3. Ausgabe von Felix! Original. Klang: Großartige Chöre unter Vaclav Luks und Howard Arman! Gambe trifft auf Dhrupad-Gesang und Jazz-Posaune auf Josquin

(26. bis 28. August, Kölner Philharmonie, Wallraf-Richartz-Museum, Stiftersaal) Endlich mal wieder Chöre! Zumal das Collegium Vocale 1704, begleitet von 13 Musiker*innen dynamisch ausgefeilt und atemberaubend sauber Messteile erster Güte von Jan Dismas Zelenka vorträgt.
Václav Luks ist Zelenka-Spezialist und hat sich eine best-off Messe aus verschiedenen Mess-Vertonungen Zelenkas zusammen gestellt. Wuchtiges Oktavthema und Fugenspiel im Gloria in excelsis (aus der Missa Judica me). Sopran- und Altsolistin, von drei Posaunen begleitet, bitten im Qui tollis peccata mundi um Erlass der Sünden. Sechs Solisten bis hin zu einem Solistenquartett singen aus dem Chor heraus oder treten vor. Im Credo gibt es doppelchörige Aufstellung. Was für ein Kontrast und Stimmungswechsel zwischen affirmativem Glaubensbekenntnis und dem Crucifixus, einer Bezeugung mit atemloser Betroffenheit nach dem Wort passus – es bedeutet tot, und sepultus est – begraben worden! Zum Resurrexit dann auffahrende Tonleitern in den Streichern. Wie Zelenka im Dienst August des Starken rhetorisch arbeitet, mit Farben ausmalt und auch rhythmisch agogisch so vielfältig agiert, weist ihn als Kirchenkomponist von erster Güte aus. Lateinischer Messtext hin oder her, es klingt sogar einige Male wie reinste Liebeserklärung im Opernkontext.

Collegium Vocale 1704 ist ein austariert konturierter Chor, der seinesgleichen sucht

Václav Luks. Foto: Petra Hajska

Opernhaft ist schon das vorangestellte Laudate Pueri für Sopran, Flöte, Streicher und B.c. von Antonio Vivaldi. Vivaldi hat es ebenfalls für Dresden und den Hof August des Starken komponiert, scheint sich aber um den Textausdruck im geistlichen Sinne – anders als Zelenka – herzlich wenig zu kümmern. Ein Siciliano, der weihnachtliche Wiegenlied-Klassiker, für das Excelsus, das Macht und Herrlichkeit des Herrn preist, scheint sogar Widerspruch herauszufordern. Die Solistin Nicola Hillebrand bändigt den opernhaften Ausdruck im Korsett der Kirchenmusik elegant, ohne ein Quantum an Ausdruck auszulassen. Unter Vàclav Luks beglückt ein im Zusammenklang wunderbar austariert und konturierter Chor, der seinesgleichen sucht.

Mit  Wellness-Touch – Maquam und Raga trifft auf Marin Marais

Romina Lischka. Foto: Marisa Vranjes

Zum Nachtkonzert danach luden Gambistin Romina Lischka und die marokkanischen Maquam-Sängerin Ghalia Benali zu einer Transition ein. Schon letztes Jahr haben sie beim Felix-Festival fernöstlichen Gesang und französische Gambenmusik zusammen gebracht. Dieses Mal ist noch Kemencheh-Spielerin Neva Özgen dabei. Und auch Videobilder flimmern über eine Leinwand im Stiftersaal des Walraff-Richartz-Museums.

Ghalia Benali. Foto: Karim Hayawan

Wieder einmal erstaunt, wie Rondeau-artige Solopiècen von Marin Marais zu den Orientalismen der stimmlichen Improvisationen Ghalia Benalis passen. Melancholie scheint die Brücke zu sein. So beginnt es mit dem Tombeau pour Marais le cadet – also einer Trauermusik in g-moll mit wiederholtem Rondeau aus dessen 5. Buch. Das Stück erklingt im Original ebenso wie später Carl Friedrich Abels aus Arpeggien bestehendes Prelude WKO 205. Die gesungenen Worte sind nicht zu verstehen. Was irgendwie auch keine Rolle spielt. Es geht um die Stimmung. Die Atmosphäre.

Die Kemencheh von Neva Özgen sieht nicht aus wie die bekannte klassische Spießgeige mit rundem Kürbiskörper und Stachel. Sie ist eher langgezogen wie die maurische Rabab, das Vorläuferinstrument der Viola da gamba. Beide Instrumente finden jedenfalls im Duo, in bizinienartigen Stücken ganz natürlich zusammen. Mikrotonal ausgespielte Tonglissandi oder schräge, exotische Intervalle würzen. Auch wenn viele Cross-Over-Projekte die Klassik aufweichen. Hier entsteht wirklich etwas Neues, Musikkultur in Kontur findet zusammen. Die Videosequenzen von Folkert Uhde, die mit im Wind wogenden lila Kornblumen beginnen, wirken wie Wellness-Wohlfühl-Werbung. Das sorgte schon gar nicht für Trance und Ekstase, wie mit dem Konzert-Titel Transition verknüpft angekündigt wurde. Der Platznachbar nebenan versinkt wohlig in Tiefschlaf, sodass Gefahr besteht, dass er vom Stuhl kippt. Die Damen in schwingenden Röcken über Wiese schwebend und Strohblumen zupfend rufen sogar die Reformbewegung Anfang des vorigen Jahrhunderts wach. Oder haben die weichgezeichneten Bilitis-Mädchen hier Pate gestanden? Musikalisch aber ein überzeugender Abend, der mit dem berühmten Bachchoral Befiehl Du deine Wege abgerundet wird.

