch eins drauf. Olga Peretyatko als launisch-volante und in den Höhen Koloraturfeste Fiorilla. Ihre Verzeiharie zum Schluss ist der Höhepunkt des Abends. Lawrence Brownlee, Fioriallas „offizieller Geliebter“, ist man tags zuvor in den Gassen von Aix vor sich hin trällernd begegnet. Alessandro Corbelli, ein gehörnter Ehemann, wie man ihn sich vorstellen mag, und nicht zuletzt Pietro Spagnoli ist ein witziger Schriftsteller, der in diesem emotionalen Beziehungsdurcheinander den Kick für eine Story zu finden hofft, als eine türkischer Ausländer sich einmischt und von Fiorilla angebaggert wird oder umgekehrt.

Zwei weitere inszenierte Premieren der besonderen Art sind die Winterreise von Franz Schubert mit Video-Animationen vom südafrikanischen Künstler William Kentridge. Die bewegten, zumeist schwarz-weiß lavierten Tusche- oder Kohlezeichnungen mit afrikanischen Landschaften, Bäumen, Steppen und Menschensilhouetten bleiben aber ein Medium für sich und ohne Interaktion zu dem Bariton Matthias Goerne und seinem Begleiter Markus Hinterhäuser. Katie Mitchells inszenierte Trauernacht im Rokokotheater du Jeu de Paume, mit Auszügen aus dem Leipziger Kantatenwerk Johann Sebastian Bachs, aus seinem Orgelkonzert und späten Chorälen blieb optisch reduziert auf ein lähmendes Kammerspiel am Tisch mit vier Gesangssolisten in slow motion. Begleitet hat ein Ensemble aus Mitgliedern der Accadémie européenne de musique des Festivals, und auch die Sopranistin des Abends, die Irin Aoife Miskelly, ist eine ehemalige Teilnehmerin aus der das Festival seit Jahren begleitenden Akademiearbeit. Aus diesem Pool sind auch Olga Peretyatko aus Il turco, die Pamina Mari Eriksmoen oder Luca Tittoto der Schottenkönig aus Ariodante hervorgegangen. Die Akademie scheint ein funktionierender Umschlagplatz oder Treffpunkt zu sein, wo sich nicht nur junge Künstler für zukünftige Produktionen perfektionieren oder empfehlen. Jedes Jahr werden Regisseure, Sänger, Instrumentalisten oder ganze Ensembles eingeladen, hier mit gestandenen Künstlern zu arbeiten. Bis zum Ende des Festivals gibt es auch Konzerte der Teilnehmer. Im letzten Jahr hat der in Düsseldorf lehrende Komponist Manfred Trojahn die Festivalakademie geleitet. Dieses Jahr stellt er einen im Auftrag des Festivals komponierten Zyklus auf Texte des in der Provence geborenen Dichters René Char vor.
Für das provenzalische Festival sich der Ästhetik eines zu den Surrealisten und der Résistance zählenden französischen Autors zu bedienen, habe in mehrerlei Hinsicht nahe gelegen. Char habe in der rauen Umgebung, damals alles andere als eine Ferienlandschaft, Sinnbilder seines eigenen künstlerischen Überlebenskampf gefunden. Eine Form der Résistence sei das gewesen, die auch darauf abgezielt hätte, gesellschaftlich erwarteten Normen zu widersprechen. In einer solchen Positionierung erkennt Trojahn sich durchaus als Komponist Neuer Musik wider. Denn er hat nie zur Speerspitze einer Moderne gezählt, wollte kein Erfüller radikaler Normen sein. Bereits 2012 hat er im Auftrag vom Frankfurter Ensemble Modern eine Komposition an René Chars zentraler Aussage zünden lassen: „Vor dem Tod bleibt uns nur eins: Kunst zu machen.“ Mit Contrevenir – was soviel wie Entgegnung durchaus im kontroversen Sinne bedeutet, hat er das Stück überschrieben und es dem Andenken Hans Werner Henzes gewidmet, dem er sich künstlerisch eng verbunden fühlt. Contrevenir – im neuen Festivalzyklus ins Zentrum gestellt – für die französische Erstaufführung ist auch das Ensemble Modern angereist – hat Trojahn den Prosatext L’Éternité de Lourmarin für lyrischen Sopran und Ensemble neu ergänzt, ein imaginierter Gedankenaustausch Chars mit dem tödlich verunglückten Freund Albert Camus. Im provenzalischen Lourmarin hatte Camus einen Wohnsitz. Und dann einen der vielleicht provokantesten Sentenzen, für Sopran und Klavier, als bissigen Kommentar hinzu gefügt: „Gehorcht ihr euren Schweinen, die existieren. Ich unterwerfe mich den Göttern, die nicht existieren.“ Das und zum Ausklang ein Text, wieder für Sopran und Ensemble, mit dem irritierenden Titel L’Allegresse – er handelt nämlich von geistiger Entbehrung und Tod – fügt sich zu einem fast 40 minütigen duchlaufenden Gesamtwerk. Es gibt leise, sich aufbauende Klänge, die Bratsche spielt oftmals die erste Geige, opulente und feinherbe Klangnuancen, heftige Schlagzeugaktionen, ein Altposauenensolo. Sabine Devieilhe überzeugt mit einer in höchsten Tönen treffsicheren und mit pianissimo Dynamiken bezaubernden Stimme. Sie gehört ebenfalls zu den in der Akademiearbeit entdeckten Stimmen.
Dass sich auf diesem „Opern“-Festival ein auf Neue Musik neugieriges Publikum zeigt und in Konzertangeboten auf seine Kosten kommt, ist auch in dem Kammermusikkonzert mit dem jungen Belà-Quatuor zu erleben gewesen. Das neue Streichquartett von Jerôme Combier wartet nicht nur mit reibenden Microintervallverschiebungen auf, ein präparierter Steg auf den Streichinstrumenten sorgt für unerhört neue Klänge und eine gespenstische Atmosphäre. Zum Schluss werden die vier Streicher sogar von elektronischen Klängen aus der Ferne zum Schweigen gebracht. Parler longuement de fantômesUm von den Geistern zu sprechen lautet der Titel. Die Geister, die den Komponisten schon einmal verfolgen können, seien damit gemeint, erklärt der Primarius vor der Uraufführung. Das dritte Streichquartett von Béla Bartòk zum Schluss beweist dann wieder, wie radikal modern Bartok bereits 1934 komponiert hat.
Zu erwähnen wären auch noch die hochkarätigen Orchesterkonzerte, unter anderem mit dem Orchestre de Paris unter Paavo Järvi mit Waltraut Meier als Solisten in Richard Wagners Wesendonckliedern. Und die vielen Ereignisse, die man nicht mitbekommt, aber an den abendlichen Warteschlangen erkennen kann, beispielsweise vor dem Hôtel Maynier D’Oppède, direkt vis-à-vis zum erzbischöflichen Palast. Auch hier hat das Festival Musik im Angebot und noch bis zum 24. Juli! Zweifellos die musikalische Kultur boomt hier in Aix – Dank dieses Festivals, das hoffentlich zukünftig ungestört bleibt!
Sabine Weber