Nils Landgren im Zentrum. Foto: Sabine Weber

O/Modernt Kammerorchester huldigt Miles Davis zum 30. und Josquin zum 500. Todestag

Cross-Over bringt auch das O/Modernt Kammerorkester mit Konzertmeister und Dirigent Hugo Ticciati an diesem Festival-Wochenende auf das Podium der Kölner Philharmonie. Im Mittelpunkt ein Jazz-Quartett mit Schlagzeuger Robert Ikiz, Bassist Jordi Carrasco Hjelm, Arrangeur und Pianist Gwilym Simcock sowie Nils Landgren in roten Schuhen mit roter Posaune! Miles Davis 30. Todestag und Josquins 500. Todestag liefern Anlass für diesen Abend und das Konzept von O/Modernt, neues Hören durch Gegenüberstellung und Zusammenbringen von Ungewohntem zu provozieren. Die Bearbeitungen Josquins von Johannes Marmén, geigender Coleader neben Ticciati, schienen mehr oder weniger lediglich Klang aus zudimensionieren. Das kontrapunktische Markenzeichen Josquins verliert sich. Landgren findet nicht rein, hat Mühe, seine Töne zu treffen. Auf dem Klavier dazu Debussy-Jazz. Ganztonharmonien, die ein bisschen daran erinnern, wie zur Zeit Debussys das Mittelalter mit modalen Klängen wiedererfunden wurde. Sobald Miles Davis in der Bearbeitung von Gwilym Simcock auf den Plan kommt, ist jegliche „Bemühtheit“ fott und Schwung in der Bude. Landgren zeigt, was er drauf hat. Der mit zwei legendären Akkorden unterkühlt vorspielende Klassiker So what lässt das Stimmungsbarometer in die Höhe schießen. Mit Bass-Solo und einem Landgren, der auspackt, was er drauf hat, abgestimmt mit Ikiz‘ Schlagzeugfarben. Sie sind ein hörbar eingespieltes Team. Die dreistimmige Josquin-Chanson La plus de plus mit Violine, Viola und Violoncello ist dann die letzter Antiklimax, bevor mit Miles Davis und Landgren die Bude wieder kocht. Stehende Ovationen der Nils Landgren-Fans. Alte Musik war das nicht. „So what!“ – „was soll‘s!“ Die Streicher zumeist auf Filmorchester-Untermalung festgesetzt, durften sich mit originalem Igor Strawinsky freispielen.

Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble. Foto: Sabine Weber

Großartiges Chorklangfest. Im Finale steht Howard Arman vor dem Balthasar-Neumann-Chor

Der Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble unter Howard Arman im Finale sorgt für ein großartiges Klangfest! Und das Konzert bietet diesmal ein pures Konzept! Mehrchörigkeit von Giovanni Gabrieli für die verschiedenen Sängeremporen der venezianischen San Marco erfunden, kombiniert mit mehrchörigen Werken seines Schülers Heinrich Schütz im zweiten Teil, der hören lässt, wie genial das Klangraumkonzept weiterentwickelt wurde. Immer wieder neu formieren sich die 14 Sänger, die zwei Violinen, Bratsche, zwei Zinken, drei Posaunen und das Violoncello um die Harfe und die zwei Chitarronen in der Mitte. 8, 12 stimmig, doppelchörig, mehrchörig. Dennoch geht es hier nicht um Klanggewalt. Edel ausgewogen und absolut textverständlich wandern die lateinischen Worte zumeist der Psalmvertonungen durch den Raum. Die verteilte Gruppen sind mal vier Männerstimmen, drei Posaunen und ein Sopran, oder Violoncello, zwei Zinken und Bass. In ecclesiis benedicite wechseln sich Chorsolisten und Tutti jeweils mit den Zeilen ab. Für das berühmte Gabrielische O Magnum mysterium stehen acht Männer im inneren Kreis. Noch magischer ist dann Heinrich Schützens 12 stimmiges Saul, Saul, was verfolgst Du mich. Die Stimme Gottes verteilt sich auf Solisten und Tutti, die immer wieder diesen einen Titelsatz wiederholen, bis er im pianissimo erstirbt.

Howard Arman. Foto: Astrid Ackermann

Absoluter Höhepunkt ist Schützens Hoheliedvertonung Stehe auf, meine Freundin SWV 498. Wie das aufgeregte, fast vorwurfsvolle „Du hast mir mein Herz genommen!“ von der Zeile „Küsse mich“ aufgelöst, der Widerstand gebrochen wird, ist höchst erotisch. Howard Arman kitzelt die Nuancen heraus. Er ist ein bewährter und immer noch begeisternder Chorleiter mit Herz und Blut! Einmal wendet er sich ans Publikum, um sich für die Choreografie zu entschuldigen. Wobei es faszinierend ist, wie 30 Leute vor jedem Stück ruhig und gezielt durcheinander gehen und ihr Pult finden. Vor dem letzten Stück der Hinweis: „Jetzt sind alle da!“ – jetzt singen alle! Große Begeisterung, ebenfalls stehende Ovationen. Ein gelungenes Festival geht zu Ende. Nur die Philharmonie dürfte doch etwas voller gewesen sein!

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