Das lange Sterben des G. v. Aschenbach! Die Deutsche Oper am Rhein zeigt Benjamin Brittens Death in Venice inszeniert von Immo Karaman

Raymond Very (Gustav von Aschenbach), Peter Savidge (Der Alte Gondoliere) Foto: Hans Jörg Michel
Raymond Very (Gustav von Aschenbach), Peter Savidge (Der Gondoliere) Foto: Hans Jörg Michel

Körperkult? Päderastie? Oder die Sinnsuche im ewig Schönen? Der römische Kaiser Hadrian hat seinen jungen Geliebten Antoninous vergöttert, ihm sogar Tempel gebaut. Die Knabenliebe ist bereits in der altgriechischen Kultur geheiligt worden und mit dem Gütesiegel des „pädagogischen Eros!“ geadelt worden. Heutzutage trifft die moralische Entrüsung nicht nur einen ehemaligen deutschen Abgeordneten. Auch eine Ausstellung des Malers Balthus im Folkwang-Museum ist wegen möglicher Missbrauchsvorwürfen im März diesen Jahres abgesagt worden. Vor gut 40 Jahren hat Benjamin Britten die abgöttische Verliebtheit eines alten Künstlers zu einem Jungen in einer Oper thematisiert. Thomas Manns Tod in Venedig war die Vorlage für seine letztes Bühnenwerk.
Von Sabine Weber

(Düsseldorf, 18. Juni) Im Laufe der fast 3 Stunden verlässt einen zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass sich hier einer erklären muss. Die dem Schriftsteller Gustav Aschenbach in den Mund gelegten Selbstbekenntnisse gehen über die fiktive Bühnenperson hinaus. „Leidenschaft ist Wissen … Sympathie Abgrund…“ Des öfteren blickt und hört man in düster-eratische, daher auch ermüdende Zustände einer gequälten Seele hinein. Die Oper ist ein riesiger selbstquälerischer Monolog. Scheint es am Anfang das Leid der versiegenden Schaffenskraft zu sein – dem Schriftsteller fehlen die Worte. So ist es bald die verzweifelte Leidenschaft zu Tadziu, einem Jungen, der ebenfalls im Hotel de Bain am Lido von Venedig logiert. Hat sich Britten nicht immer wieder mit jungen Sängern angefreundet, für die er auch Rollen schrieb? Eines seiner besten Werke, Young perons’s guide hat er ebenfalls für Jugendliche geschrieben. In den vorausgegangenen Opern mussten seine Jungs aber immer umkommen. Oft schon ist darüber diskutiert worden, dass Britten sich selbst mit den Opfern identifiziert haben könnte. In Peter Grimes mit dem Lehrjungen, Billy Budd, der Titelfigur oder Miles in The turn of the screw. Dieses Mal muss er als alter Mann sterben. Die anspruchsvolle Partie des Aschenbach hat Britten übrigens seinem Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears auf den Leib geschrieben. Beide wussten, dass mit Death in Venice der Schlusspunkt unter ihre 35jährige Zusammenarbeit gesetzt würde. Drei Jahre nach Vollendung und Uraufführung in Brittens Festspielort Aldeburgh ist der Komponist tot. Death in Venice mit der vielleicht kitschigsten, weil rührselig und teilweise mit larmoyant daher kommenden Klängen durchzogen ist sein letztes Bekenntnis. In der Regie von Immo Karaman endet die Oper in einem apotheotischen Orgienstandbild aus aufgetürmten Menschen, die dem Körper des toten Jungen huldigen, von Händen in die Höhe gehoben. Das bacchantische Gewimmel ist eine Antwort auf die magisch auftrumpfende Schlussmusik. Alles ein böser Traum? Bei dem Britten-Experten Karaman liegt die Regie in mehrfacher Hinsicht in guten Händen. Ist er doch für seine vorangegangenen Britteninszenierungen an der deutschen Oper am Rhein ausgezeichnet worden. An seiner Seite auch dieses Mal: Fabian Posca. Die Selbstbezogenheit Aschenbachs bringt Karaman mit einer engen abgeschotteten Kammer zum Ausdruck. Immer wieder senkt sich die Wand mit der Kammeraussparung um den auf einem Shippendalesessel sitzenden Aschenbach, der übrgens an Dirk Borgarde aus Lucchino Viscontis Verfilmung erinnert. Alles spielt im dunkelgrün tapezierten Foyer des Hotels. Der grandiose Blick auf den Lido ist nur zu hören. Die weiteren Personen haben etwas unheimliches. Allen voran die Baritonpartie des Hotelmanagers, Dionysos, Gondoliere und Friseur in Personalunion. Wie der Leibhaftige begleiten diese Personen Aschenbach ins tödliche Verderben. Karaman führt noch die Note des Grotesken hinzu. Vier Pagen mit Hörnchen auf der Stirn tanzen mit Moreskenhaft grotesken Bewegungen durchs Hotel oder rollen einen roten Teppich aus und wieder zusammen. Der Musik, eine seismographisch genaue Psychologisierung des zu jedem Zeitpunkt ernst genommenen Seelenzustands des Protagonisten, fügt Karaman optisch den Aspekt des Lächerlichen hinzu. Denn wer würde leugnen, dass die Situation, in die sich der alte Geck immer mehr hinein steigert, etwas lächerliches hat. Die Figur des Tadzius hat Britten übrigens einem Tänzer zugedacht und damit sichergestellt, dass zumindest ein Mindestmass an körperlicher Schönheit mit der Rolle gesichert ist. Für die Düsseldorfer Bühne ist ein jugendlicher, noch nicht ausgewachsener Tänzer gefunden worden, choreographiert und inszeniert von Fabian Posca. Noch ein zweiter jugendlicher Tänzer tritt auf – eine Entsprechung für die Apollon-Dionysos Auseinandersetzung, die Britten zusammen mit seiner Librettistin Myfanwy Piper über Thomas Manns Vorlage hinausgehend eingefügt haben. Aber „muss das Streben nach Schönheit, nach Liebe ins Verderben führen?“ So fragt sich zum Schluss ein sterbender Aschenbach. Heutzutage sicherlich, wenn das Schöne in minderjährigen Körpern begehrt wird. Dass eine Oper diese Sucht drei Stunden lang zelebrieren darf, hängt damit zusammen, dass erstens Nobelpreisträger Thomas Mann eine literarisch unumstößliche Instanz ist, zweitens ebenso Britten eine musikalische, dessen 100. Geburtstag letztes Jahr die Musikwelt weltweit gefeiert hat, drittens die Musik immer noch eine der unbegrifflichsten und sich am meisten der Plakativität entziehenden Kunstform darstellt. Vom künstlerischen Standpunkt aus hat die Oper am Rhein mit Death in Venice einen fürs Publikum anstrengenden, dennoch großartigen Schlussstrich unter die Britten-Ära gesetzt. Überragend: Raymond Very, der im Dauereinsatz das lange Sterben des Aschenbach bis zuletzt mit großer und einfühlsamer Stimme verkörpert. Und Peter Savidge ständig in anderen Erscheinungen an seiner Seite. Überzeugend auch die beiden jungen Tänzer Jarod Rödel und Nikolai Petrak von der Staatlichen Ballettschule in Berlin. Der Düsseldorfer Chor, vielfach im Bühneneinsatz, und die Düsseldorfer Sinfoniker im Graben lieferten unter Gastdirigent Lukas Beikircher musikalisch ganze Arbeit.